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nnz-Forum: Vorerst verschoben

Donnerstag, 22. Dezember 2011, 06:46 Uhr
"Unser Energency Call wurde gehört - vorerst", schrieb die Umweltorganisation WWF heute an ihre Newsletter-Abonnenten. Zu denen gehört auch nnz-Leser Bodo Schwarzberg...


Zur Erinnerung: Vor einigen Wochen ging ein Aufschrein zahlreicher Umweltorganisationen um die Welt, denen zufolge Brasilien eine Novellierung seines Waldgesetzes u.a. mit dem Ziel plant, eine Regenwaldfläche von der Größe Deutschlands, Österreichs und Italien für die Abholzung freizugeben. 76,5 Mio Hektar unberührter Urwald sind damit von der unwiederbringlichen Vernichtung bedroht.

Allein durch die Aufrufe des WWF kamen 73.000 Unterschriften gegen die Verwirklichung dieser menschgemachten Apokalypse zusammen, deren Fäden im Hintergrund von übermächtigen Agrarmultis gezogen werden.

Nun gibt es einen Teilerfolg: Das brasilianische Abgeordnetenhaus beschloss, die Abstimmung über das Gesetz auf das kommende Frühjahr zu verschieben. Damit ist die größte Einzelabholzung aller Zeiten zwar nicht vom Tisch, aber immerhin konnte Zeit für weitere Aktionen gewonnen werden, so der WWF.
Das Ziel der Proteste rund um den Globus besteht darin, die brasilianische Präsidentin Rousseff zum Veto gegen das Gesetz zu bewegen.

Die Präsidentin gilt an sich als Verfechterin der regenwaldfreundlichen Politik ihres Amtsvorgängers Lula da Silva, der riesige Waldgebiete unter Schutz stellte und ein vorbildliches Überwachungssystem gegen illegale Rodungen etablierte. Doch schon Lula sah sich mit massiven Widerständen gegen den Regenwaldschutz seitens der Agro-Konzerne konfrontiert, die auf exorbitante Profite aus dem Anbau von Soja zur weltweiten Nutztierernährung und von "Biosprit"-Pflanzen hoffen.

Auch er konnte die Ermordung kritischer Journalisten und von Umweltaktivisten mit zwielichtigen Auftraggebern nicht verhindern. Das prominenteste Opfer war vor einigen Jahren der weltbekannte und geehrte Regenwaldaktivist Mendez.

Regenwälder sind für die Konzerne eine einzigartige Profitquelle: Weil sie "einfach da" sind, müssen sie weder angelegt noch gepflegt werden. Vom ersten Axthieb werfen die oft Millionen Jahre alten Wälder daher Gewinn ab: erst durch den Verkauf von Edelhölzern und dann durch Ackerbau auf den kahlgeschlagenen Flächen. In den ersten Jahren muss der Boden noch nicht einmal gedüngt werden.

Die Menschen in den Industrieländern Europas, Amerikas und Asiens sind indirekt die Hauptverursacher der Abholzungen. Ihr unstillbarer Hunger nach Fleisch, Holz und Kraftstoffen ist die Triebkraft der Regenwaldzerstörung. Dabei verfügt Brasilien noch über rund 80 Prozent seines ursprünglichen Waldbestandes, der nicht nur zu den "Hot Spots" der Artenvielfalt zählt, sondern auch eine große Bedeutung für das Weltklima hat.

In diesem Sinne entscheidet das Kaufverhalten eines jeden Europärs über die Zukunft dieser einzigartigen Wälder mit. Doch zugegebenermaßen ist es für den Verbraucher schwer, regenwaldschonend einzukaufen. In fast jedem Produkt aus Schokolade zum Beispiel stecken heute Fette aus Ölpalmen, die auf ehemaligen Regenwaldflächen angebaut werden. Sojaschrot aus Brasilien wird an die Rinder in heimischen Ställen verfüttert. Die Herkunft von Hölzern in unseren Baumärkten ist zudem oft nicht erkennbar. Sie wird gezielt durch harmlose Begriffe verschleiert.

Meiner Meinung nach können nur großangelegte Medienkampagnen dazu führen, dass sich Konzerne von Produkten zweifelhafter Herkunft trennen. Es muss schick sein, regenwaldschonend zu produzieren.
Ich persönlich glaube nicht, dass es sich Brasilien wird leisten können, das fatale Projekt umzusetzen, zumindest wenn ihm, wie es scheint, die Meinung der Mehrheit der Weltbevölkerung nicht gleichgültig ist. Selbst Umfragen unter den Brasilianern haben übrigens gezeigt, dass sich eine Mehrheit für den Erhalt der nationalen Urwälder ausspricht.

In diesem Sinne könnte ein Veto der Präsidentin, ja die globale Aufmerksamkeit gegenüber dem Rodungsvorhaben vielleicht dazu führen, dass auch in anderen Ländern, insbesondere in Indonesien, endlich ein Umdenkungsprozess einsetzt, der beinhaltet, bereits in den Wäldern selbst und nicht erst in ihrer "Vermarktung", einen unschätzbaren und unantastbaren "Wert" zu sehen. Dazu können wir als mündige "Verbraucher" beim Einkauf einen nicht geringen Beitrag leisten.
Bodo Schwarzberg, Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: nnz

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