Menschenbilder (30)
Freitag, 20. Januar 2012, 06:32 Uhr
Aus dem Ende vergangenen Jahres erschienenen reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
Für seine honorige, offene Rede bekam Peter Heiter viel Beifall. Wäre er parteilos, wäre er vermutlich ein Bürgermeister, wie ihn Nordhausen jetzt dringend braucht, schrieb ein westdeutscher Journalist im Harz-Kurier nach der letzten Sitzung der Stadtverordneten unter seiner Leitung am 17. Januar 1990.
Und auch noch heute, mehr als 20 Jahre nach den turbulenten Wendeereignissen in der Rolandstadt, wird der am 25.05.1943 in Görlitz geborene Kommunalpolitiker auf Grund seiner Bürgernähe, Kompromissfähigkeit und wegen seiner Haltung in jenen historischen Monaten geschätzt und geachtet. Für mich war es damals eine logische Konsequenz, dass ich als SED-Mitglied abtreten muss, sagt er. Notwendig war ein neutraler Bürgermeister, der von den Bürgerrechtlern und von den Bürgern akzeptiert wurde. An erster Stelle stand die Notwendigkeit, das kommunale Leben aufrecht zu erhalten. – Als seine Nachfolgerin hätte er sich ganz in diesem Sinne Gisela Hartmann gewünscht, die auch zur Wahl antrat, aber nicht die erforderliche Stimmenzahl auf sich vereinen konnte.
Der Vater von Peter Heiter, Hermann Heiter, arbeitete als selbstständiger Kaufmann und stammte aus Nordhausen. Sein Onkel Theo Heiter war ein über die Grenzen der Stadt hinaus bekannter Turner. Auf der Flucht vor der nach Westen strebenden Roten Armee verschlug es die Familie von Hermann Heiter 1945 von Görlitz aus zunächst nach Wansleben am See. Elf Jahre später gelang es ihm schließlich, seinen seit langem gehegten Wunsch, in seine Heimatstadt an der Zorge zurückzukehren, in die Tat umzusetzen. Auf Grund der schweren Zerstörungen gab es hier damals kaum Wohnraum. Weil mein Vater aber einen Nordhäuser Hausbesitzer aus der Blödaustraße für die Durchführung dringender Sanierungsmaßnahmen finanziell unterstützte, durften wir in dieses Haus 1956 mit einziehen, erinnert sich Peter Heiter.
Um sich noch mehr seiner großen Leidenschaft Segelfliegen widmen zu können, verzichtete er auf das Abitur und verließ die Humboldt-Oberschule bereits nach der zehnten Klasse. Nach einer Berufsausbildung zum Baumaschinisten im damaligen VEB (K) Bau, dem späteren Hochbaukombinat, blieb er bis 1963 in seinem Lehrbetrieb. Besonderen Respekt empfand er gegenüber den Bauarbeitern, die er vor allem auf Grund des schweren Wiederaufbaus der Stadt wertschätzte. In demselben Jahr wurde Peter Heiter Mitglied der SED.
Bereits mit 13 war der sport- und technikbegeisterte Schüler in die GST-Sektion Flugsport eingetreten, erwarb mit 17 die Segelflugerlaubnis und erhielt 1961 die Silber C, ein damals noch sehr selten vergebenes Leistungsabzeichen. Bis 1973 nahm er ehrenamtlich die Aufgaben eines Fluglehrers wahr. Am Segelfliegen reizte mich dessen Naturnähe, aber auch die Kameradschaft unter den Sportlern. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, in der sich jeder auf den anderen verlassen konnte, denkt er zurück.
Nach dem Ende seiner dreijährigen Armeezeit im Jahre 1966 begann für Peter Heiter eine lange kommunalpolitische Laufbahn. Arbeiter in die Verwaltung lautete die Losung, die ihn zunächst in die Organisationsabteilung des Rates des Kreises führte.
1971 wurde Peter Heiter persönlicher Referent des Vorsitzenden des Rates des Kreises, also gewissermaßen dessen persönlicher Sekretär, dem die Koordinierung von Terminen ebenso oblag, wie das Schreiben von Referaten und die Beantwortung der Post, inklusive der Eingaben. Gerade auf Grund letzterer Aufgabe lernte ich Land und Leute kennen. Mir war stets klar, dass unter den damaligen Bedingungen nicht alle Probleme tatsächlich lösbar waren. Aber ich war von der Sache des Sozialismus überzeugt und glaubte daran, dass wir die meisten Schwierigkeiten mit viel Einsatz würden beseitigen können, sagt er. Und er wusste, dass dies nur mit den Menschen möglich sein würde.
Peter Heiter qualifizierte sich parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit in Rodewisch zum Ökonom, erwarb in einem Fernstudium an der halleschen Martin-Luther-Universität das entsprechende Diplom und besuchte zwei Jahre lang in Erfurt die Bezirksparteischule. Von 1982 bis 1985 wirkte der Kommunalpolitiker als Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik bei der SED-Kreisleitung. Seine mit dieser Tätigkeit verbundenen Aufgaben waren vielfältig. Da zu ihnen auch die Ausarbeitung von praktikablen Lösungen für die allgegenwärtigen Material- und Versorgungsprobleme im Handel, dem Handwerk und im Dienstleistungsbereich gehörte, wusste Peter Heiter um die weit verbreiteten Sorgen und Nöte in den verschiedensten Bereichen der Wirtschaft. Besonders während dieser Zeit lernte er alle Leitungskader aus Industrie, Bauwesen und den anderen materiellen Bereichen kennen. Das war für seine spätere Tätigkeit als Bürgermeister bedeutungsvoll.
Auf Grund seiner Erfahrungen in der Kommunalpolitik und auf Grund seiner Qualifikationen, wurde Peter Heiter zum 01.04.1985 von der Stadtverordnetenversammlung als Bürgermeister und damit als Nachfolger von Herbert Otto berufen. Er denkt nicht ungern an diese Zeit zurück, weil er sich, wie er selbst sagt, den vielfältigen Anliegen der Menschen, zum Beispiel bezüglich der Situation in den Wohngebieten, sowie ihrer mitunter schlechten Wohnsituation, widmen konnte. Ich wollte die Masse der Nordhäuser mitnehmen, und sie auch motivieren, selbst mitzugestalten, sagt er. Einmal monatlich besuchte er mit dem gesamten Rat einen der 36 Nordhäuser Wohnbezirke, um sich vor Ort ein Bild von den Problemen zu machen: Ich habe immer offen gesagt was ging, und was nicht. Material für einen Plattenweg zu beschaffen, war meist möglich, bei Bananen hingegen musste ich passen, schmunzelt er.
Besonders die Wohnungsprobleme in der Stadt taten Peter Heiter, wie er sagt, in der Seele weh. Wir hatten in jedem Jahr 2.000 Wohnungssuchende, aber nur 400 bis 500 neue Wohnungen. Da kamen wir einfach zu langsam weiter. Wesentliche Ursache dafür war, dass die Einwohnerzahl rapide zunahm. Nordhausen war damals nach Erfurt das zweitgrößte Industriezentrum im Bezirk. Auch die über die Stadt 1988 verhängte Zuzugssperre konnte an dieser Misere nicht viel ändern. Für all diese Probleme fand Peter Heiter bei dem damaligen Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, Artur Swatek, und dem Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung, Gerhard Müller, glücklicherweise ein offenes Ohr.
Nun sag doch mal, was Dich wirklich bewegt, sagten diese mitunter zu ihm, wenn sie nach einer Sitzung noch einmal unter vier Augen miteinander sprachen. Durch die freundschaftliche Beziehung zu Swatek und Müller konnte Peter Heiter einiges zugunsten des Wohnungsbaus und des Straßenzustandes in Nordhausen bewegen.
Aber es gab auch andere angenehme Erfahrungen des Bürgermeisters während seiner Amtszeit, so z.B. den Besuch des ehemaligen portugiesischen Präsidenten Gonzales in der Rolandstadt oder die Begegnungen mit dem Bürgermeister der französischen Partnerstadt Charleville Mezieres, Roger Mas. Bis zum Tod von Roger Mas verband beide eine herzliche Freundschaft. Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit zählt Peter Heiter auch die 1060-Jahrfeier Nordhausens 1987 mit dem erstmals wieder stattfindenden Festumzug zum Rolandsfest und der Einbindung vieler Betriebe, vom Kombinat bis hin zum privaten Handwerksbetrieb, in die Vorbereitung und Durchführung des mehr als eineinhalb Stunden dauernden Festumzuges.
Auch an der Wiederauferstehung des Petrikirchtums als das aus allen Himmelsrichtungen sichtbare Wahrzeichen der Stadt Nordhausen durch das neue 27 Meter hohe Kupferdach nebst seiner zwei Meter dicken, goldplattierten Kugel, hat Peter Heiter einen Anteil. Wenn sich die Menschen in ihrer Stadt wohlfühlen möchten, dann müssen sie, bzw. die Betriebe, hierzu selbst etwas beitragen, lautete eine seiner wichtigsten, persönlichen Leitlinien. In die Zeit von Peter Heiter als Bürgermeister fiel auch der erste offizielle Flohmarkt Nordhausens auf dem Bebelplatz, der, so sagt er, wegen des riesigen Interesses kaum beherrschbar war, das erste Kinderfest für behinderte Kinder im Jahre 1985 zum Jahrmarkt und die erste Miss-Wahl 1988 im Parkschloss, welche er gegen so manche Widerstände durchsetzte.
Regelmäßig traf er sich mit den leitenden Mitarbeitern der großen Betriebe, um gemeinsam zu erfüllende Aufgaben für die Heimatstadt festzulegen. Mich hat die große, freiwillige Bereitschaft vieler Nordhäuser bewegt, zum Wohle der Stadt mitzuarbeiten, betont er. Auch setzte er sich gemeinsam mit anderen mit Erfolg gegen die Bestrebungen des Rates des Bezirkes Erfurt ein, die Innenstadt ausschließlich mit Wohnhäusern zu bebauen. Um dem Gebiet um den Kornmarkt einen zentraleren Charakter zu geben, mussten Geschäfte entstehen. Da haben wir uns durchgesetzt, sagt er.
Zu den ganz persönlichen Höhepunkten seiner Amtszeit zählt der Nordhäuser auch seine Teilnahme am Internationalen Bürgermeistertreffen in Berlin, anlässlich der 750-Jahrfeier der Stadt im Jahre 1987. Zu der Veranstaltung waren neben zahlreichen internationalen Amtsträgern auch 24 Bürgermeister von DDR-Städten geladen, darunter nur sieben von Nichtbezirksstädten, wie Nordhausen.
Dass Peter Heiter trotz seiner atheistischen Überzeugung stets auch ein gutes Verhältnis zu den im Kreis Nordhausen tätigen Pfarrern pflegte, hatte seinen Grund u.a. darin, dass einige von ihnen noch seinen Großvater Walter Littmann als Pfarrer i.R. kannten. Aller sechs Monate traf sich der damalige Bürgermeister allein mit den Pfarrern, um über bestehende Probleme zu sprechen.
Peter Heiter räumt ein, dass er die Bedeutung der gesellschaftlichen Vorgänge im Vorfeld der Wende, trotz der vielen ihm bewussten Probleme, unterschätzt hat. Als sich im Herbst 1989 erstmals Tausende Menschen auf dem Bebelplatz zusammenfanden, befand er sich auf dem Fahrgastschiff Arkona gemeinsam mit seiner Ehefrau Marlies auf Silber-Hochzeits-Reise. Heiter ist am Mittelmeer, wo hat er denn die Mittel her, tönte es damals aus den Kehlen empörter Demonstranten. Der frühere Bürgermeister war zu DDR-Zeiten Reisekader, durfte also auch das nichtsozialistische Ausland besuchen. Die Fahrt auf der Arkona jedoch habe er als FDGB-Reise selbst bezahlt, betont er.
Nach seiner Rückkehr stellte sich Peter Heiter auf den jeweils dienstags stattfindenden Demonstrationen gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Rates des Kreises, Klaus Hummitzsch, und den anderen Vertretern von Parteien, Kirchen, und des Neuen Forums, den Fragen der Menschen. Mit ihnen traf er sich auch am Runden Tisch, um Lösungen und Antworten zu finden, und erste, gemeinsame Schritte in die Demokratie zu wagen. Hierzu trug Peter Heiter auch als Mitinitiator des einmal wöchentlich erscheinenden Kommunikationsblattes Nordhäuser Kurier bei, das vom damaligen Rat der Stadt Nordhausen herausgegeben wurde, und in dem sich alle miteinander diskutierenden Gruppen und Institutionen unzensiert äußern konnten.
Sich von Seiten der damaligen Verantwortungsträger stur zu stellen, hätte nichts gebracht. Gemeinsamkeit, so lautete unser und damit auch mein Ziel, sagt der ehemalige Bürgermeister. Über allem stand dabei, so betont er, die zentrale Frage, was der Stadt und den Menschen nützt. Die Menschen wollten alles auf einmal verändert sehen. Das musste kanalisiert, moderiert und systematisiert werden.
Zu Beginn des Jahres 1990 hielt Peter Heiter die Zeit für gekommen, sein Amt aufzugeben, auch wenn ihn viele Nordhäuser, Stadtverordnete, ja auch so mancher Bürgerbewegte, baten, weiterzumachen. Wenn sich die Menschen in einer direkten Wahl für mich hätten entscheiden können, wäre ich wieder angetreten. Aber diese Möglichkeit war ja für einen Parteilosen nicht vorgesehen, sagt er.
Als Wertschätzung für seine Person konnte seine Berufung zum Amtsleiter im Bauamt des neuen Landratsamtes von 1990 bis 1992 gelten. Maßgeblich wirkte er während dieser Zeit am Aufbau der Bauverwaltung mit. Nach einjähriger Arbeitslosigkeit machte er sich 1993 als Finanz- und Versicherungsmakler selbstständig, wurde später Geschäftsführer der Bau GmbH und arbeitete zuletzt als Leiter eines Asylbewerberheimes. Seit 2007 befindet sich Peter Heiter im Ruhestand und widmet sich vor allem seiner Familie: Sie musste ich während meines gesamten Berufslebens oft vernachlässigen, sagt er. Seit 1964 ist er mit Marlies Heiter verheiratet, die er einst auf dem Segelflugplatz kennenlernte. Ihre beiden Kinder Thomas und Katja sind 45 bzw. 44 Jahre alt.
Das Buch wurde von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnzPeter Heiter
Ehemaliger Bürgermeister der Stadt Nordhausen (1985 bis 1990)Für seine honorige, offene Rede bekam Peter Heiter viel Beifall. Wäre er parteilos, wäre er vermutlich ein Bürgermeister, wie ihn Nordhausen jetzt dringend braucht, schrieb ein westdeutscher Journalist im Harz-Kurier nach der letzten Sitzung der Stadtverordneten unter seiner Leitung am 17. Januar 1990.
Und auch noch heute, mehr als 20 Jahre nach den turbulenten Wendeereignissen in der Rolandstadt, wird der am 25.05.1943 in Görlitz geborene Kommunalpolitiker auf Grund seiner Bürgernähe, Kompromissfähigkeit und wegen seiner Haltung in jenen historischen Monaten geschätzt und geachtet. Für mich war es damals eine logische Konsequenz, dass ich als SED-Mitglied abtreten muss, sagt er. Notwendig war ein neutraler Bürgermeister, der von den Bürgerrechtlern und von den Bürgern akzeptiert wurde. An erster Stelle stand die Notwendigkeit, das kommunale Leben aufrecht zu erhalten. – Als seine Nachfolgerin hätte er sich ganz in diesem Sinne Gisela Hartmann gewünscht, die auch zur Wahl antrat, aber nicht die erforderliche Stimmenzahl auf sich vereinen konnte.
Der Vater von Peter Heiter, Hermann Heiter, arbeitete als selbstständiger Kaufmann und stammte aus Nordhausen. Sein Onkel Theo Heiter war ein über die Grenzen der Stadt hinaus bekannter Turner. Auf der Flucht vor der nach Westen strebenden Roten Armee verschlug es die Familie von Hermann Heiter 1945 von Görlitz aus zunächst nach Wansleben am See. Elf Jahre später gelang es ihm schließlich, seinen seit langem gehegten Wunsch, in seine Heimatstadt an der Zorge zurückzukehren, in die Tat umzusetzen. Auf Grund der schweren Zerstörungen gab es hier damals kaum Wohnraum. Weil mein Vater aber einen Nordhäuser Hausbesitzer aus der Blödaustraße für die Durchführung dringender Sanierungsmaßnahmen finanziell unterstützte, durften wir in dieses Haus 1956 mit einziehen, erinnert sich Peter Heiter.
Um sich noch mehr seiner großen Leidenschaft Segelfliegen widmen zu können, verzichtete er auf das Abitur und verließ die Humboldt-Oberschule bereits nach der zehnten Klasse. Nach einer Berufsausbildung zum Baumaschinisten im damaligen VEB (K) Bau, dem späteren Hochbaukombinat, blieb er bis 1963 in seinem Lehrbetrieb. Besonderen Respekt empfand er gegenüber den Bauarbeitern, die er vor allem auf Grund des schweren Wiederaufbaus der Stadt wertschätzte. In demselben Jahr wurde Peter Heiter Mitglied der SED.
Bereits mit 13 war der sport- und technikbegeisterte Schüler in die GST-Sektion Flugsport eingetreten, erwarb mit 17 die Segelflugerlaubnis und erhielt 1961 die Silber C, ein damals noch sehr selten vergebenes Leistungsabzeichen. Bis 1973 nahm er ehrenamtlich die Aufgaben eines Fluglehrers wahr. Am Segelfliegen reizte mich dessen Naturnähe, aber auch die Kameradschaft unter den Sportlern. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, in der sich jeder auf den anderen verlassen konnte, denkt er zurück.
Nach dem Ende seiner dreijährigen Armeezeit im Jahre 1966 begann für Peter Heiter eine lange kommunalpolitische Laufbahn. Arbeiter in die Verwaltung lautete die Losung, die ihn zunächst in die Organisationsabteilung des Rates des Kreises führte.
1971 wurde Peter Heiter persönlicher Referent des Vorsitzenden des Rates des Kreises, also gewissermaßen dessen persönlicher Sekretär, dem die Koordinierung von Terminen ebenso oblag, wie das Schreiben von Referaten und die Beantwortung der Post, inklusive der Eingaben. Gerade auf Grund letzterer Aufgabe lernte ich Land und Leute kennen. Mir war stets klar, dass unter den damaligen Bedingungen nicht alle Probleme tatsächlich lösbar waren. Aber ich war von der Sache des Sozialismus überzeugt und glaubte daran, dass wir die meisten Schwierigkeiten mit viel Einsatz würden beseitigen können, sagt er. Und er wusste, dass dies nur mit den Menschen möglich sein würde.
Peter Heiter qualifizierte sich parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit in Rodewisch zum Ökonom, erwarb in einem Fernstudium an der halleschen Martin-Luther-Universität das entsprechende Diplom und besuchte zwei Jahre lang in Erfurt die Bezirksparteischule. Von 1982 bis 1985 wirkte der Kommunalpolitiker als Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik bei der SED-Kreisleitung. Seine mit dieser Tätigkeit verbundenen Aufgaben waren vielfältig. Da zu ihnen auch die Ausarbeitung von praktikablen Lösungen für die allgegenwärtigen Material- und Versorgungsprobleme im Handel, dem Handwerk und im Dienstleistungsbereich gehörte, wusste Peter Heiter um die weit verbreiteten Sorgen und Nöte in den verschiedensten Bereichen der Wirtschaft. Besonders während dieser Zeit lernte er alle Leitungskader aus Industrie, Bauwesen und den anderen materiellen Bereichen kennen. Das war für seine spätere Tätigkeit als Bürgermeister bedeutungsvoll.
Auf Grund seiner Erfahrungen in der Kommunalpolitik und auf Grund seiner Qualifikationen, wurde Peter Heiter zum 01.04.1985 von der Stadtverordnetenversammlung als Bürgermeister und damit als Nachfolger von Herbert Otto berufen. Er denkt nicht ungern an diese Zeit zurück, weil er sich, wie er selbst sagt, den vielfältigen Anliegen der Menschen, zum Beispiel bezüglich der Situation in den Wohngebieten, sowie ihrer mitunter schlechten Wohnsituation, widmen konnte. Ich wollte die Masse der Nordhäuser mitnehmen, und sie auch motivieren, selbst mitzugestalten, sagt er. Einmal monatlich besuchte er mit dem gesamten Rat einen der 36 Nordhäuser Wohnbezirke, um sich vor Ort ein Bild von den Problemen zu machen: Ich habe immer offen gesagt was ging, und was nicht. Material für einen Plattenweg zu beschaffen, war meist möglich, bei Bananen hingegen musste ich passen, schmunzelt er.
Besonders die Wohnungsprobleme in der Stadt taten Peter Heiter, wie er sagt, in der Seele weh. Wir hatten in jedem Jahr 2.000 Wohnungssuchende, aber nur 400 bis 500 neue Wohnungen. Da kamen wir einfach zu langsam weiter. Wesentliche Ursache dafür war, dass die Einwohnerzahl rapide zunahm. Nordhausen war damals nach Erfurt das zweitgrößte Industriezentrum im Bezirk. Auch die über die Stadt 1988 verhängte Zuzugssperre konnte an dieser Misere nicht viel ändern. Für all diese Probleme fand Peter Heiter bei dem damaligen Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, Artur Swatek, und dem Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung, Gerhard Müller, glücklicherweise ein offenes Ohr.
Nun sag doch mal, was Dich wirklich bewegt, sagten diese mitunter zu ihm, wenn sie nach einer Sitzung noch einmal unter vier Augen miteinander sprachen. Durch die freundschaftliche Beziehung zu Swatek und Müller konnte Peter Heiter einiges zugunsten des Wohnungsbaus und des Straßenzustandes in Nordhausen bewegen.
Aber es gab auch andere angenehme Erfahrungen des Bürgermeisters während seiner Amtszeit, so z.B. den Besuch des ehemaligen portugiesischen Präsidenten Gonzales in der Rolandstadt oder die Begegnungen mit dem Bürgermeister der französischen Partnerstadt Charleville Mezieres, Roger Mas. Bis zum Tod von Roger Mas verband beide eine herzliche Freundschaft. Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit zählt Peter Heiter auch die 1060-Jahrfeier Nordhausens 1987 mit dem erstmals wieder stattfindenden Festumzug zum Rolandsfest und der Einbindung vieler Betriebe, vom Kombinat bis hin zum privaten Handwerksbetrieb, in die Vorbereitung und Durchführung des mehr als eineinhalb Stunden dauernden Festumzuges.
Auch an der Wiederauferstehung des Petrikirchtums als das aus allen Himmelsrichtungen sichtbare Wahrzeichen der Stadt Nordhausen durch das neue 27 Meter hohe Kupferdach nebst seiner zwei Meter dicken, goldplattierten Kugel, hat Peter Heiter einen Anteil. Wenn sich die Menschen in ihrer Stadt wohlfühlen möchten, dann müssen sie, bzw. die Betriebe, hierzu selbst etwas beitragen, lautete eine seiner wichtigsten, persönlichen Leitlinien. In die Zeit von Peter Heiter als Bürgermeister fiel auch der erste offizielle Flohmarkt Nordhausens auf dem Bebelplatz, der, so sagt er, wegen des riesigen Interesses kaum beherrschbar war, das erste Kinderfest für behinderte Kinder im Jahre 1985 zum Jahrmarkt und die erste Miss-Wahl 1988 im Parkschloss, welche er gegen so manche Widerstände durchsetzte.
Regelmäßig traf er sich mit den leitenden Mitarbeitern der großen Betriebe, um gemeinsam zu erfüllende Aufgaben für die Heimatstadt festzulegen. Mich hat die große, freiwillige Bereitschaft vieler Nordhäuser bewegt, zum Wohle der Stadt mitzuarbeiten, betont er. Auch setzte er sich gemeinsam mit anderen mit Erfolg gegen die Bestrebungen des Rates des Bezirkes Erfurt ein, die Innenstadt ausschließlich mit Wohnhäusern zu bebauen. Um dem Gebiet um den Kornmarkt einen zentraleren Charakter zu geben, mussten Geschäfte entstehen. Da haben wir uns durchgesetzt, sagt er.
Zu den ganz persönlichen Höhepunkten seiner Amtszeit zählt der Nordhäuser auch seine Teilnahme am Internationalen Bürgermeistertreffen in Berlin, anlässlich der 750-Jahrfeier der Stadt im Jahre 1987. Zu der Veranstaltung waren neben zahlreichen internationalen Amtsträgern auch 24 Bürgermeister von DDR-Städten geladen, darunter nur sieben von Nichtbezirksstädten, wie Nordhausen.
Dass Peter Heiter trotz seiner atheistischen Überzeugung stets auch ein gutes Verhältnis zu den im Kreis Nordhausen tätigen Pfarrern pflegte, hatte seinen Grund u.a. darin, dass einige von ihnen noch seinen Großvater Walter Littmann als Pfarrer i.R. kannten. Aller sechs Monate traf sich der damalige Bürgermeister allein mit den Pfarrern, um über bestehende Probleme zu sprechen.
Peter Heiter räumt ein, dass er die Bedeutung der gesellschaftlichen Vorgänge im Vorfeld der Wende, trotz der vielen ihm bewussten Probleme, unterschätzt hat. Als sich im Herbst 1989 erstmals Tausende Menschen auf dem Bebelplatz zusammenfanden, befand er sich auf dem Fahrgastschiff Arkona gemeinsam mit seiner Ehefrau Marlies auf Silber-Hochzeits-Reise. Heiter ist am Mittelmeer, wo hat er denn die Mittel her, tönte es damals aus den Kehlen empörter Demonstranten. Der frühere Bürgermeister war zu DDR-Zeiten Reisekader, durfte also auch das nichtsozialistische Ausland besuchen. Die Fahrt auf der Arkona jedoch habe er als FDGB-Reise selbst bezahlt, betont er.
Nach seiner Rückkehr stellte sich Peter Heiter auf den jeweils dienstags stattfindenden Demonstrationen gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Rates des Kreises, Klaus Hummitzsch, und den anderen Vertretern von Parteien, Kirchen, und des Neuen Forums, den Fragen der Menschen. Mit ihnen traf er sich auch am Runden Tisch, um Lösungen und Antworten zu finden, und erste, gemeinsame Schritte in die Demokratie zu wagen. Hierzu trug Peter Heiter auch als Mitinitiator des einmal wöchentlich erscheinenden Kommunikationsblattes Nordhäuser Kurier bei, das vom damaligen Rat der Stadt Nordhausen herausgegeben wurde, und in dem sich alle miteinander diskutierenden Gruppen und Institutionen unzensiert äußern konnten.
Sich von Seiten der damaligen Verantwortungsträger stur zu stellen, hätte nichts gebracht. Gemeinsamkeit, so lautete unser und damit auch mein Ziel, sagt der ehemalige Bürgermeister. Über allem stand dabei, so betont er, die zentrale Frage, was der Stadt und den Menschen nützt. Die Menschen wollten alles auf einmal verändert sehen. Das musste kanalisiert, moderiert und systematisiert werden.
Zu Beginn des Jahres 1990 hielt Peter Heiter die Zeit für gekommen, sein Amt aufzugeben, auch wenn ihn viele Nordhäuser, Stadtverordnete, ja auch so mancher Bürgerbewegte, baten, weiterzumachen. Wenn sich die Menschen in einer direkten Wahl für mich hätten entscheiden können, wäre ich wieder angetreten. Aber diese Möglichkeit war ja für einen Parteilosen nicht vorgesehen, sagt er.
Als Wertschätzung für seine Person konnte seine Berufung zum Amtsleiter im Bauamt des neuen Landratsamtes von 1990 bis 1992 gelten. Maßgeblich wirkte er während dieser Zeit am Aufbau der Bauverwaltung mit. Nach einjähriger Arbeitslosigkeit machte er sich 1993 als Finanz- und Versicherungsmakler selbstständig, wurde später Geschäftsführer der Bau GmbH und arbeitete zuletzt als Leiter eines Asylbewerberheimes. Seit 2007 befindet sich Peter Heiter im Ruhestand und widmet sich vor allem seiner Familie: Sie musste ich während meines gesamten Berufslebens oft vernachlässigen, sagt er. Seit 1964 ist er mit Marlies Heiter verheiratet, die er einst auf dem Segelflugplatz kennenlernte. Ihre beiden Kinder Thomas und Katja sind 45 bzw. 44 Jahre alt.
Das Buch wurde von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
