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Strohfeuer oder Trendwende?

Freitag, 19. September 2003, 12:51 Uhr
Nordhausen (nnz). Die regionale Wirtschaft kehrt auf den Wachstumspfad zurück. In Nord- und Mittelthüringen mehren sich die Anzeichen für eine Konjunkturerholung, die über eine reine Stimmungsverbesserung hinaus gehen. Dazu eine erste Einschätzung der Erfurter IHK.


Der Konjunkturklimaindex, der sowohl die aktuelle wirtschaftliche Lage der Unternehmen als auch die Erwartungen und Pläne berücksichtigt, erreicht 123 von 200 möglichen Prozentpunkten und steigt um 20 Punkte zur vorhergehenden Analyse. "Nach zwei Jahren schätzen die Firmen erstmals ihre gegenwärtige Geschäftslage wieder positiver ein. Zwar herrscht in den Chefetagen keineswegs Sektlaune, aber die pessimistischen Stimmen nehmen ab", wertet IHK-Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser die Ergebnisse der Befragung von 1.012 Thüringer Unternehmern. So langsam könne sich die Konjunktur aus der lähmenden Stagnation befreien. Ob die wirtschaftliche Wende aber tatsächlich eintritt, hänge nun stark von der Politik und verlässlichen Rahmenbedingungen für die Firmen ab.

Große Hoffnungen würden die Manager mit den für den Herbst anstehenden Reformentscheidungen verknüpfen. Innerhalb der letzten vier Monate wäre die Anzahl der Pessimisten deutlich von 41 auf 24 Prozent gesunken. "Die Mehrheit der Unternehmer erwartet eine niedrigere Steuerbelastung im nächsten Jahr. Wer das Vorziehen der Steuerreform jetzt noch blockiert, handelt deshalb fahrlässig - parteitaktische Erwägungen hin oder her", so Grusser.

Die positiven Konjunktursignale würden sich aber noch nicht in den Beschäftigten- und Investitionsplänen der befragten Unternehmen widerspiegeln. Für den Arbeitsmarkt sei kurzfristig deshalb keine Besserung in Sicht. "Vielmehr ist zu befürchten, dass ein verschärfter Wettbewerb den Rationalisierungsdruck noch erhöhen und zur Entlassung von Mitarbeitern führen wird", warnt Grusser. 30 Prozent der Firmen würden auch in den nächsten Monaten noch Stellenstreichungen planen. Motor der konjunkturellen Belebung bleibe die Industrie. Besonders erfreulich sei die Entwicklung in der Investitionsgüterbranche in Thüringen - die auch als Konjunkturindikator gelte - und von Januar bis Juli diesen Jahres einen Umsatzanstieg von 13,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnen konnte.

"Die Auftragsbücher der Industriebetriebe füllen sich wieder. Immerhin 74 Prozent der Befragten berichten von gestiegenen bzw. gleichbleibend konstanten Eingängen", berichtet der IHK-Hauptgeschäftsführer. Das gebe Anlass zu Optimismus und brächte erste positive Auswirkungen: So hätten sich - wenn auch nur geringfügig - Kapazitätsauslastung und Ertragssituation verbessert und wäre die Zahl der mit Verlust arbeitenden Unternehmen von 30 auf 21 Prozent gesunken.

Im Einzelhandel habe sich die Situation leicht stabilisiert, bleibe aber nach wie vor angespannt. Die Unternehmer müssten für jeden Euro Umsatz hart kämpfen. Ob jedoch die verlängerten Öffnungszeiten die Ausgabenfreude der Konsumenten steigern konnte, würden die Händler bisher recht unterschiedlich beurteilen. Immerhin rechne jede zweite Firma mit weiter sinkenden Umsätzen. Bereits in den ersten sieben Monaten dieses Jahres hätte die Branche Ertragseinbußen von 1,4 Prozent verzeichnen müssen. Damit verbunden wäre ein weiterer Personalabbau gewesen. So beschäftigte der Thüringer Einzelhandel von Januar bis Juli 2003 durchschnittlich 4,9 Prozent weniger Arbeitskräfte als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Das Stimmungsbarometer der Großhändler habe sich dagegen aufgehellt. Jeder Dritte könne sich über höhere Gewinne freuen und nur bei 12 Prozent der Befragten würden die Geschäfte schlecht laufen.

Wie kaum eine andere Branche leide das Gastgewerbe unter der extremen Konsumzurückhaltung der Verbraucher. 62 Prozent der Befragten bezeichneten ihre Geschäftslage als schlecht. Von Januar bis Juli 2003 musste das Thüringer Gastgewerbe einen Umsatzrückgang von 8,1 Prozent verkraften. Im Vergleich zum Vorjahr verloren 7,5 Prozent der Beschäftigten ihren Job.

Das Thüringer Baugewerbe setzte seinen Schrumpfkurs fort. Innerhalb eines Jahres sind 3.109 Arbeitsplätze verloren gegangen. "43 Prozent der befragten Unternehmen arbeiten im Verlustbereich und blicken äußerst sorgenvoll auf die nächsten Monate", befürchtet Grusser weitere Firmenkonkurse.

Im Verkehrsgewerbe dämpfe die Mauteinführung jeglichen Optimismus. Lediglich 6 Prozent der befragten Fuhrunternehmer rechneten mit einer günstigeren Geschäftsentwicklung. Diskussionen über den Starttermin und technische Unzulänglichkeiten würden die Branche zusätzlich verwirren. Eine konkrete Preis- und Kostenkalkulation wäre so für die Firmen kaum möglich. Nur eines sei sicher: Die Maut werde zu einem Preisanstieg im Straßengüterverkehr führen. Jeder fünfte Unternehmer kalkuliere für die Zukunft mit höheren Entgelten.
Autor: nnz

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