Deutschland in der Bildungsdefensive
Donnerstag, 25. September 2003, 06:12 Uhr
Nordhausen (nnz). Man hat sich eigentlich daran gewöhnt, dass im Ergebnis von OECD-Studien Deutschland schlechte Noten erhält. Die jüngste, am 16. September vorgestellte, macht da keine Ausnahme. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich, wie aus den nachfolgenden nnz-Ausführungen zu entnehmen ist.
Das Ergebnis erwähnter Studie tangierte u.a auch das Thema eines Pressegesprächs am Dienstag an der Fachhochschule Nordhausen (FHN). Wobei diesem Ergebnis im wesentlichen vom Rektor der FHN, Prof. Christian C. Juckenack und seinen Mitarbeitern zugestimmt wurde mit der Überlegung, was zu tun sei, um den Wissensstand von Studienanfängern an der FHN vor Studienbeginn - soweit nötig - auf das an sich erforderliche Niveau zu heben.
Unabhängig davon aber meldete sich in diesen Tagen Widerstand gegen das Ergebnis der OECD-Studie, etwa nach dem Motto. Wir können uns doch nicht dauernd prügeln lassen. Die kritische Stimme kam zunächst von der bayerischen Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU), die das Fazit dieser Studie als abenteuerlich und realitätsfern einschätzte. Und damit quasi in Konfrontation ging zu Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung Bildungsindikatoren bei der OECD in Paris. Bei der Vorlage der neuesten Daten aus der jährlichen Routine-Studie Bildung auf einen Blick hatte Schleicher vor ein paar Tagen festgestellt, dass alle anderen Industrienationen in den zurückliegenden zwanzig Jahren das Qualifikationsniveau im postsekundären Bereich, also der beruflichen Ausbildung erheblich steigerten, während Deutschland stagnierte.
Dieser Befund, so Schleicher, erkläre die mangelnde Dynamik in der Arbeitsproduktivität und damit die Schwäche der deutschen Wirtschaft. Monika Hohlmeier, die hessische Kultusministerin Karin Wolff und Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (beide CDU) gingen in einer gemeinsamen Erklärung mit der österreichischen Kultusministerin Elisabeth Gehrer und Hans Ambühl, dem Leiter der schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, zur Gegenattacke über. Ihre Logik: Gäbe es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Abiturientenquote und Wirtschaftswachstum, so müssten Bayern, Baden-Württemberg und Hessen wirtschaftlich Schlusslicht in Deutschland sein. Das Gegenteil sei der Fall.
Die OECD missachte den Stellenwert der beruflichen Bildung. Das duale System sei ein Erfolgsschlager und genieße einen ausgezeichneten Ruf, meinte Hohlmeier, unbeeindruckt von der derzeitigen Lehrstellenmisere. Österreichs Kultusministerin Elisabeth Gehrer empfahl der OECD, ihr Zahlenwerk zu überarbeiten, um den Erfolg des dualen Ausbildungssystems angemessen zu würdigen.
Karin Wolff, derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), warnte gar davor, die Studienanfängerquote wie eine Monstranz der Bildungspolitik vor sich her zu tragen. Mehr Qualität sei wichtiger als eine höhere Quote.
Andreas Schleicher, studierter Bildungsökonom, reagierte gelassen auf den Vorwurf Hohlmeiers, er habe geringe Kenntnisse der Bildungssysteme in deutschsprachigen Raum nachgewiesen. In der Studie Bildung auf einen Blick sei sehr wohl auch auf den Vorzug des dualen Systems hingewiesen worden, dass es einen direkten Übergang von der Schule ins Arbeitsleben schaffe, sagte Schleicher in einem Pressegespräch.
In einer Pressemitteilung stellte die OECD darüber hinaus klar, dass bei ihren Bildungsindikatoren alle Ausbildungswege erfasst wurden. Fachschulabschlüsse, etwa von Krankenschwestern und Erzieherinnen, sowie die Absolventen von Berufsakademien tauchen im Tertiärbereich B auf, andere Berufsausbildungen im postsekundären Bildungsbereich.
Die Entwicklung auf dem Lehrstellenmarkt sei ein deutlicher Indikator für den tatsächlichen Bedarf an diesen Ausbildunggängen, meinte Schleicher. Er wolle nicht der Akademisierung das Wort reden, erklärte er in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Die Ausbildungssysteme müssten sich aber auf die Anforderungen der Wissensgesellschaft einstellen – und die seien andere als die der Industriegesellschaft, auf die das duale System die richtige Antwort gebe.
Heute sei es wichtiger, dass junge Menschen höherwertige Qualifikationen vorweisen könnten, die sie in wechselnden Arbeitsbereichen kreativ einsetzen könnten. Nichts von der These des Auf-der-Stelle-Treten müsse er zurücknehmen. Denn auch der Anteil derjenigen, die einen Sekundarstufe-II-Abschluss haben, stagniere in Deutschland. Diesen Abschluss haben zwar 85 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 34 Jahren – aber damit belegt Deutschland nur noch Rang 12 unter mehr als 40 Staaten.
Das SPD-geführte rheinland-pfälzische Schulministerium zum Beispiel schließt sich der OECD-Schelte aus dem Süden nicht an. Die Studie zeige, dass es richtig sei, auf Bildungsexpansion zu setzen, meint Ministeriums-Sprecherin Vera Reiß-Jung. Nachbessern müsse die Politik aber noch an anderer Stelle: Mehr Schnittstellen zwischen beruflicher und tertiärer Ausbildung, also leichtere Übergangsmöglichkeiten von der dualen Ausbildung in die Hoch- und Fachhochschulen könnten nicht schaden. Womit sich der Kreis zu der Auffassung der Professoren an der FHN schließt.
Autor: nnzDas Ergebnis erwähnter Studie tangierte u.a auch das Thema eines Pressegesprächs am Dienstag an der Fachhochschule Nordhausen (FHN). Wobei diesem Ergebnis im wesentlichen vom Rektor der FHN, Prof. Christian C. Juckenack und seinen Mitarbeitern zugestimmt wurde mit der Überlegung, was zu tun sei, um den Wissensstand von Studienanfängern an der FHN vor Studienbeginn - soweit nötig - auf das an sich erforderliche Niveau zu heben.
Unabhängig davon aber meldete sich in diesen Tagen Widerstand gegen das Ergebnis der OECD-Studie, etwa nach dem Motto. Wir können uns doch nicht dauernd prügeln lassen. Die kritische Stimme kam zunächst von der bayerischen Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU), die das Fazit dieser Studie als abenteuerlich und realitätsfern einschätzte. Und damit quasi in Konfrontation ging zu Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung Bildungsindikatoren bei der OECD in Paris. Bei der Vorlage der neuesten Daten aus der jährlichen Routine-Studie Bildung auf einen Blick hatte Schleicher vor ein paar Tagen festgestellt, dass alle anderen Industrienationen in den zurückliegenden zwanzig Jahren das Qualifikationsniveau im postsekundären Bereich, also der beruflichen Ausbildung erheblich steigerten, während Deutschland stagnierte.
Dieser Befund, so Schleicher, erkläre die mangelnde Dynamik in der Arbeitsproduktivität und damit die Schwäche der deutschen Wirtschaft. Monika Hohlmeier, die hessische Kultusministerin Karin Wolff und Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (beide CDU) gingen in einer gemeinsamen Erklärung mit der österreichischen Kultusministerin Elisabeth Gehrer und Hans Ambühl, dem Leiter der schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, zur Gegenattacke über. Ihre Logik: Gäbe es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Abiturientenquote und Wirtschaftswachstum, so müssten Bayern, Baden-Württemberg und Hessen wirtschaftlich Schlusslicht in Deutschland sein. Das Gegenteil sei der Fall.
Die OECD missachte den Stellenwert der beruflichen Bildung. Das duale System sei ein Erfolgsschlager und genieße einen ausgezeichneten Ruf, meinte Hohlmeier, unbeeindruckt von der derzeitigen Lehrstellenmisere. Österreichs Kultusministerin Elisabeth Gehrer empfahl der OECD, ihr Zahlenwerk zu überarbeiten, um den Erfolg des dualen Ausbildungssystems angemessen zu würdigen.
Karin Wolff, derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), warnte gar davor, die Studienanfängerquote wie eine Monstranz der Bildungspolitik vor sich her zu tragen. Mehr Qualität sei wichtiger als eine höhere Quote.
Andreas Schleicher, studierter Bildungsökonom, reagierte gelassen auf den Vorwurf Hohlmeiers, er habe geringe Kenntnisse der Bildungssysteme in deutschsprachigen Raum nachgewiesen. In der Studie Bildung auf einen Blick sei sehr wohl auch auf den Vorzug des dualen Systems hingewiesen worden, dass es einen direkten Übergang von der Schule ins Arbeitsleben schaffe, sagte Schleicher in einem Pressegespräch.
In einer Pressemitteilung stellte die OECD darüber hinaus klar, dass bei ihren Bildungsindikatoren alle Ausbildungswege erfasst wurden. Fachschulabschlüsse, etwa von Krankenschwestern und Erzieherinnen, sowie die Absolventen von Berufsakademien tauchen im Tertiärbereich B auf, andere Berufsausbildungen im postsekundären Bildungsbereich.
Die Entwicklung auf dem Lehrstellenmarkt sei ein deutlicher Indikator für den tatsächlichen Bedarf an diesen Ausbildunggängen, meinte Schleicher. Er wolle nicht der Akademisierung das Wort reden, erklärte er in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Die Ausbildungssysteme müssten sich aber auf die Anforderungen der Wissensgesellschaft einstellen – und die seien andere als die der Industriegesellschaft, auf die das duale System die richtige Antwort gebe.
Heute sei es wichtiger, dass junge Menschen höherwertige Qualifikationen vorweisen könnten, die sie in wechselnden Arbeitsbereichen kreativ einsetzen könnten. Nichts von der These des Auf-der-Stelle-Treten müsse er zurücknehmen. Denn auch der Anteil derjenigen, die einen Sekundarstufe-II-Abschluss haben, stagniere in Deutschland. Diesen Abschluss haben zwar 85 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 34 Jahren – aber damit belegt Deutschland nur noch Rang 12 unter mehr als 40 Staaten.
Das SPD-geführte rheinland-pfälzische Schulministerium zum Beispiel schließt sich der OECD-Schelte aus dem Süden nicht an. Die Studie zeige, dass es richtig sei, auf Bildungsexpansion zu setzen, meint Ministeriums-Sprecherin Vera Reiß-Jung. Nachbessern müsse die Politik aber noch an anderer Stelle: Mehr Schnittstellen zwischen beruflicher und tertiärer Ausbildung, also leichtere Übergangsmöglichkeiten von der dualen Ausbildung in die Hoch- und Fachhochschulen könnten nicht schaden. Womit sich der Kreis zu der Auffassung der Professoren an der FHN schließt.
