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Schnüffeln für Partei und Staat

Mittwoch, 26. Oktober 2011, 06:30 Uhr
22 Jahre nach dem Ende der damaligen DDR ist das Thema „Stasi“ immer noch interessant. Zumindest für diejenigen, die damit heutzutage ihr Geld verdienen. Und so werden jede Menge Bücher über jede Facette der einstigen Schnüffelei im Namen einer Partei geschrieben. Eines davon ist in Nordhausen vorgestellt worden...

Blick in Auditorium (Foto: nnz) Blick in Auditorium (Foto: nnz)
Das Auditorium im Bürgersaal des Neuen Rathauses hatte ein Durchschnittsalter von über 60 Jahre

Peter Hellström heißt der Mann, der sich der Postkontrolle durch die Stasi widmete. Im Jahr 2002 habe es eine Ausstellung in Berlin gegeben, die sich diesem Thema widmete. Hellström hatte sich die Exposition angesehen. Als Opfer und auch seinen "Vorgang" dabei erkannt.

Blende zurück: 1968 hatte der Mann einen Brief an einen Freund in Richtung Westberlin über den Einmarsch der Ostblocktruppen in die damalige Tschecheslowakei geschrieben. Der wurde abgefangen, Hellström kam in U-Haft und wurde anschließend zu 18 Monaten Haft verurteilt. Nach einem Jahr wurde der Mann freigekauft. Hellströms Mutter wohnte damals in Ilfeld und so musste er in der Kältetechnik in Niedersachswerfen arbeiten. Später ging es dann als Ingenieur in die chemische Industrie.

Hellström beim Vortrag (Foto: nnz) Hellström beim Vortrag (Foto: nnz) Blende zu: Hellström hat nun ein Buch geschrieben, in dessen Mittelpunkt die Postkontrolle der Abteilung M der Stasi steht. Obwohl das Post- und Briefgeheimnis in beiden Verfassungen der DDR garantiert war, wurde bereits in der damaligen sowjetischen Besatzungszone von Beginn an gespitzelt. Damals involviert waren zuerst SED-Genossen bei der Post und die Volkspolizei.

Mit der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurde auch eine entsprechende Postabteilung ins Leben gerufen. Das war 1950. Und so gab es auch für die Postschnüffler von Beginn an einen Plan. In Thüringen sollten innerhalb von zwei Wochen tausende Briefe von Arbeitern in Unterwellenborn, Jena sowie von Studenten gelesen und ausgewertet werden.

Später wurde die Kontrolle der Briefe auf Pakete und Päckchen ausgedehnt, vor allem nach dem Arbeiteraufstand des Jahres 1953. Überwachung total und Enttarnung von vermeintlichen Agenten und Spionen. Weiterhin sollte die Stimmung unter der Bevölkerung ermittelt und analysiert werden. Nach 1975 sollten dann auch noch die Antragsteller auf Ausreise verstärkt kontrolliert werden.

Ab 1985 wurde die gesamte Post der DDR-Bürger über die Bezirksstädte geleitet werden, damit die Post geöffnet und kontrolliert werden konnte. Ende 1989 wurde die Abteilung M offiziell geschlossen.

Titelblatt (Foto: privat) Titelblatt (Foto: privat)

Für Nordhausen hat der Autor nur Belege aus dem Jahr 1953 gefunden. Bleibt hier schon einmal die Frage, warum der Vortrag unter dem Motto „Als die Stasi den Postverkehr der Nordhäuser überwachte" stand? Nachweise für eine eigenständige Postkontrolle in Nordhausen gab es nämlich später nicht.

Zum System der Postkontrolle, die allein in Erfurt 142 Mitarbeiter zählte: Die Auftragsfahndung, die Merkmalsfahndung, die innere Auswertung und die Schriftenfahndung, die Textanalyse. Pro Jahr mussten im inneren Verkehr 30.000 Päckchen und Pakete sowie 30.000 Briefe ausgewertet, also geöffnet werden. DDR-weit.

Der personelle Aufwand war enorm, mehr als 2.200 Frauen und Männer arbeiteten für die Postkontrolle des MfS.

Und nun – mehr als 20 Jahre danach? Kein Schnüffelei mehr? Heute erledigt das der Verfassungsschutz oder auch der BND, das G-10-Gesetz macht es möglich. Nicht mehr mit derart viel Personal, dafür mit ausgefeilter Technik. Vor allem im elektronischen Verkehr (Telefon, Fax, Handy, Internet, Mail) ist heutzutage alles möglich und wird gemacht, wie erst wieder die Überwachung eines Göttinger Journalisten durch den BND zutage förderte. Und was die deutschen Geheimdienste nicht schaffen, das erledigen die „Kollegen“ der NSA. Nur, so richtig wahrhaben will das kaum jemand. Schlimm ist das auch nicht, weil ja parlamentarisch legitimiert und vom Parlament kontrolliert. Wie zum Beispiel beim Bundestrojaner. Letztlich gibt es noch die medialen Aufdecker. Das ist gut so, lindert das Schnüffeln ein wenig, "geheilt" wird es auch dadurch nicht.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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