Vom Zimmermann zum MOSAIK-Redakteur
Sonntag, 06. November 2011, 18:36 Uhr
Seit der Herausgabe des spannenden Sachbuches von Dr. Mark Lehmstedt über Die geheime Geschichte der Digedags rückt auch der Landkreis Nordhausen mehr und mehr in den Fokus um die Geschehnisse hinter den Kulissen der legendären DDR-Bilderzeitschrift MOSAIK. Lehmstedts aufwendig betriebene Recherchen brachten u. a. zu Tage, dass drei der einflussreichsten Persönlichkeiten des MOSAIK Kollektivs mit der Südharzregion zumindest zeitweise verwurzelt waren ...
In diesem städtisch verwalteten Wohnhaus in der Hardenbergstraße 4 in Nordhausen wurde Hans Ehrhardt am 28.Oktober 1932 geboren; Foto: H.-G. Backhaus (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Neben Johannes Hegenbarth (Hannes Hegen) und Lothar Dräger prägte über Jahre eine weitere Persönlichkeit Inhalt und Gestaltung des MOSAIK: Hans Ehrhardt. Ihm war nach Eintritt ins MOSAIK Kollektiv seitens der Partei (SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) die Aufgabe übertragen worden, die politisch-ideologische Arbeit der MOSAIK - Gestalter voran zu bringen und u.a. um den Titel Kollektiv der sozialistischen Arbeit zu kämpfen.
Doch wer war dieser Mann? Hans Ehrhardt wurde am 28. Oktober 1932 in einem städtisch verwalteten Wohnhaus in der Hardenbergstraße 4 in Nordhausen geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Zimmermann, seine Mutter Näherin und über viele Jahre Hausfrau. Vier Kinder galt es in schwerer Zeit großzuziehen. Hans besuchte die Mathilden-Mittelschule in der Domstraße (zu DDR-Zeiten POS Adolf Diesterweg, heute Schulteil des Humbold-Gymnasiums) und erfuhr bereits als Kind die Auswirkungen der Nazizeit, die ungeheures Leid über die Völker der Welt brachte.
Hans Ehrhardt 1960 mit seinem Stiefsohn Jens in Berlin. Im gleichen Jahr übernahm er das MOSAIK als verantwortlicher Redakteur; Foto: Privatarchiv H. Barth (Foto: privat)
Nach Ende der Schulausbildung und geprägt vom Beruf seines Vaters begann er eine Lehre zum Zimmermann. Als im Jahre 1950 die Bartning Notkirche am Hüpedenweg nahe der Vogelsiedlung von Niedersalza errichtet wurde, durfte er als Zimmermannsgeselle daran mitwirken, worauf er immer sehr stolz war. Das evangelische Gotteshaus erhielt bei der Kirchweihfeier den Namen Justus Jonas und konnte im vergangenem Jahr den 60. Jahrestag seiner Errichtung begehen. Doch dem jungen Zimmermannsgesellen passierten des öfteren kleine Missgeschicke, vor allem dann, wenn er an Maschinen arbeitete. So sah er in dieser Tätigkeit auf Dauer für sich keine berufliche Zukunft.
In seiner Freizeit engagierte er sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges und Lehren ziehend aus einer faschistischen Diktatur in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Nordhausen, die gerade im Aufbau begriffen war. Er setzte sich selbst das Ziel, mit aller Kraft an einem neuen und gerechten Deutschland mitzuwirken. Bald verließ er Nordhausen, legte an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) in Weimar sein Abitur ab und absolvierte von 1953 bis 1957 an der Karl-Marx-Universität (KMU) Leipzig ein Germanistik-Studium, das er als Diplom-Oberstufenlehrer erfolgreich abschloss. Durch eine alsbald folgende schwere Ohrenkrankheit konnte Hans Ehrhardt den Lehrerberuf jedoch nicht ausüben.
Richtungsweisend für seinen weiteren beruflichen Weg sollte in Berlin eine eher zufällige Begegnung mit Margot Honecker werden, die damals im DDR-Volksbildungs-Ministerium für die Lehrerausbildung verantwortlich zeichnete. Seinen Freunden und Kollegen war Ehrhardt stets durch sein äußerst konsequentes parteiliches Auftreten aufgefallen, welches er nicht zur Schau trug, sondern aus tiefster Überzeugung lebte. Und so war es nicht verwunderlich, dass er durch Vermittlung Margot Honeckers Redakteur der Zeitschrift Junger Pionier, der späteren Trommel wurde und 1958 ein Zusatzstudium der Journalistik an der Außenstelle der KMU in Berlin aufnahm.
Der Verlag Junge Welt übernahm am 1. November 1959 das MOSAIK und Hans Ehrhardt wurde mit Wirkung vom 4. Januar 1960 als neuer verantwortlichen Redakteur dieser Bilderzeitschrift eingesetzt.
In dieser neuen Funktion machte sich Ehrhardt umgehend daran, eine Strategie zu entwickeln, die Gewähr bieten sollte, dass in künftigen MOSAIK - Geschichten Parteilichkeit für die Armen und Unterdrückten, Freude am Schönen, am turbulenten Spaß und an der phantastischen Komik deutlich herausgestellt wurden. Noch im Laufe des Jahres 1960 sollte das MOSAIK zu einer Bilderzeitschrift der Pionierorganisation Ernst Thälmann entwickelt werden und wie die vorgegebene Forderung lautete - unsere Kinder für das Morgen, für die eigene sozialistische Zukunft begeistern.
Doch Ehrhardt hatte einen anfangs zumindest - nicht zu unterschätzenden Gegenspieler: den böhmischen Sturkopf Johannes Hegenbarth (Hannes Hegen), Gründer des MOSAIK und bestimmende Kraft im Kollektiv. Der bewies immer wieder genug Willensstärke und Ausdauer, nahezu alles seinen Vorstellungen unterzuordnen und erwies sich stets als ein harter Verhandlungspartner. Hegenbarth war bewusst, dass die FDJ als Eigentümer des Verlages Junge Welt ihn brauchte. Denn sein (Hegenbarths) MOSAIK brachte mächtig viel Geld ein, auf das man unter keinen Umständen verzichten wollte.
Trotz oft zutage getretener unterschiedlicher Standpunkte und nicht selten zermürbender Auseinandersetzungen in der Frage der Ausrichtung der Bilderzeitschrift einte Johannes Hegenbarth und Hans Ehrhardt letztendlich immer der Wille nach einem sachlichen Miteinander. Das gesamte Kollektiv, also Texter, Grafiker und Redakteur, stand vor allem fest zusammen, als es darum ging, das MOSAIK zu erhalten. Mitte des Jahres 1963 schied Hans Ehrhardt aus dem MOSAIK Kollektiv aus, um sich zunächst der Pionierzeitschrift Atze zu widmen. 1969 übernahm er die Leitung der Kulturabteilung der Deutsche Lehrerzeitung (DLZ). Bei der DLZ blieb er bis 1991. Als Pensionär verfasste er fortan für die Beilage der DLZ Zukunftswerkstatt Schule auf ehrenamtlicher Basis zahlreiche Beiträge. Hans Ehrhardt verstarb nach schwerer Krankheit am 22. April 1998 in Berlin.
Hans-Georg Backhaus, Nordhausen
Dank des Autors: Für die freundlichen Auskünfte danke ich Ruth Ehrhardt aus Berlin-Pankow (Witwe von H. Ehrhardt) und Helga Barth aus Werther (Schwester von H. Ehrhardt).
Autor: nnz
In diesem städtisch verwalteten Wohnhaus in der Hardenbergstraße 4 in Nordhausen wurde Hans Ehrhardt am 28.Oktober 1932 geboren; Foto: H.-G. Backhaus (Foto: Hans-Georg Backhaus)
Neben Johannes Hegenbarth (Hannes Hegen) und Lothar Dräger prägte über Jahre eine weitere Persönlichkeit Inhalt und Gestaltung des MOSAIK: Hans Ehrhardt. Ihm war nach Eintritt ins MOSAIK Kollektiv seitens der Partei (SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) die Aufgabe übertragen worden, die politisch-ideologische Arbeit der MOSAIK - Gestalter voran zu bringen und u.a. um den Titel Kollektiv der sozialistischen Arbeit zu kämpfen. Doch wer war dieser Mann? Hans Ehrhardt wurde am 28. Oktober 1932 in einem städtisch verwalteten Wohnhaus in der Hardenbergstraße 4 in Nordhausen geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Zimmermann, seine Mutter Näherin und über viele Jahre Hausfrau. Vier Kinder galt es in schwerer Zeit großzuziehen. Hans besuchte die Mathilden-Mittelschule in der Domstraße (zu DDR-Zeiten POS Adolf Diesterweg, heute Schulteil des Humbold-Gymnasiums) und erfuhr bereits als Kind die Auswirkungen der Nazizeit, die ungeheures Leid über die Völker der Welt brachte.
Hans Ehrhardt 1960 mit seinem Stiefsohn Jens in Berlin. Im gleichen Jahr übernahm er das MOSAIK als verantwortlicher Redakteur; Foto: Privatarchiv H. Barth (Foto: privat)
Nach Ende der Schulausbildung und geprägt vom Beruf seines Vaters begann er eine Lehre zum Zimmermann. Als im Jahre 1950 die Bartning Notkirche am Hüpedenweg nahe der Vogelsiedlung von Niedersalza errichtet wurde, durfte er als Zimmermannsgeselle daran mitwirken, worauf er immer sehr stolz war. Das evangelische Gotteshaus erhielt bei der Kirchweihfeier den Namen Justus Jonas und konnte im vergangenem Jahr den 60. Jahrestag seiner Errichtung begehen. Doch dem jungen Zimmermannsgesellen passierten des öfteren kleine Missgeschicke, vor allem dann, wenn er an Maschinen arbeitete. So sah er in dieser Tätigkeit auf Dauer für sich keine berufliche Zukunft. In seiner Freizeit engagierte er sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges und Lehren ziehend aus einer faschistischen Diktatur in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Nordhausen, die gerade im Aufbau begriffen war. Er setzte sich selbst das Ziel, mit aller Kraft an einem neuen und gerechten Deutschland mitzuwirken. Bald verließ er Nordhausen, legte an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) in Weimar sein Abitur ab und absolvierte von 1953 bis 1957 an der Karl-Marx-Universität (KMU) Leipzig ein Germanistik-Studium, das er als Diplom-Oberstufenlehrer erfolgreich abschloss. Durch eine alsbald folgende schwere Ohrenkrankheit konnte Hans Ehrhardt den Lehrerberuf jedoch nicht ausüben.
Richtungsweisend für seinen weiteren beruflichen Weg sollte in Berlin eine eher zufällige Begegnung mit Margot Honecker werden, die damals im DDR-Volksbildungs-Ministerium für die Lehrerausbildung verantwortlich zeichnete. Seinen Freunden und Kollegen war Ehrhardt stets durch sein äußerst konsequentes parteiliches Auftreten aufgefallen, welches er nicht zur Schau trug, sondern aus tiefster Überzeugung lebte. Und so war es nicht verwunderlich, dass er durch Vermittlung Margot Honeckers Redakteur der Zeitschrift Junger Pionier, der späteren Trommel wurde und 1958 ein Zusatzstudium der Journalistik an der Außenstelle der KMU in Berlin aufnahm.
Der Verlag Junge Welt übernahm am 1. November 1959 das MOSAIK und Hans Ehrhardt wurde mit Wirkung vom 4. Januar 1960 als neuer verantwortlichen Redakteur dieser Bilderzeitschrift eingesetzt.
In dieser neuen Funktion machte sich Ehrhardt umgehend daran, eine Strategie zu entwickeln, die Gewähr bieten sollte, dass in künftigen MOSAIK - Geschichten Parteilichkeit für die Armen und Unterdrückten, Freude am Schönen, am turbulenten Spaß und an der phantastischen Komik deutlich herausgestellt wurden. Noch im Laufe des Jahres 1960 sollte das MOSAIK zu einer Bilderzeitschrift der Pionierorganisation Ernst Thälmann entwickelt werden und wie die vorgegebene Forderung lautete - unsere Kinder für das Morgen, für die eigene sozialistische Zukunft begeistern.
Doch Ehrhardt hatte einen anfangs zumindest - nicht zu unterschätzenden Gegenspieler: den böhmischen Sturkopf Johannes Hegenbarth (Hannes Hegen), Gründer des MOSAIK und bestimmende Kraft im Kollektiv. Der bewies immer wieder genug Willensstärke und Ausdauer, nahezu alles seinen Vorstellungen unterzuordnen und erwies sich stets als ein harter Verhandlungspartner. Hegenbarth war bewusst, dass die FDJ als Eigentümer des Verlages Junge Welt ihn brauchte. Denn sein (Hegenbarths) MOSAIK brachte mächtig viel Geld ein, auf das man unter keinen Umständen verzichten wollte.
Trotz oft zutage getretener unterschiedlicher Standpunkte und nicht selten zermürbender Auseinandersetzungen in der Frage der Ausrichtung der Bilderzeitschrift einte Johannes Hegenbarth und Hans Ehrhardt letztendlich immer der Wille nach einem sachlichen Miteinander. Das gesamte Kollektiv, also Texter, Grafiker und Redakteur, stand vor allem fest zusammen, als es darum ging, das MOSAIK zu erhalten. Mitte des Jahres 1963 schied Hans Ehrhardt aus dem MOSAIK Kollektiv aus, um sich zunächst der Pionierzeitschrift Atze zu widmen. 1969 übernahm er die Leitung der Kulturabteilung der Deutsche Lehrerzeitung (DLZ). Bei der DLZ blieb er bis 1991. Als Pensionär verfasste er fortan für die Beilage der DLZ Zukunftswerkstatt Schule auf ehrenamtlicher Basis zahlreiche Beiträge. Hans Ehrhardt verstarb nach schwerer Krankheit am 22. April 1998 in Berlin.
Hans-Georg Backhaus, Nordhausen
Dank des Autors: Für die freundlichen Auskünfte danke ich Ruth Ehrhardt aus Berlin-Pankow (Witwe von H. Ehrhardt) und Helga Barth aus Werther (Schwester von H. Ehrhardt).
