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Verweichlichung oder Gefahr?

Montag, 06. Februar 2012, 06:30 Uhr
100 Kilometer zu Fuß. Für Bodo Schwarzberg überhaupt kein Problem. Doch bei Temperaturen unter minus 10 Grad Celsius - wie sieht es da aus. Ein Bericht dazu aus Sachsen in Ihrer nnz...


„Ich rate geschwächten Menschen, sich ab einer gefühlten Temperatur von minus 13 Grad nicht mehr draußen aufzuhalten“, sagt Koppe-Schaller. „Aber auch alle anderen sollten jede ungewohnte Anstrengung im Freien vermeiden.“ – So schrieb FOCUS-online am 31.01.2012.

Die pauschale Empfehlung, sich bei größerer Kälte von der frischen Luft fernzuhalten, halte ich persönlich für eine Anleitung, die allgemeine Verweichlichung der Bevölkerung noch weiter zu erhöhen. Für ein Gemeinwesen, dessen Leben sich zu vielleicht 90 % hinter Glas und Beton abspielt aber sind derartige Publikationen Wasser auf die Mühlen von althergebrachten Ängsten vor der gefährlichen „Wildnis“ mit all ihren „Unbilden“.

Natürlich ist es gefährlich, bei großer Kälte still zu stehen und sich einfach nur zu sagen, „Mann ist das eine Dürre heute“, statt sich zu bewegen. Letzteres aber ist die natürlichste, seit Jahrhundertausenden bewährte Form der gleichwarmen, mit wenig Fell ausgestatteten Organismen, mit Kälte umzugehen. In demselben Beitrag werden die natürlich nachweislichen Einflüsse starken Frostes auf das Immunsystem und auf die Kreislaufregulation dargestellt.

Und genauso selbstverständlich sollte es für kranke, alte und gesundheitlich geschwächte Menschen sein, bei großer Kälte besondere Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Der durchschnittlich gesunde Mitteleuropäer aber war das Leben in harten Wintern von jeher gewohnt. Diese Winter bestimmten den Ablauf ganz alltäglicher Handlungen, so in der Landwirtschaft, bei den üblichen Besorgungen per Kutsche und Handwagen zum Beispiel oder auch bei Verwandtenbesuchen im 5 km entfernten Nachbardorf.

Ein Organismus, der sich von ganz natürlichen Wettererscheinungen weitestgehend fernhält, verliert Widerstandsmöglichkeiten. Gerade wurden z.B. Studien über den latenten Vitamin-D-Mangel bekannt, der eine Folge der geringen Menge Tageslichtes ist, der sich die Bewohner der Industrieländer üblicherweise und vor allem im Winter aussetzen. Außerdem hieß es in dem FOCUS-Beitrag, die Rate von Herzinfarkten und Schlaganfällen würde sich in strengen Wintern erhöhen: Das mag so sein. Der Hauptgrund für diese Entwicklung aber, unsere verbreitet ungesunde Lebensweise aber, blieb unerwähnt.

100 km bei -12 C im Raum Dresden

Ich fuhr absichtlich nach Dresden zu einer Nonstop-Wanderung über100 km, weil es so kalt war, um einige alte Freunde wiederzusehen und das wunderschöne, im Krieg so gebeutelte Dresden zu besuchen und um die sächsische Freundlichkeit zu genießen. Tatsächlich aber wurden nur nur -12°C und keine -17 oder -20 gemessen. Dennoch hatten wir eine schöne Wanderung!

Die Teilnehmer

Oft werde ich gefragt, wer sich denn so etwas „Abnormes“ wie eine 100 km-Wanderung rund um die Uhr antut. Ich möchte Ihnen einige Teilnehmer kurz vorstellen: Wanderleiter Henry ist Anfang 60 und sorgte um das Jahr 2000 mit seinen tatsächlich extremen Nonstopwanderungen über 222, 270, 333 und 444 km im Raum Dresden für mediales Aufsehen. Jede Strecke für sich bedeutete für das jeweilige Jahr Gruppen-Nonstopwander-Weltrekord: Eine Gruppe von fünf Personen mindestens musste das Ziel erreichen: Ich selbst fühlte mich damals noch nicht zu solchen Touren in der Lage und absolvierte erst 2002 einen langen Kanten über 225 km nonstop von Dresden über Riesa und Chemnitz nach Leipzig anlässlich der Leipziger Olympiabewerbung für 2012 auf Initiative des damaligen Leipziger OB Wolfgang Tiefensee.

Henry ist nicht nur leidenschaftlicher Wanderer, sondern auch Heimatkundler: Wer sich für sein Dresden und für die die Stadt umgebende Landschaft und deren Geschichte interessiert, der findet in ihm eine unerschöpfliche Informationsquelle.

Jürgen aus dem Vogtland absolvierte bisher rund 350 Hunderter. Niemand in Deutschland hat so viele dieser Touren gesammelt wie er. Zudem stand er vor einigen Jahren als erster Vogtländer auf einem Achttausender und zwar auf dem 8201 m hohen Cho Oyu im Himalaja.

Mit dabei am diesem Wochenende war auch Dieter, jetzt Anfang 70. Er absolvierte alle oben genannten Superhunderter erfolgreich und verschließt sich trotz seines Alters auch neuen Rekordversuchen nicht.

Neben weiteren Teilnehmern (außer mir sämtlich aus Sachsen) sei noch ein Unternehmer zu nennen (66), der noch nie einen Hunderter absolvierte und dem wir sofort sympathisch waren, weil gleich bei der ersten Pause fast jeder eine Flasche Bier vor sich stehen hatte. Apropos Genussmittel: Bier gehört bei vielen Wanderungen bei uns dazu. Dass diesmal auch noch 50% unterwegs ab und zu zum Glimmstängel griffen, das allerdings war ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz. Alle Gestarteten, unter ihnen eine Frau, erreichten das Ziel.

Die Route

Diese möchte ich nur ganz kurz und grob nennen. Wir wanderten in mehreren „Runden“ immer wieder zu einem von zwei Verpflegungspunkten zurück: Zu einem Fitnessstudio und zu einer Firma.

Dresden Pieschen-Altübigau-Dresden Gorbitz-Zöllmen-Kesselsdorf-Grummbach-Wilsdruff-Freital-Kesselsdorf-Steinbach-Pennrich-Ockerwitz-Leutewitz-Windmühle Altcotta-Alt Trachau-Dresden-Pieschen-Drachenschlucht / Räuberhöhle- Drachenberger Geländestufe-Dresden Pieschen- Proschhübel (Aussichtspunkt)-Trümmerberg - JVA Hammerweg – St. Pauli Friedhof-Dresden-Pieschen
Geschichtsträchtige Wanderung

Gegen Ende unserer Tour wanderten wir u.a. durch jahrzehntelang von Militärs genutztes Gelände. Eigenartigerweise wurde der riesige Komplex mit zahlreichen früheren Kasernen bei den Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945 großflächig nicht zerstört. Im Bild ist unter anderem das ehemalige Militärgericht zu sehen. (Fotos) Hier ein Auszug aus www.dresdner-stadtteile.de:

„Seit 1901 befand sich auf der Fabricestraße 6 das Militärgericht der Dresdner Garnison mit angeschlossener Militärarrestanstalt. Hier wurden bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ausschließlich Militärangehörige verurteilt und inhaftiert. Ab 1920 dienten die Gebäude als zivile Strafanstalt, nach 1933 wieder als Gerichtsgebäude des Divisionsgerichts 404 der Wehrmacht. Am 15. September 1945 bezogen Untersuchungshäftlinge des Dresdner Landgerichts die ehemalige Arrestanstalt, während das eigentliche Gerichtsgebäude zeitweise als Sitz der Landesverwaltung Justiz und der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen diente.

1949 mussten die Justizbehörden ihr Domizil zugunsten der Deutschen Volkspolizei bzw. der Sowjetarmee verlassen. Heute befindet sich hier der Sitz der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Im früheren Gefängnisgebäude soll künftig das Depot des Militärhistorischen Museums untergebracht werden. „

Außerdem erwanderten wir den so genannten Trümmerberg (Fotos) in demselben Gebiet, auf dem tausenden Tonnen Schutt nach den Bombenangriffen abgelagert wurden. Auf dem höchsten Punkt befindet sich heute ein Aussichtspunkt, von dem aus wir das neue Dresden bewunderten. In der Nähe der so genannten Räuberhöhle besichtigten wir zudem eine Flakstellung aus dem 2. Weltkrieg, von der aus angeblich zwei britische Bomber abgeschossen wurden, die von den Hauptpulks abgewichen waren und den nahegelegen Dresdner Flughafen zerstören sollten.

Das aber sind nur Auszüge aus dem breiten Spektrum der Sehenswürdigkeiten, mit denen uns unser Wanderleiter vertraut machte.

War es wirklich so kalt?

Ich persönlich habe nur auf den Bahnhöfen gefroren, nachdem wir Fahrgäste zu nicht fahrplangemäßem Warten verdammt waren. Die Luft war trocken und es wehte kaum ein Lüftchen. Die Wanderbedingungen waren von daher ganz hervorragend, zumal für jemanden wie mich, der recht schnell ins Schwitzen kommt. Gerade während der Nacht sorgte der millionenfach glitzernde, unter den Füßen singende Schnee für ein in unseren Breiten nur selten zu beobachtendes Naturschauspiel.

Niemand klagte über irgendwelche Blessuren, weder Erfrierungen, noch Blasen an den Füßen.
Wenn einer eine (kleine) Reise tut…

Natürlich gibt es viel schlimmere Dinge, über die es sich aufzuregen lohnt: Dennoch zeigte sich erneut der Widerspruch zwischen dem hohen Anspruch der Deutschen Bahn und der Realität: Schließlich hatte sie ja die Fahrpreise erst kürzlich wieder um 3,9 % erhöht. Kein Zug hielt auf der Hinfahrt den Fahrplan ein, Schienenersatzverkehr von Coswig bis Dresden-Pieschen. Sperrung des Hauptbahnhofs Halle (Saale) wegen eines herrenlosen Koffers (für den die Bahn natürlich nichts kann), in Leipzig zeitweise fehlende Anzeige am Abfahrtsgleis meines Zuges nach Dresden, auf der Rückfahrt Schienenersatzverkehr an einer anderen Stelle mit widersprüchlichen Informationen der Bahnbediensteten und mit langen Wartezeiten.

Auf den meisten Bahnhöfen sind die Bahnhofsgebäude heute geschlossen. Zu DDR-Zeiten konnten sich die Reisenden dort aufwärmen. Auf der Hinfahrt fiel mir ein Rollstuhlfahrer auf, der in Coswig zum Schienenersatzverkehr wollte und die Bahnhofstreppen nicht hinunterkam. Zunächst half niemand, als er sich vor dem Treppenabgang aus seinem Rollstuhl quälte. Erst als ich mich anschickte, ihn bzw. den Rollstuhl zu tragen, verloren mehrere „Zuschauer“ ihre Scheu und kümmerten sich mit um ihn. Dadurch verpassten wir den ersten SEV-Bus und ich um ein Haar den Start. Hätten die anderen Fahrgäste den Bus nicht zum Warten auffordern können? Sie taten es nicht. Aber das Wegsehen ist nicht nur ein Problem, dass Reisende zeigen. Es ist kein direktes Bahnproblem.

Zur Ehrenrettung der Bahn möchte ich allerdings anfügen, dass sie Mitarbeiter zur Information der Reisenden abgestellt hatte und dass diese sehr freundlich waren.

Die Krönung aber gab es nach meiner Rückkehr nach Halle. Da ich wusste, dass ich den letzten Zug nach Nordhausen nicht mehr erreichen würde, war ich mit dem Auto nach Halle gefahren um von dort die Bahn zu benutzen. Als ich nun Sonnabendnacht wieder ins Auto steigen wollte, stellte ich fest, dass mein rechter Außenspiegel abgerissen worden war. Anruf bei der Polizei, die mir, um lange Wartezeiten in der Kälte zu vermeiden, vorschlug, zu einer Polizeidienststelle zu fahren, um Anzeige zu erstatten.

Glücklicherweise kenne ich mich als „Alt-Hal(l)unke“ in der Saalestadt aus und war schnell an der Polizeidienststelle in Halle-Neustadt. Die Beamten dort waren nett und nun hoffe ich, dass mir die Teilkasko den Schaden bezahlt.

Und die nächste Tour?

Am kommenden Wochenende startet der 13. Südharz-Hunderter von Halle nach Nordhausen. Zwei Hunderter innerhalb von zwei Wochen (für mich Nr. 119 und 120) sind bei mir nicht die Regel, da ich meinem Körper gern eine etwa einmonatige Erholung nach einem Hunderter gönne.

Zumindest ein Teilnehmer der gerade absolvierten Dresdner Tour hat sein Kommen zugesagt. Ich werde den nnz-Lesern darüber berichten.
Bodo Schwarzberg

Zu den Bildern: Diese zeigen unter anderem den Aufstieg auf den Trümmerberg, das ehemalige Militärgericht und den Aufstieg zur ehemaligen Flak-Stellung. Alle anderen Bilder erklären sich meist aus sich selbst.
Autor: nnz

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