nnz-online

Gauck im Geldhaus

Dienstag, 27. September 2011, 10:22 Uhr
Joachim Gauck las am Abend in der Kreissparkasse Nordhausen aus seinem Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Es war eine Bestandsaufahme seines Lebens und eines historischen Abschnitts der Deutschen...

Gauck in der Nordhäuser Kreissparkasse (Foto: privat) Gauck in der Nordhäuser Kreissparkasse (Foto: privat)

Der politische und sehr persönliche Rückblick eines friedlichen Revolutionärs. Eine Schlüsselfigur der jüngsten deutschen Geschichte erinnert sich: In seinem Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ hat Gauck Erinnerungen aus seinem eigenen Leben aufgeschrieben. Beinahe scheint es so, als sei ihm das Bild, das die Öffentlichkeit von dem 70-Jährigen bisher hat, nicht genug.

Das jüngste Bild des Bundespräsidentschafts-Kandidaten ist ja gerade noch frisch, davor ist er eben hauptsächlich dafür bekannt, dass eine Behörde nach ihm benannt wurde, die sich mit der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen der DDR beschäftigte. Und als evangelischer Pfarrer, der sich rund um die Wende im Jahr 1989 wortgewaltig ins Gespräch brachte. Deshalb macht Gauck den privaten Menschen im Buch öffentlich.

Er erzählte von seiner Kindheit in Wustrow in Mecklenburg. Sein Vater war Kriegsgefangener, arbeitete nach seiner Rückkehr als Arbeitsschutzinspektor für Schifffahrt auf einer Rostocker Werft. Joachim Gauck ist elf Jahre alt, als der Vater zu zweimal 25 Jahren Freiheitsentzug wegen angeblicher Spionage und „antisowjetischer Hetze“ verurteilt und zum Holzfällen in ein sibirisches Arbeitslager geschickt wird – ohne dass die Familie erfährt, wo er ist.

Erst nach zweieinhalb Jahren gibt es erste Lebenszeichen, 1955 kommt der Vater heim, nachdem Bundeskanzler Konrad Adenauer diplomatische Beziehungen der Bundesrepublik mit der Sowjetunion aufgenommen und die Freilassung zahlreicher deutscher Kriegsgefangenen erreicht hat. Joachim Gauck prägen die Erfahrungen in der Jugend, er wächst mit einem „gut begründeten Antikommunismus“ auf.

Die persönliche Geschichte schildert viel über deutsche Befindlichkeiten, aus West-Sicht einerseits kaum Nachvollziehbares wie das Verhalten des Vaters, der sich weigert, früh aus dem Osten Deutschlands nach Hamburg zu ziehen mit der Begründung „Honecker kann ja ins Saarland gehen, wir bleiben“. Aber auch sehr viel Berührendes wie den Schmerz, als er mit seiner Frau 1987 miterleben, dass ihre beiden Söhne aus der DDR ausreisen, um in der Bundesrepublik Karriere zu machen.

In ihrer Heimat hatten sie von Staats wegen noch nicht einmal die Oberschule besuchen und Abitur machen dürfen. Das Kapitel „Bleiben oder Gehen“ sei ihm beim Schreiben emotional sehr schwer gefallen, „da gab es Situationen als mehr Wasser auf dem Papier war als Buchstaben. Und das Wasser kam aus meinen Augen.“

Die bekanntesten Stationen in der Stasiunterlagen-Behörde und als Pfarrer reißt Gauck in seiner Lesung vergleichsweise kurz an, erzählt mehr vom Leben in der DDR, der Freude über die Wiedervereinigung 1989 und die Zeit danach.
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de