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nnz-Interview: Guter Ruf und tolles Publikum

Freitag, 06. Januar 2012, 12:25 Uhr
In wenigen Tagen wird die Nordhäuser Wiedigsburghalle wieder krachend voll sein. Dann werden die besten Kugelstoßerinnen und Kugelstoßer der Welt zu Gast sein. Mit dem Mann, der dass vor mehr als einem Jahrzehnt ersann, hat Sandra Arm ein Interview geführt...


Der Pole Tomasz Majewski (30) gilt als der „stille Riese“ im Ring, Adam Nelson (36) trägt den Spitznamen „Mister Intensity“ und David Storl eilte als „Babyface“ bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Daegu allen davon. Der gebürtige Rochlitzer ist mit seinem Goldstoß von 21,78 Meter und seinen erst 21 Jahren nun wohl endgültig in der Weltspitze der Kugelstoßszene angekommen.

Nicht nur auf diese drei Athleten, sondern auf die komplette Weltspitze bei den Frauen und Männern können sich die Zuschauer am Freitag, 20. Februar freuen. Dann heißt es nämlich: „Von Nordhausen nach London!“. Die zwölfte Auflage des Internationalen Energie-Kugelstoß-Indoors ist, wie es Meeting-Direktor Werner Hütcher betont: „Der Olympia Auftakt und zugleich Qualifikationswettkampf für die Hallen-Weltmeisterschaft in Istanbul.“ Für reichlich Spannung sollte also bei den hochklassig besetzten Wettbewerben gesorgt sein. Im Vorfeld sprach Sandra Arm mit Hütcher über die Faszination am Kugelstoßen, Aberglaube und David Storl.

nnz: Herr Hütcher, wann standen Sie zuletzt selbst im Ring?

Hütcher: (lacht) Ich habe mit 40 Jahren an Seniorenwettkämpfen teilgenommen und bin für Thüringen in der Seniorenauswahl gestartet. Ich war auf Vereinssportebene gut, aber kein Leistungssportler. Ein Erfolg war sicherlich der Sieg bei der DDR-Studentenmeisterschaft 1986.

nnz: Können Sie sich noch an Ihre zuletzt gestoßene Weite erinnern?

Hütcher: Na klar. Das waren 15,05 Meter.

nnz: Was fasziniert Sie am Kugelstoßen?

Hütcher: Die Leichtathletik ist nach wie vor die erste olympische Kernsportart und das Kugelstoßen eine Disziplin, deren Popularität zugenommen hat, auch durch David Storl. Der Bewegungsbedarf von Kindern ist sehr hoch, deshalb ist die Leichtathletik eine interessante Sportart. Wir organisieren viele Wettkämpfe im Landkreis Nordhausen für die Kinder und Jugendlichen. So entstand auch das Nordhäuser Energie-Kugelstoß-Indoor im Jahre 2001 als nationales Wettkampfangebot. Die Idee kam mir bei Wandern.
Gibt es für Sie den perfekten Stoß?

Hütcher: (lacht) Es gibt gegenwärtig zwei Kugelstoßtechniken, die des Amerikaners Perry O´Brian (Rückstoß- oder Angleittechnik) und die des sowjetischen Kugelstoßers Alexander Baryschnikow (Drehstoßtechnik), die zum Erfolg führen. Beide Techniken sind sehr gut, wobei die Drehstoßtechnik, die modernere ist. Einzelne deutsche Athleten bevorzugen die O´Brian Technik, Amerikaner stoßen überwiegend mit der Drehstoßtechnik. Dass die O´Brian-Technik auch gut ist, beweist David Storl als Weltmeister und Jugendweltrekordhalter.

nnz: Inwieweit ist Storl bei seinem WM-Sieg im vergangenen Jahr in Daegu der perfekte Stoß gelungen?

Hütcher: Ich würde sagen, technisch gibt es immer Reserven. Es ist eine Kombination zwischen Technik, Kraft und mentaler Stärke und einer optimalen Vorbereitung auf den Wettkampf durch die Trainer. Wenn das alles zusammentrifft, dann kann ein optimaler Stoß entstehen. Davids Stoß war zweifelsfrei fast technisch optimal, aber die Trainer finden immer noch Reserven.

nnz: Sie müssen doch am Fernseher bei seinem Goldstoß innerlich zusammengezuckt sein.

Hütcher: Ja, gemeinsam mit mit meinem 13-köpfigem Team. Das Organisationsbüro fiebert bei jedem Wettkampf am Fernseher oder wenn es möglich ist live vor Ort mit den Athleten mit.

nnz: Dabei hat das Nordhäuser Orakel doch mächtig daneben gelegen.

Hütcher: (lacht) Ja, das Orakel hat daneben gelegen. Von 2003 sind alle männlichen Gewinner des Internationalen Energie-Kugelstoß-Indoors anschließend Olympiasieger, Welt- und Europameister oder Hallen-Weltmeister geworden. David Storl hat diese Serie durchbrochen. Ich würde das nicht überbewerten. Wir haben uns mehr über seinen Sieg gefreut, als dass das Orakel nicht mehr funktioniert. Aber vielleicht belegt David Storl bei unserer Neuauflage das Orakel neu. Wenn er gewinnt, dann kann er die Serie neu beleben.

nnz: Wie abergläubisch sind Sie?

Hütcher: (lacht) Ich bin vom Prinzip eher weniger abergläubisch. Aber die Topathleten sind fast alle ein bisschen abergläubisch. Das geht soweit, dass sie kleine Plüschtiere in der Tasche haben oder beim Wettkampf immer die gleichen Socken tragen.

nnz: Haben Sie als Meeting-Direktor ebenfalls einen Glücksbringer dabei?

Hütcher: Nein, den habe ich nicht (lacht).

nnz: Sie haben Anfang Dezember mit einer spektakulären und wohl einmaligen Aktion auf das Meeting aufmerksam gemacht. Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, David Storl mit einer Kugel über vier Autos stoßen zu lassen?

Hütcher: Das war das erste Mal, dass ein deutscher Athlet, meines Wissens auch weltweit, über Autos gestoßen hat. Die Idee habe ich selbst gehabt, die Anregung dafür habe ich mir aus einer Leichtathletik-Zeitschrift von 1980 geholt. In einem Artikel ging es um einen Vergleich wie weit Udo Beyer stoßen müsste, um so und so viele Autos zu überwinden. Er hat es damals aber nicht gemacht.

nnz: Wie hat eigentlich David Storl auf ihre Anfrage reagiert. Hat er Ihnen sofort zugesagt?

Hütcher: Ihm hat die Aktion Spaß gemacht, aber es war nicht selbstverständlich, dass er den Weg nach Nordhausen auf sich genommen hat. Er ist nur gekommen, weil er bereits seit vielen Jahren bei uns an den Start geht. Sein Trainer Sven Lang, inzwischen auch Bundestrainer der Männer, ist sehr streng. Er prüft jeden Termin sehr genau. Die Termine sind ganz klar herunter gesetzt worden, er hat kaum noch Veranstaltungen. Er muss sich voll auf das Training konzentrieren, denn die Vorbereitung auf Olympia steht im Vordergrund.

nnz: Was ist für Sie das Besondere an dem „Ausnahmetalent“ David Storl?

Hütcher: David Storl ist ein Gigant und in der europäischen Leichtathletik der Aufsteiger des Jahres. Das Besondere an ihm ist nicht, dass er Weltmeister, sondern, das Phänomenale ist, dass er mit 21 Jahren der jüngste Kugelstoß-Weltmeister aller Zeiten geworden ist. Das ist fast unfassbar. Wenn er gesund bleibt, dann hat er eine Riesenkarriere vor sich. Ich behaupte mal und traue es ihm auch zu, dass er in die Nähe der Weltrekordweite von 23,12 Meter von Randy Barnes (USA) Metern kommen kann.

nnz: David Storl ist gegenwärtig das Aushängeschild in der deutschen Kugelstoßszene. Was kommt nach ihm?

Hütcher: Wir haben ganz hervorragende Nachwuchsathleten, die nach ihm kommen und die alle in Nordhausen an den Start gehen werden. Da wäre beispielsweise Christian Jagusch, ein Neubrandenburger Athlet. Gerade in Neubrandenburg gibt es exzellente Nachwuchsathleten, die alle bereits Europameister oder Vize-Europameister sind. Da ist mir gar nicht bange. Aber David Storl kann das Niveau, wenn er gesund bleibt, noch zehn Jahre halten. Er könnte theoretisch die Weltspitze beherrschen. Das Höchstleistungsalter liegt bei 26 bis 28 Jahren. Seine besten Jahre kommen erst noch.

nnz: Wie ist es um den Nordhäuser Kugelstoß-Nachwuchs bestellt?

Hütcher: Gut, wir haben im Landkreis Nordhausen erfolgreiche Kugelstoßer bei drei Sportvereinen. Bei unserer Harzer Sportgemeinschaft sind das beispielsweise die Gebrüder Maximilian und Alexander Schütz, die mehrfache Landesmeister sind. In den vergangenen Jahren wurden Nordhäuser Werfer wie Bastian Abend, Robert Möritz , Felix Schneegaß oder Justine Koudele an die Sportgymnasien nach Erfurt oder nach Halle delegiert.

nnz: Inwieweit sehen wir einen Nordhäuser Athleten beim Meeting?

Hütcher: Bei dem Meeting gehen nur die besten Nachwuchs-Kugelstoßer Deutschlands an den Start. Es ist für die Thüringer ganz schwer in den Kader reinzukommen. Nur die jeweils vier besten Deutschen der U21 und der U23 starten bei uns.

nnz: Das Jahr ist mit Höhepunkten wie Hallen-Weltmeisterschaft (Istanbul), Europameisterschaft (Helsinki) und Olympischen Spielen (London) gespickt. Welches ist Ihr persönliches Highlight?

Hütcher: Der absolute Wettkampfhöhepunkt für alle Leichtathleten sind die Olympischen Spiele. Die Teilnahme und eventuell der Gewinn einer Medaille ist das Größte für einen Athleten. Darauf wird die gesamte Wettkampfplanung ausgerichtet.

nnz: Das Energie-Kugelstoß-Meeting erfährt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung.

Hütcher: Ja, wir sind offizieller Qualifikationswettkampf für die Hallen-Weltmeisterschaft in Istanbul. Daher werden die Leistungen der Amerikaner, der deutschen Athleten und wir haben noch einen russischen Athleten am Start mit Sicherheit auf höchstem Niveau sein.

nnz: Können Sie mehr über den russischen Athleten verraten?

Hütcher: Wir haben mit Alexandr Lobynya einen russischen Athleten, der bereits 21 Meter gestoßen hat und sehr gut in der Weltrangliste platziert ist.

nnz: Haben Sie in diesem Jahre die Möglichkeit sich internationalen Wettkämpfe wie die Olympischen Spiele live anzuschauen?

Hütcher: Nein, das was ich mache, ist nur ein Hobby und das auf ehrenamtlicher Basis mit meinem Team. Ich bin für den Schulsport im Landkreis Nordhausen zuständig. Daher kann ich nicht solche Reisen unternehmen. Das geht nicht, aber Veranstaltungen wie die Deutschen Meisterschaften (Bochum-Wattenscheid), dort fahren wir jedes Jahr hin.

nnz: Das erste Kräftemessen der weltbesten Kugelstoßer wird in Nordhausen ausgetragen. Was hat Nordhausen, was andere Städte nicht haben?

Hütcher: Die Athleten kommen aus verschiedenen Gründen gern nach Nordhausen. So treffen sich die besten Kugelstoßer der Welt in Nordhausen, das ist das wichtigste. Wir bemühen uns, den Sportlern eine optimale Betreuung zu bieten. Wir können von den finanziellen Leistungen nicht mit den großen Meetings in der Welt wie Monaco mithalten. Wir haben aber international einen guten Ruf und vor allem ein tolles Publikum. Die Zuschauer können sich voll und ganz auf den Wettkampf konzentrieren und treiben die Athleten zu Weltklasse-Leistungen an.

nnz: Wie schafft man es als Organisator immer wieder die Topathleten nach Nordhausen zu locken?

Hütcher: Unser Wettkampf findet bereits zum zwölften Mal statt. Wir haben Kontakte zu allen im Kugelstoßbereich aktiven Athleten sowie ihren Trainern und Managern. Das Verhältnis ist über die Jahre gewachsen.

nnz: Nadine Kleinert hatte in einem kürzlich erschienen Interview die Fairness des Veranstalters gegenüber den Athleten hervorgehoben. Ist das ein Geheimnis des Erfolges?

Hütcher: Wir bemühen uns um eine gute Betreuung der Sportler und um Seriosität. Wir haben bei unseren Sponsoren und Förderern ausschließlich seriöse Unternehmen, die uns unterstützen. Alles was wir den Athleten versprechen, halten wir auch ein.

nnz: Was ist für Sie am Wettkampftag die größte Herausforderung?

Hütcher: Die Vorbereitung auf diesen Wettkampf laufen über viele Monate und an diesem Tag hat jeder im Organisationsteam seine Aufgabe. Es muss alles funktionieren. Ich übernehme an diesem Tag nur die Gesamtaufsicht.

nnz: Dabei verlief bestimmt nicht immer alles reibungslos, oder?

Hütcher: Natürlich haben wir auch schon Pannen erlebt. Vor zwei, drei Jahren war ein großes Unwetter, Deutschland war eingeschneit. An diesem Tag gab es Probleme mit dem Transport der Athleten zur Halle. Es kann Verschiebungen mit den Flügen geben. Wir müssen in diesem Jahr allein acht Flüge buchen. Die Athleten kommen unter anderem in Frankfurt und Berlin an.

nnz: Können Sie sich an eine schöne oder lustige Anekdote aus elf Jahren Energie-Kugelstoß-Indoor erinnern?

Hütcher: Lustig war, als Reese Hoffa 2007 in Sommerkleidung aus New York in Nordhausen ankam. Er hatte keine langen Sachen mit und wir mussten ihm einen Trainingsanzug borgen (lacht).

nnz: In den vergangenen Jahren feuerten 2000 Zuschauer die Athleten an. Müssen Sie aufgrund des großen Interesses bald anbauen oder sich eine neue Halle suchen?

Hütcher: Es ist gut und wichtig, dass wir die Halle in Nordhausen haben. Ansonsten könnten wir den Wettkampf in dieser Qualität nicht durchführen. Die Höchstkapazität für die Wiedisgburghalle liegt bei 2000 Zuschauern. Wenn die Halle voll ist, dann müssen wir den Einlass stoppen. Es deutet sich gegenwärtig an, dass die Halle nach 2010 und 2011 wieder an die 2000 Zuschauer haben wird.

nnz: Die Zuschauer erwartet zudem ein interessantes Rahmenprogramm. Können Sie mehr verraten?

Hütcher: Wir haben in diesem Jahr das Theater als Partner gewinnen können. Es wird zwischen den einzelnen Wettkämpfe zwei Darbietungen aus dem Musical „Mai fair Lady“ zu erleben geben.

nnz: Rekordverdächtig sind nicht nur die Zuschauerzahlen, sondern auch die Weiten. Bei den Frauen steht der Meeting-Rekord bei 19,28 Meter und wurde 2003 von Astrid Kumbernuss aufgestellt. Könnte er dieses Jahr fallen?

Hütcher: Es wäre denkbar. Nadine Kleinert hat es bereits angekündigt, dass sie es schaffen will.

nnz: Wem trauen Sie noch zu, diese Marke zu knacken?

Hütcher: Christina Schwanitz ist auch sehr stark. Das sind aus meiner Sicht im Moment die beiden stärksten.

nnz: Wer sind Ihre Favoriten bei den Männern?

Hütcher: Wir haben fünf Kandidaten, die alle gewinnen und über 21 Meter stoßen können. Und es ist noch nicht sicher, ob der amtierende Weltmeister David Storl in Nordhausen gewinnen wird. Natürlich würde ich es ihm wünschen. Christian Cantwell hat viermal in Folge bei uns gewonnen. Er wird richtig aufdrehen, zumal er schon angekündigt hat, dass er noch eine Rechnung mit David Storl offen hat. Das Ergebnis ist offen wie nie.

nnz: Was war das schönste Kompliment, welches Sie von Athleten oder auch von Zuschauern erhalten haben?

Hütcher: Wir bekommen sehr viele Rückmeldungen. Das Schönste ist eigentlich, wenn die Zuschauer und Sportler sagen, dass sie gern zu uns kommen. Es sprechen mich auch häufig Leute an, dass sie sich schon auf den Wettkampf freuen.

nnz: 11 Jahre Energie-Kugelstoß-Indoor - Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?

Hütcher: Wir können den Wettkampf nur durchführen, weil er sich auf mehreren Säulen begründet. Wir haben seriöse Wirtschaftspartner, allen voran die Energieversorgung Nordhausen, und wir werden durch das Land Thüringen und durch die Verwaltung in Nordhausen unterstützt. Wir haben ein gutes Organisationsteam von 13 Leuten. Das ist die wichtigste Basis. Es macht uns einfach Freude, diese Veranstaltung zu organisieren.
Interview: Sandra Arm
Autor: nnz

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