Menschenbilder (21)
Freitag, 14. Oktober 2011, 06:29 Uhr
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat. Dieser Text beruht auf dem 200. Gespräch, das Schwarzberg für das Buch geführt hat. Insgesamt wird es 206 Texte enthalten. Es steht unmittelbar vor dem Abschluss.
Für einige Kinder des Landkreises Nordhausen waren Bananen zu DDR-Zeiten nicht nur Luxus, sondern ein notwendiges Lebensmittel. Dieses Obst gehörte zu den wenigen Sorten, die sie, bedingt durch eine spezielle Erkrankung, vertrugen. Hans Schäfer verfügte über eine Bescheinigung der Bleicheröder Kinderklinik, die es ihm erlaubte, Bananen aus Sumatra und Guinea, gewissermaßen auf Rezept als so genannte Sonderzuteilung zu beziehen. Diese Kinder hatten pro Woche Anspruch auf ihr kleines Bananenkontingent.
Doch im Kreis Nordhausen war Hans Schäfer auch für zahlreiche andere Menschen der Glücksbringer schlechthin, weil es ihm mit viel Idealismus immer wieder gelang, der sozialistischen Mangelwirtschaft ein Schnippchen zu schlagen und seinen Obst- und Gemüseladen in der Hauptstraße 93 zu einer wahren Oase zu entwickeln. Der Name Schäfer-Eck hat sich bis heute als Bezeichnung gehalten, obwohl sie auf keinem Straßenschild steht.
Der Vater des am 16.12.1925 in Bleicherode geborenen Hans Schäfer, Johann Schäfer, war ein in ganz Europa agierender Viehhändler. Nach der Heirat seiner aus Lipprechterode stammenden Frau Berta Leide, geborene Mehler, wurde er sesshaft und eröffnete unter dem Rathausbogen 1923 ein kleines, nicht beheizbares Obst- und Gemüsegeschäft. Nach einem Jahr zog er in die Hauptstraße 98 und dann in die Nummer 102.
1928 kaufte Johann Schäfer das Grundstück Hauptstraße 93 mit einem Zweifamilienhaus nebst Laden, wo der kleine Handel bis zum Jahre 1993 zu einer Legende werden sollte. Vor dem Krieg lief es sehr gut. Aus Trebra und Hainrode bezog mein Vater Eier und frische Butter, Obst und Gemüse vieler Sorten von Nordhäuser Großhändlern, von Kleinerzeugern aus Uthleben und sogar von Unternehmen aus Hannover. Fenchel, Manna, Mandarinen, Apfelsinen, Ananas und Tomaten waren in den Auslagen keineswegs ungewöhnlich, wobei einiges schon zur gehobenen Preisklasse gerechnet wurde, sagt er. Während des Krieges habe es nur einen Mangel an Südfrüchten gegeben. Ansonsten sei das Angebot gar nicht schlecht gewesen, so Hans Schäfer.
Er selbst besuchte die Mittelschule und wollte eigentlich Jockey werden. Weil sein Stiefbruder Fritz Leide aber 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, musste er im Interesse des Geschäftes von 1940 bis 1942 eine kaufmännische Lehre im väterlichen Laden absolvieren.
Dann begann auch für ihn ein langer Leidensweg als Soldat: Zunächst wurde Hans Schäfer zum Reichsarbeitsdienst nach Südthüringen eingezogen, wo er Land urbar zu machen hatte. Am 28.12.1942 kam er als damals noch begeisterter Soldat zur 106. Infanteriedivision der 6. Armee des Generals Friedrich Paulus vor das bereits von der Roten Armee eingekesselte Stalingrad.
Er legt seine Hand dafür ins Feuer, dass es bei seiner Einheit keine Gräueltaten gegen die Bevölkerung gab: Wir duften uns noch nicht einmal ohne Erlaubnis einen Eimer von ihnen nehmen, sagt er. Im März 1943 wurde er schwer durch einen Granatsplitter zwischen den Beinen verwundet. Bei dem Angriff waren drei seiner Kameraden in nächster Nähe ums Leben gekommen. Nach seiner Genesung kam er nach Rumnänien, wo er durch einen Granatsplitter im Rücken verwundet wurde. In Ungarn, seinem letzten Fronteinsatz im Osten, verlor er 1944 beinahe einen Daumen.
Für das fast schon letzte Aufgebot Hitlers erhielt er in Brandenburg/Havel Anfang 1945 noch eine Ausbildung zum Scharfschützen und wurde dem neu aufgestellten Freikorps Friedrich Ludwig Jahn zugeteilt. Es folgten Kämpfe um Potsdam, Berlin und Großbeeren. Einen Befehl vom Frühjahr 1945 wird Hans Schäfer wohl nie vergessen: Feuergruppe Schäfer sichert das Absetzen des Regiments bis zur Abberufung durch Melder.
Es galt, die Russen mit drei schweren Maschinengewehren aufzuhalten. Dass sie seinen Posten nicht passierten, rettete ihm möglicherweise das Leben. Sein letzter Befehl an seine Soldaten beinhaltete den individuellen Rückzug bis zur Elbe. Dort ergab er sich den Amerikanern, die ihn gemeinsam mit 68.000 weiteren deutschen Kriegsgefangen an die Rote Armee übergaben. Weil Hans Schäfer auf der Fahrt nach Sibirien noch vor Frankfurt/Oder an Ruhr erkrankte, wurde er von den Russen, mit offiziellem Entlassungsschein auf freien Fuß gesetzt. Da wog er nur noch knapp 40 Kilo.
Die Ruhr hatte ihm das Martyrium Sibirien erspart und damit möglicherweise das Leben gerettet. Im November 1945 war der Bleicheröder wieder daheim, wo er Monate brauchte, um zu genesen. Seine gesamte Familie hatte den Krieg überlebt. Hans Schäfer unterstützte nun wieder seinen Vater bei der Arbeit im Obst- und Gemüsegeschäft und belieferte in der Anfangszeit u.a. das Institut Rabe in Bleicherode, wo die Sowjets deutsche Raketeningenieure beschäftigten. (siehe Text Lampert, in diesem Band). Seit 1950 führte mein Gesprächspartner das Geschäft allein.
Zunächst schafften die Schäfers ihre Waren meist mit Pferden heran, vielfach fuhren sie hierfür zu Bauern in den Ort Thürungen. An Südfrüchte wie vor dem Krieg war nun nicht einmal mehr zu denken. Wir waren für jeden Kohlkopf dankbar, sagt Hans Schäfer. Ab 1955 besserte sich die Situation mit der Eröffnung der ersten HO- und Konsum-Geschäfte, die der Bleicheröder als harte Konkurrenz bezeichnet. Um mithalten zu können, blieb uns das Unterschreiben eines Kommissionshändlervertrages mit der HO im Jahre 1957 nicht erspart, sagt er.
Immerhin war es dem Vater-Sohn-Gespann nun aber möglich, Obst und Gemüse direkt z.B. von der LPG Thomas Münzer in Mühlhausen zu beziehen. Schlagartig konnte das Duo sein Sortiment erweitern: Erdbeeren, Kirschen, Äpfel, Blumenkohl, Tomaten und Gurken waren während dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Zum Wohle seiner Kunden erhielt Hans Schäfer sogar einen Grünen Passierschein für das in der 500-Meter-Zone vor der Staatsgrenze gelegene Wahlhausen. Weil die dortige LPG aber auch ein Lager im nur 500 m entfernt gelegenen Lindewerra unterhielt, wagte Hans Schäfer verbotenerweise auch die Fahrt dorthin. Das führte zu einer mehrtägigen Inhaftierung des Geschäftsmannes.
Ab 1960 verschlechterte sich die Versorgungssituation. Von nun an mussten die Verträge mit den LPG jährlich erneuert werden. Ein besonderes Kapitel war auch der Fuhrpark des Händlers: Nach einem alten, maroden Opel fuhr er in den 60-ern einen Wolga. Durch seine Kontakte zu Opel-Leich in Nordhausen gelang es Hans Schäfer stets, einen neuen Motor unter dessen Haube zu haben.
Über eine Zeitungsannonce tauschte er schließlich den Wolga gegen einen fast neuen B 1000 des Verlags Neue Zeit in Berlin. Für diesen jedoch wurde ihm die Zulassung mit der Begründung versagt, dass die Nutzung eines solchen Fahrzeuges im Privatbesitz völlig unmöglich sei. Nach einem halben Jahr und zähen Stellungskämpfen erhielt Hans Schäfer über den Rat des Bezirkes schließlich die Genehmigung und durfte sich in Nordhausen wenig später die ersehnten Nummernschilder abholen.
Die Bedeutung des Obst- und Gemüsegeschäft in der Hauptstraße 98 wuchs trotz aller Behinderungen staatlicherseits. Denn zähneknirschend mussten die Organe anerkennen, dass sie allen ideologischen Scheuklappen zum Trotz auf solch findige Menschen mit Eigeninitiative zur Versorgung der Bevölkerung angewiesen waren. Den B 1000 (Kübel) tauschte Hans Schäfer gegen einen B 1000 Pritsche. Gegen Ende der DDR-Zeit verfügte sein Geschäft über drei B 1000, einen LO und einen K 30. Gefahren wurden sie von Hans Schäfer selbst sowie von dessen Sohn Burkhard und den Mitarbeitern Eberhard Schmidt und Jürgen Pfützenreuter.
14 Menschen standen 1989 insgesamt bei ihm in Lohn und Brot. Schließlich belieferte das Bleicheröder Gemüsegeschäft u.a. das Kaliwerk Bleicherode, das Bleicheröder Krankenhaus, Gastmahl des Meeres in Nordhausen, das Parkschloss in Nordhausen und das IFA-Ferienobjekt Hufhaus. Hinzu kamen allein elf Bleicheröder Gaststätten.
Wir waren immer nur in der DDR unterwegs, um Obst und Gemüse zu besorgen. Es hat mir einfach Spaß gemacht, wenn die Leute und die Gaststätten etwas Besonderes bei mir einkaufen konnten, denkt Hans Schäfer zurück. Raritäten wie die Biersorte Dominator (80 Kästen pro Woche), Blankenburger Wiesenquell sowie Traubenmost und Traubenwein (persönlich geholt aus einer privaten Mosterei in Berlin-Buchholz) gehörten bei ihm zum üblichen Sortiment. Unter anderem wegen seiner Einkäufe in der DDR-Hauptstadt bekam Hans Schäfer Ärger, weil Waren, die für das bevorzugt belieferte Berlin vorgesehen waren, nach Lesart der Organe nicht für die Versorgung der Provinz in Frage kamen.
Der Argwohn der DDR-Behörden verfolgte ihn auch sonst auf Schritt und Tritt. Wegen des Vorwurfs einer nicht ordnungsgemäßen Buchführung und wegen angeblicher Mauscheleien beim Bau seines Hauses wurde er in den 60ern zu eineinhalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Weil er jedoch so dringend gebraucht wurde, musste er nicht in Haft, sozusagen mit dem Damoklesschwert einer inoffiziellen Bewährungsstrafe bzw. einer weiterhin drohenden Inhaftierung.
Später erfuhr Hans Schäfer, dass sein Urteil von der SED-Kreisleitung und nicht vom Gericht gefällt worden war. Sein erster Anwalt, der sich für ihn eingesetzt hatte, hatte sich während des Prozesses übrigens das Leben genommen und dessen zweiter legte sein Mandat schließlich nieder, weil ihm die Angelegenheit zu heiß sei.
Den Mauerfall hat Hans Schäfer entsprechend begrüßt. Sofort orderte er zwei LKW-Ladungen mit 30 Tonnen Orangen, Kiwis und Joghurt. Die Schlange vor seinem Geschäft bestand aus bis zu 200 Wartenden.
Weil das Geschäft 1993 keines seiner vier Kinder (Hans-Peter, heute 63, Burkard, 58, Monika, 50 und Christiane, 39) übernehmen wollte, entschied er sich zur Schließung.
Er verkaufte sein Haus und bezog ein kleineres im Japanweg 10. Dort genießt Hans Schäfer das typische Rentnerleben, wie er sagt, widmet sich allerdings nun verstärkt dem Reitsport. So betreut er u.a. die Pferde seiner Tochter Christiane mit. Seine sechs Enkel (fünf Jungen und ein Mädchen) bekommt er nur selten zu Gesicht, weil sie mit ihren Eltern oft weit entfernt in Westdeutschland wohnen.
1993 erhielt er von einer Bleicheröderin einen Brief anlässlich der Aufgabe seines Geschäftes: Darin schreibt sie u.a.: Sie haben unendlich viel für die Volksgesundheit getan. Und wenn es heute auch einfacher ist, als früher, Ware heranzuschaffen, so sollte nicht vergessen sein, was Sie einmal für die Allgemeinheit geleistet haben.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnzHans Schäfer
Langjähriger Obst- und Gemüsehändler am Schäfer-Eck in BleicherodeFür einige Kinder des Landkreises Nordhausen waren Bananen zu DDR-Zeiten nicht nur Luxus, sondern ein notwendiges Lebensmittel. Dieses Obst gehörte zu den wenigen Sorten, die sie, bedingt durch eine spezielle Erkrankung, vertrugen. Hans Schäfer verfügte über eine Bescheinigung der Bleicheröder Kinderklinik, die es ihm erlaubte, Bananen aus Sumatra und Guinea, gewissermaßen auf Rezept als so genannte Sonderzuteilung zu beziehen. Diese Kinder hatten pro Woche Anspruch auf ihr kleines Bananenkontingent.
Doch im Kreis Nordhausen war Hans Schäfer auch für zahlreiche andere Menschen der Glücksbringer schlechthin, weil es ihm mit viel Idealismus immer wieder gelang, der sozialistischen Mangelwirtschaft ein Schnippchen zu schlagen und seinen Obst- und Gemüseladen in der Hauptstraße 93 zu einer wahren Oase zu entwickeln. Der Name Schäfer-Eck hat sich bis heute als Bezeichnung gehalten, obwohl sie auf keinem Straßenschild steht.
Der Vater des am 16.12.1925 in Bleicherode geborenen Hans Schäfer, Johann Schäfer, war ein in ganz Europa agierender Viehhändler. Nach der Heirat seiner aus Lipprechterode stammenden Frau Berta Leide, geborene Mehler, wurde er sesshaft und eröffnete unter dem Rathausbogen 1923 ein kleines, nicht beheizbares Obst- und Gemüsegeschäft. Nach einem Jahr zog er in die Hauptstraße 98 und dann in die Nummer 102.
1928 kaufte Johann Schäfer das Grundstück Hauptstraße 93 mit einem Zweifamilienhaus nebst Laden, wo der kleine Handel bis zum Jahre 1993 zu einer Legende werden sollte. Vor dem Krieg lief es sehr gut. Aus Trebra und Hainrode bezog mein Vater Eier und frische Butter, Obst und Gemüse vieler Sorten von Nordhäuser Großhändlern, von Kleinerzeugern aus Uthleben und sogar von Unternehmen aus Hannover. Fenchel, Manna, Mandarinen, Apfelsinen, Ananas und Tomaten waren in den Auslagen keineswegs ungewöhnlich, wobei einiges schon zur gehobenen Preisklasse gerechnet wurde, sagt er. Während des Krieges habe es nur einen Mangel an Südfrüchten gegeben. Ansonsten sei das Angebot gar nicht schlecht gewesen, so Hans Schäfer.
Er selbst besuchte die Mittelschule und wollte eigentlich Jockey werden. Weil sein Stiefbruder Fritz Leide aber 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, musste er im Interesse des Geschäftes von 1940 bis 1942 eine kaufmännische Lehre im väterlichen Laden absolvieren.
Dann begann auch für ihn ein langer Leidensweg als Soldat: Zunächst wurde Hans Schäfer zum Reichsarbeitsdienst nach Südthüringen eingezogen, wo er Land urbar zu machen hatte. Am 28.12.1942 kam er als damals noch begeisterter Soldat zur 106. Infanteriedivision der 6. Armee des Generals Friedrich Paulus vor das bereits von der Roten Armee eingekesselte Stalingrad.
Er legt seine Hand dafür ins Feuer, dass es bei seiner Einheit keine Gräueltaten gegen die Bevölkerung gab: Wir duften uns noch nicht einmal ohne Erlaubnis einen Eimer von ihnen nehmen, sagt er. Im März 1943 wurde er schwer durch einen Granatsplitter zwischen den Beinen verwundet. Bei dem Angriff waren drei seiner Kameraden in nächster Nähe ums Leben gekommen. Nach seiner Genesung kam er nach Rumnänien, wo er durch einen Granatsplitter im Rücken verwundet wurde. In Ungarn, seinem letzten Fronteinsatz im Osten, verlor er 1944 beinahe einen Daumen.
Für das fast schon letzte Aufgebot Hitlers erhielt er in Brandenburg/Havel Anfang 1945 noch eine Ausbildung zum Scharfschützen und wurde dem neu aufgestellten Freikorps Friedrich Ludwig Jahn zugeteilt. Es folgten Kämpfe um Potsdam, Berlin und Großbeeren. Einen Befehl vom Frühjahr 1945 wird Hans Schäfer wohl nie vergessen: Feuergruppe Schäfer sichert das Absetzen des Regiments bis zur Abberufung durch Melder.
Es galt, die Russen mit drei schweren Maschinengewehren aufzuhalten. Dass sie seinen Posten nicht passierten, rettete ihm möglicherweise das Leben. Sein letzter Befehl an seine Soldaten beinhaltete den individuellen Rückzug bis zur Elbe. Dort ergab er sich den Amerikanern, die ihn gemeinsam mit 68.000 weiteren deutschen Kriegsgefangen an die Rote Armee übergaben. Weil Hans Schäfer auf der Fahrt nach Sibirien noch vor Frankfurt/Oder an Ruhr erkrankte, wurde er von den Russen, mit offiziellem Entlassungsschein auf freien Fuß gesetzt. Da wog er nur noch knapp 40 Kilo.
Die Ruhr hatte ihm das Martyrium Sibirien erspart und damit möglicherweise das Leben gerettet. Im November 1945 war der Bleicheröder wieder daheim, wo er Monate brauchte, um zu genesen. Seine gesamte Familie hatte den Krieg überlebt. Hans Schäfer unterstützte nun wieder seinen Vater bei der Arbeit im Obst- und Gemüsegeschäft und belieferte in der Anfangszeit u.a. das Institut Rabe in Bleicherode, wo die Sowjets deutsche Raketeningenieure beschäftigten. (siehe Text Lampert, in diesem Band). Seit 1950 führte mein Gesprächspartner das Geschäft allein.
Zunächst schafften die Schäfers ihre Waren meist mit Pferden heran, vielfach fuhren sie hierfür zu Bauern in den Ort Thürungen. An Südfrüchte wie vor dem Krieg war nun nicht einmal mehr zu denken. Wir waren für jeden Kohlkopf dankbar, sagt Hans Schäfer. Ab 1955 besserte sich die Situation mit der Eröffnung der ersten HO- und Konsum-Geschäfte, die der Bleicheröder als harte Konkurrenz bezeichnet. Um mithalten zu können, blieb uns das Unterschreiben eines Kommissionshändlervertrages mit der HO im Jahre 1957 nicht erspart, sagt er.
Immerhin war es dem Vater-Sohn-Gespann nun aber möglich, Obst und Gemüse direkt z.B. von der LPG Thomas Münzer in Mühlhausen zu beziehen. Schlagartig konnte das Duo sein Sortiment erweitern: Erdbeeren, Kirschen, Äpfel, Blumenkohl, Tomaten und Gurken waren während dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Zum Wohle seiner Kunden erhielt Hans Schäfer sogar einen Grünen Passierschein für das in der 500-Meter-Zone vor der Staatsgrenze gelegene Wahlhausen. Weil die dortige LPG aber auch ein Lager im nur 500 m entfernt gelegenen Lindewerra unterhielt, wagte Hans Schäfer verbotenerweise auch die Fahrt dorthin. Das führte zu einer mehrtägigen Inhaftierung des Geschäftsmannes.
Ab 1960 verschlechterte sich die Versorgungssituation. Von nun an mussten die Verträge mit den LPG jährlich erneuert werden. Ein besonderes Kapitel war auch der Fuhrpark des Händlers: Nach einem alten, maroden Opel fuhr er in den 60-ern einen Wolga. Durch seine Kontakte zu Opel-Leich in Nordhausen gelang es Hans Schäfer stets, einen neuen Motor unter dessen Haube zu haben.
Über eine Zeitungsannonce tauschte er schließlich den Wolga gegen einen fast neuen B 1000 des Verlags Neue Zeit in Berlin. Für diesen jedoch wurde ihm die Zulassung mit der Begründung versagt, dass die Nutzung eines solchen Fahrzeuges im Privatbesitz völlig unmöglich sei. Nach einem halben Jahr und zähen Stellungskämpfen erhielt Hans Schäfer über den Rat des Bezirkes schließlich die Genehmigung und durfte sich in Nordhausen wenig später die ersehnten Nummernschilder abholen.
Die Bedeutung des Obst- und Gemüsegeschäft in der Hauptstraße 98 wuchs trotz aller Behinderungen staatlicherseits. Denn zähneknirschend mussten die Organe anerkennen, dass sie allen ideologischen Scheuklappen zum Trotz auf solch findige Menschen mit Eigeninitiative zur Versorgung der Bevölkerung angewiesen waren. Den B 1000 (Kübel) tauschte Hans Schäfer gegen einen B 1000 Pritsche. Gegen Ende der DDR-Zeit verfügte sein Geschäft über drei B 1000, einen LO und einen K 30. Gefahren wurden sie von Hans Schäfer selbst sowie von dessen Sohn Burkhard und den Mitarbeitern Eberhard Schmidt und Jürgen Pfützenreuter.
14 Menschen standen 1989 insgesamt bei ihm in Lohn und Brot. Schließlich belieferte das Bleicheröder Gemüsegeschäft u.a. das Kaliwerk Bleicherode, das Bleicheröder Krankenhaus, Gastmahl des Meeres in Nordhausen, das Parkschloss in Nordhausen und das IFA-Ferienobjekt Hufhaus. Hinzu kamen allein elf Bleicheröder Gaststätten.
Wir waren immer nur in der DDR unterwegs, um Obst und Gemüse zu besorgen. Es hat mir einfach Spaß gemacht, wenn die Leute und die Gaststätten etwas Besonderes bei mir einkaufen konnten, denkt Hans Schäfer zurück. Raritäten wie die Biersorte Dominator (80 Kästen pro Woche), Blankenburger Wiesenquell sowie Traubenmost und Traubenwein (persönlich geholt aus einer privaten Mosterei in Berlin-Buchholz) gehörten bei ihm zum üblichen Sortiment. Unter anderem wegen seiner Einkäufe in der DDR-Hauptstadt bekam Hans Schäfer Ärger, weil Waren, die für das bevorzugt belieferte Berlin vorgesehen waren, nach Lesart der Organe nicht für die Versorgung der Provinz in Frage kamen.
Der Argwohn der DDR-Behörden verfolgte ihn auch sonst auf Schritt und Tritt. Wegen des Vorwurfs einer nicht ordnungsgemäßen Buchführung und wegen angeblicher Mauscheleien beim Bau seines Hauses wurde er in den 60ern zu eineinhalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Weil er jedoch so dringend gebraucht wurde, musste er nicht in Haft, sozusagen mit dem Damoklesschwert einer inoffiziellen Bewährungsstrafe bzw. einer weiterhin drohenden Inhaftierung.
Später erfuhr Hans Schäfer, dass sein Urteil von der SED-Kreisleitung und nicht vom Gericht gefällt worden war. Sein erster Anwalt, der sich für ihn eingesetzt hatte, hatte sich während des Prozesses übrigens das Leben genommen und dessen zweiter legte sein Mandat schließlich nieder, weil ihm die Angelegenheit zu heiß sei.
Den Mauerfall hat Hans Schäfer entsprechend begrüßt. Sofort orderte er zwei LKW-Ladungen mit 30 Tonnen Orangen, Kiwis und Joghurt. Die Schlange vor seinem Geschäft bestand aus bis zu 200 Wartenden.
Weil das Geschäft 1993 keines seiner vier Kinder (Hans-Peter, heute 63, Burkard, 58, Monika, 50 und Christiane, 39) übernehmen wollte, entschied er sich zur Schließung.
Er verkaufte sein Haus und bezog ein kleineres im Japanweg 10. Dort genießt Hans Schäfer das typische Rentnerleben, wie er sagt, widmet sich allerdings nun verstärkt dem Reitsport. So betreut er u.a. die Pferde seiner Tochter Christiane mit. Seine sechs Enkel (fünf Jungen und ein Mädchen) bekommt er nur selten zu Gesicht, weil sie mit ihren Eltern oft weit entfernt in Westdeutschland wohnen.
1993 erhielt er von einer Bleicheröderin einen Brief anlässlich der Aufgabe seines Geschäftes: Darin schreibt sie u.a.: Sie haben unendlich viel für die Volksgesundheit getan. Und wenn es heute auch einfacher ist, als früher, Ware heranzuschaffen, so sollte nicht vergessen sein, was Sie einmal für die Allgemeinheit geleistet haben.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
