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Gedanken zum Tag der Einheit (2)

Donnerstag, 02. Oktober 2003, 07:06 Uhr
Nordhausen (nnz). An dieser Stelle veröffentlicht die nnz Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit. Dazu eine Betrachtung des parteilosen Sollstedter Bürgermeisters Jürgen Hohberg.


Am 03.10.2003 beginnt das Jahr 14 nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands. Obwohl es an diesem Tag auf Grund der am 17. 10. 2003 stattfindenden Einwohnerversammlung in der Gemeinde Sollstedt keine öffentliche Veranstaltung geben wird, in der an die Ereignisse vom Herbst 89 bis zum Vollzug der Wiedervereinigung erinnert wird, wollen wir trotzdem nicht in Vergessenheit geraten lassen, dass die Freiheit, die wir Ostdeutschen uns von dem abgewirtschafteten DDR-Regime ertrotzt haben, noch immer nicht als selbstverständliches Gut zu betrachten ist.

Bei allen Fehlern, die auch der Demokratie anhaften und die wir im Laufe der Jahre zum Teil mit den schmerzlichen Erfahrungen im Umgang mit Arbeitslosigkeit, Gewaltbereitschaft, Drogenabhängigkeit und ähnlichem jeder auf seine persönliche Weise erleben, dürfen wir uns den Blick für das Wesentliche nicht durch „ostalgische“ Verklärung trüben lassen: Es waren nicht nur Bananen und Autos, die es nicht gab, es war auch und vor allem die fehlende Reisefreiheit, die selbst im eigenen Land durch die Sperrgebiete eingeschränkt war und auch einige „befreundete“ Länder des Warschauer Paktes in unerreichbare Ferne rückte! Das Recht auf Arbeit bedeutete auch die Pflicht zur Arbeit, aber Berufsfreiheit oder das Recht auf freie Meinungsäußerung waren Fremdworte.

Umweltschutz existierte praktisch nicht, in diesem Punkt befanden wir uns durchaus auf dem Niveau einiger „Bananenrepubliken“ und es wurde „auf Teufel komm raus“ gewirtschaftet, bis wir schließlich 1989 vor den Trümmern einer maroden Volkswirtschaft standen. Die wirtschaftliche Krise, in der wir uns in der Bundesrepublik seit einiger Zeit befinden, ist unter anderem auch auf die Hinterlassenschaften dieses kranken Systems zurückzuführen, das mehr Geld für die Bespitzelung seiner eigenen Landsleute und die tödliche Sicherung seiner Grenzen ausgegeben hat als für die dringend notwendige Modernisierung seiner Wirtschaft.

Wir müssen vor allen Dingen daran denken, dass die heute 18-jährigen, die im kommenden Jahr zum ersten Mal an die Wahlurnen treten, an das DDR-Regime keine eigenen Erinnerungen mehr haben. Schon aus diesem Grund müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Erinnerungen wach gehalten und nicht verfälscht werden, damit sich die leidvolle Geschichte der Teilung unseres Landes niemals wiederholt.
Jürgen Hohberg
Autor: nnz

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