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nnz/kn-Forum: Leidend durch Unterlassen

Samstag, 10. Dezember 2011, 13:55 Uhr
Wir hatten heute unter dem Titel "Wirbelsäule braucht Bewegung" über Probleme mit der Wirbelsäule berichtet. Dazu die Anmerkungen eines Lesers unserer Zeitung...


Wenn ich derartige Beiträge lese, bin ich jedesmal verärgert: Denn kaum eine Boulevardzeitschrift oder eine medizinische Seite im Internet gibt es, die sich nicht mit dem Thema Rückenschmerzen beschäftigt: Und trotzdem: Immer mehr Leute leiden unter ihnen. Ich, der aus Selbsterfahrung weiß, mit wie wenig täglichem Aufwand etwas gegen diese auf schlichtem Bewegungsmangelk beruhende "Volksseuche" unternommen werden könnte (nachdem ich mit 34 meinen bisher einzigen Hexenschuss hatte), ganz einfach, wünsche mir vor allem, dass die Gesundheitspoliktik das fehlende öffentliche Bewusstsein dafür bestraft. Und zwar anders, als sie es üblicherweise tut:

Gerade wird über eine Gebühr von 5 Euro pro Arztbesuch diskutiert für alle natürlich. Und wieder werden die Wogen hochgehen, wenn dies spruchreif wird. Dabei haben viele der Protestierer selbst einen gehörigen Teil dazu beigetragen, schlichtweg durch Unterlassen täglicher Gesundheitspflege.

Ich habe oft mit Menschen zu tun beruflich, oder in der Freizeit, die mir im Verlaufe von Gesprächen von ihren Rückenprobleme erzählen. Meine unweigerliche Frage ist dann sofort: Und was tust du dagegen? Und auch die Antwort ist stets dieselbe: "Ich weiß, ich müsste etwas tun, aber das kostet Überwindung, und auch die Zeit dafür ist einfach zu knapp. Sie wissen ja, der innere Schweinehund."

Ich glaube, viele Mitmmenschen haben noch nicht verstanden, was ihnen eventuell blüht, wenn sie weiterhin so ignorant sind. Es gibt Patienten, deren Rücken so kaputt ist, dass sie es ohne Morphium vor Schmerzen nicht mehr aushalten. Das bringen doch sogar die Privatsender?

Viele Operationen an der Wirbelsäule sind zudem riskant, wie mir ein Professor für Neurochirurgie bestätigte. Hinzu kommt ja noch, dass die jetzt Geborenen hochgerechnet im Schnitt an die 100 Jahre alt werden! Dieselben aber werden schon mit 15 verbreitet Rückenschmerzen haben. Was aber ist mit denen im Alter von 70, 80 oder 90? Wie sieht deren Wirbelsäule dann aus? Wer soll die aus Fahrlässigkeit und Disziplinlosigkeit resultierende Problemlösung für Millionen Alte bezahlen?

Fast jedes Fitnesstudio lockt die Leute mit seinen Geräten, weil diese Linderung versprechen. Aber das ist Geldschneiderei. Man braucht kein Fitnesstudio um etwas gegen die Zipperlein zu tun. Alles, was man braucht, ist Willen, zehn Minuten Internetrecherche für geeignete Übungen und ein wenig physiologisches Grundwissen und eine dicke Isomatte für den Fußboden.

Das spart eine Menge Geld: erst jenes fürs Fitnesstudio und später jenes der Solidargemeinschaft, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und natürlich viel Lebenszeit, die man ansonsten irgendwann bei Ärzten verbringen müsste. Mit einigen wenigen Übungen täglich, ein oder zweimal für jeweils zehn Minuten ausgeführt, erhalten Sie Ihren Rücken gesund.

Wenn die Menschen einfach nur die Werbepausen von RTL, Sat I & Co in den durchschnittlich 2 Stunden des durchschnittlichen deutschen TV-Konsums für Rückengymnastik nutzen würden, Millionen Leidensgeschichten müssten nicht geschrieben und Millionen Euro könnten der Solidargemeinschaft erspart werden.
Und ich gehe noch weiter: Die Zügel im Gesundheitswesen müssen angezogen werden: Jemand der mit Rückenschmerzen zum Arzt kommt und deren Ursache in einer unterentwickelten Rumpfmuskulatur gesehen werden, müsste ein Programmm aufgetragen bekommen, durchführbar zu Hause, um die Kassen zu entlasten.

Das Programm hat der Patient bis zum Ende seines Lebens durchzuführen und der Erfolg wird ALLMONATLICH vom Arzt kontrolliert (Muskelaufbau, in der Praxis absolvierte Trainingseinheit). Stellt der Arzt fest, dass der Patient nichts getan hat, muss er bar und gleich in der Praxis zahlen.
Auch wünsche ich mir eine Rennaissance der Schulsportgemeinschaften nach DDR-Vorbild.

Wir brauchen wieder eine Volkssportbewegung: Ich finde es schlimmm, dass mir über 80-jährige erzählen, dass es Jugendliche, die mit krummem Rücken auf der Straße gegangen wären, in der den 30er Jahren nicht gegeben hätte. "Meine Eltern hätten mir einen Knüppel zwischen die Schulterblätter gesteckt", sagt einer schmunzelnd, "und wir als Schüler hätten den anderen wegen seines krummen Ganges hochgenommen". Warum aber brauchen wir Diktaturen, damit das Bewusstsein für körperliche Bewegung und Körperhaltung steigt? Das darf doch nicht wahr sein!

Ich wünsche mir, dass Unternehmer dazu verdonnert werden, mit ihrer Belegschaft täglich zehn Minuten Rückenschulle nach einem festgelegten Programm zu machen. Der Unternehmer wird dafür von den Sozialabgaben für seine Mitarbeiter entlastet. Obendrein wird es ihm und seiner Firma, bedingt durch weniger lange Krankschreibungen und entspanntere Mitarbeiter zugute kommen.

Wir brauchen mehr solche Elemente in der Gesundheitspolitik, statt ständig neue Überlegungen für Beitragserhöhungen in welcher Form auch immer: Das einzige Krankheitskriterium, was nicht zu verhindern ist, ist das Alter: Fast alles andere hat jeder von uns, aber auch die Politik, in der Hand. Und letztere muss auch mal in der Lage sein, die Beölkerung mit geeigneten und durchdachten Maßnahmen zur Durchführung von Gesundheitspflegemaßnahmen zu zwingen.

Wir brauchen eine Kultur, wie sie die Chinesen schon seit Jahrtausenden haben: Dort gehören die Tai-Chi betreibenden Menschen zum gewohnten Straßenbild.

Wir brauchen eine Kultur mit einem zurechtgerückten Wertesystem: In der uns unsere aktive Gesundheitspflege wichtiger ist zum Beispiel, als die Pflege des Gartens oder gar des Autos. Letzteres können wir verschrotten. Unseren Körper aber haben wir nur einmal.
Aber auch in China nützt die altbewährte asiatische Art des Lebens zunehmend nichts mehr: Der westliche Lebenstil hält mehr und mehr Einzug: Die Folgen, die z.B. der gigantisch ansteigende Fleischkonsum für das 1,3 Milliarden-Volk zunehmend hat, ist erschreckend. Und irgendwann wird auch Tai Chi in Peking und Szechuan uncool sein. Und alle werden dafür bezahlen.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: nnz

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