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nnz-Forum: Der Schrei des Kontrabassisten

Donnerstag, 02. Februar 2012, 19:37 Uhr
Zur Premiere von Patrick Süskinds "Der Kontrabass" in der Nordhäuser Traditionsbrennerei erreichte die nnz eine Betrachtung von Moritz Arand...


Die Niederlage der Traditionsbrennerei ist bestuhlt. Auf einer kleinen Bühne, die nur leicht über dem Boden schwebt, steht links ein Stuhl, in der Mitte das noch verhüllt Instrument, rechts daneben etwas erhöht ein schwarzlederener Sessel. Begrenzt wird die Bühne auf der rechten Seite durch eine Art Schreibtisch, den ein Schallplattenspieler und diverse Tonträger aus Vinyl drapiert belagern.

In diesem Ambiente, das ein wenig im Gewand einer bayrischen Boulevard-Komödie daherkommt, verfolgt der Zuschauer den Monolog von Süskinds Kontrabassisten, gespielt von Frank Sieckel, der in seinem schallisolierten Zimmer die Zeit bis zur abendlichen Premiere ausharrt.

In der Koproduktion des Theater Nordhausen mit Echter Nordhäuser Traditionsbrennerei steht eine Figur auf der Bühne, die durch manischen Berg- und Talfahrten zwischen den Extremen ihrer Emotionalität hin und her tanzt – mal schwärmerisch verliebt, mal grobianisch wankend.

Als grundzynischer Mensch gibt der Kontrabassist seine Unzufriedenheit über seinen Stand kund und stilisiert sich und seine Zunft zur eigentlich treibenden Urkraft des Orchesters und der Musik im allgemeinen. Allerdings mischt sich in diese hybride Selbstbeweihräucherung immer auch die tiefe Betroffenheit eines enttäuschten Musikers, dem man seine Verzweiflung anmerkt. Er ist unglücklich in die eklatant schön singende Sopranistin Sarah verliebt, die ihn nicht kennt, weil er im Orchstergraben ganz hinten sitzen muss, peripher dahinstreichend Angst hat vergessen zu werden.

Er empfindet sein Instrument mal als das Maß aller Dinge, dann wieder als Behinderung, die man schleppen muss, die einem die zwischenmenschlichen Ereignisse verargt. Dieses Spiel von Anziehung und Abscheu, das sich nicht nur auf das Instrument beschränkt, weil es doch das eigentliche Symbol der Problematik ist, hat viele heitere Momente, die die Lacher auf ihrer Seite haben.

Der Anti-Wagnerianer, allein das macht die Figur schon sympathisch, wird von Frank Sieckel mal bockig-schuljungenhaft, mal romantisch-schwärmend, mal niedergeschlagen gespielt. Die agogische Verschleppung des Tempos, das Aufwallende, das immer wieder plump in sich zusammenfällt, steht synonym für das Wesen des Musikers.

Auch die poröse vierte Wand wirkt nicht aufdringlich. Es hat mit unter eher den Anschein, als verschiebe Frank Sieckel mit seinem Spiel lediglich diese berühmte Wand, ohne sie fallen zu lassen.

Wenn die Mobilfunknetz-Interferenzen, die gelegentlich über die Lautsprecher störend eingreifen, vermieden werden können und die Farbe des Hemdes, das Frank Sieckel trägt, eventuell einem Wechsel unterzogen werden kann, dann kann man sich auf ein sehr herzliches Stück freuen, in dem ein sympathischer Neurotiker einen Anekdotenlauf durch die Musikgeschichte vorführt, sich ein ums andere Mal in seinen abschweifenden Gedanken verliert, aber immer wieder zum eigentlichen Punkt, nämlich sich selbst zurückkehrt.

Die Figur weiß um ihr Freud und Leid, um ihre Lust und Unlust. Dieses Wissen führt aber in dieser Inszenierung nicht zum harten Ernst des Zynikers, nicht zum brutalen Klarsehen in die Tiefen des drohenden Nichts, was im Text von Süskind durchaus angelegt ist. Und gerade dieses Fehlen tut dem Stück in dieser Umgebung gut. Die kabarettistische Einflüsse, die Frank Sieckel nicht fremd sind, wechseln mit den Wetterleuchten einer tiefgründigen Dramatik der Figur. „Bin ich überhaupt zumutbar?“, fragt die Figur. Man will ihr antworten: Ja!
Moritz Arand

Der Kontrabass
Ein Abend mit Frank Sieckel
mit: Frank Sieckel
Inszenierung: Frank Sieckel
Ausstattung: Frank Sieckel, Roland Winter
Premiere: 28.01.2012
Weitere Vorstellungen: 05.02., 12.02., 17.02.
Autor: nnz

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