Menschenbilder (16)
Sonntag, 18. September 2011, 09:22 Uhr
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
99752 Bleicherode
Nur wenigen Lesern dieses Buches dürfte bekannt sein, dass der einstigen Bleicheröder Stadt-Apotheke in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung im Landkreis Nordhausen zukam: Jahrzehntelang geführt vom damaligen Kreisapotheker Herbert Lips, war sie u.a. für die Koordinierung der Arbeit sämtlicher Apotheken im Kreis Nordhausen verantwortlich, was u.a. die Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienste einschloss. Zudem hatte sie den wichtigen Status einer so genannten Kreisdepotapotheke für Importmedikamente, die sehr gefragt waren, aber nicht von jedem Arzt verordnet werden durften.
Zu diesen Medikamenten zählten z.B. die auch heute noch bekannten Marken Alupent (ein Asthmaspray), die Antirheumasalbe Voltaren und das feuernde, durchblutungsfördernde Finalgon. Die Bleicheröder Stadtapotheke war mit vier Apothekern und insgesamt ca. 20 Angestellten zugleich die größte Apotheke des Kreises.
Die Nichte von Herbert Lips, Annette Lips, setzt die Tradition ihres Onkels heute als Inhaberin der Brunnen-Apotheke in der Hauptstraße 86 fort. Für die am 02.10.1946 in Bleicherode geborene Diplom-Pharmazeutin ist er bis heute ein großes Vorbild: Er war mit Leib und Seele Apotheker und half seinen Kunden, wo immer möglich. Er ging auf die Menschen zu und bediente sie unabhängig von ihrer Position in der Gesellschaft auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Der Mensch stand für ihn stets im Mittelpunkt, sagt sie.
Schon im Alter von vier Jahren besuchte Annette Lips ihren Onkel regelmäßig an seinem Arbeitsplatz in der Maxim-Gorki-Straße 111, die heute wieder Hauptstraße heißt. Besonders beeindruckt zeigte sie sich schon damals von der Herstellung der Medikamente in Labor und Rezeptur der Apotheke. Pasten, Pulver, Zäpfchen und Pillen wurden damals in einem viel größeren Umfang als heute für die individuellen Bedürfnisse der Patienten vor Ort produziert. Als das Mädchen zehn Jahre alt war, stand für sie der Berufswunsch felsenfest. Sie wollte alles über die Geheimnisse der Medikamente wissen und ebenso zuvorkommend mit den Menschen umgehen, wie sie es von ihrem Onkel tagtäglich erlebte.
Auch durch so manche Schwierigkeit ließ sie sich nicht von ihrem großen Ziel abbringen. Nach ihrem 1965 an der EOS Max-Planck erlangten Abitur bestand sie die Aufnahmeprüfung für ein Pharmaziestudium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erhielt aber dennoch eine Absage: Als Begründung hierfür wurde die Selbstständigkeit ihrer Eltern angegeben. Anna und Friedrich Lips führten damals in der Maxim-Gorki-Straße 86 ein Geschäft für Lederwaren und Schuhmacherbedarfsartikel.
Unter anderem belieferten sie die Kaliwerke mit Arbeitsschutzsohlen. Mit ihrem zweiten Studienwunsch Zahnmedizin hatte die junge Frau zunächst mehr Erfolg: Für das Jahr 1966 erhielt sie nach ebenfalls bestandener Aufnahmeprüfung eine Zulassung. Das Jahr bis zum Studienbeginn überbrückte sie mit einer Berufsausbildung zur Apothekenhelferin in der Stadt-Apotheke.
Ihren Traum, Pharmazie zu studieren indes, hatte sie noch lange nicht aufgegeben. Auf Nachfrage bei der Sektion Pharmazie der Universität Jena erfuhr sie im Sommer 1966, dass entgegen der Aussage des zuständigen Prorektors noch freie Studienplätze vorhanden seien, gab ihre Zulassung zum Zahnmedizinstudium daraufhin konsequenterweise zurück und bewarb sich erneut für ihr Wunschstudium.
Nach der erneut bestandenen Aufnahmeprüfung erhielt Annette Lips schließlich das ersehnte grüne Signal – allerdings erst für das Jahr 1967. Die erzwungene weitere zwölfmonatige Warteschleife nutzte die Apothekenhelferin für eine Vertiefung ihres Wissens zu den Grundlagen der Apothekenpraxis bei ihrem Onkel.
An die ersten eineinhalb Jahre ihres Studiums denkt sie sehr gern zurück: Der Studienbetrieb war familiär, zumal es nur 24 Studierende pro Matrikel gab, denkt sie zurück. Dann jedoch wurde die Sektion Pharmazie aufgelöst und eher widerwillig mussten sie und ihre Kommilitonen an die Martin-Luther-Universität nach Halle wechseln. Dort fanden wir eine ganz andere Struktur mit viel mehr Studenten, als in Jena vor. Es ging dort fast wie in einer Schule zu und wir wurden wesentlich mehr kontrolliert. Trotzdem fanden wir schnell Kontakt zu unseren halleschen Kommilitonen. Wir verstehen uns bis heute sehr gut und treffen uns regelmäßig, sagt sie.
Nach ihrem 1971 abgeschlossenen Staatsexamen forschte sie anschließend an ihrer Diplomarbeit zum Thema Herstellung von dihydroxylierter Benzoesäurederivaten in Ortho-, Meta- oder Parastellung. Die damit verbundene Labortätigkeit war spannend, aber zugleich äußerst zeitaufwändig. Eine Synthese dauerte bis zu 22 Stunden, so dass wir Diplomanden uns bei der Arbeit abwechseln mussten, denkt sie zurück.
Die junge Diplompharmazeutin wurde zunächst für ein Jahr an eine große Apotheke nach Eisleben verpflichtet, an der 55 Menschen beschäftigt waren. Täglich stand sie von 6 bis 20:30 in Labor, Rezeptur und Offizin, lebte jedoch in Ermangelung von Wohnraum weiterhin in Halle. Diesem Mangel hatte sie es schließlich auch zu verdanken, dass man sie entgegen anderslautender Wünsche der Apotheke nach einem Jahr tatsächlich gehen lassen musste. 1973 konnte Annette Lips, nunmehr als ausgebildete Apothekerin, zu ihren Wurzeln nach Bleicherode zurückkehren.
An der Seite ihres Onkels in der Stadt-Apotheke beschäftigte sie sich nunmehr mit der Herstellung von Medikamenten, mit deren Abgabe an die Kunden, der Versorgung von Krankenhäusern und mit der Erledigung der üblichen Büroarbeiten. Nachdem Herbert Lips Ende der 70-er Jahre in den Ruhestand getreten war, wurde sie an der Seite seines Nachfolgers stellvertretende Leiterin der Stadt-Apotheke.
Die Wende hat sie sehr begrüßt, was wohl auch der Erwartung geschuldet war, dass der DDR-typische Mangel an vielen Medikamenten nun ein Ende haben würde. Doch mit dem plötzlichen Überfluss an Arzneimitteln kam auch eine nie dagewesene Unübersichtlichkeit auf die Apotheken und die Patienten zu. Die Verunsicherung der Patienten hat seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen. Auf Grund der seit 2008 geltenden Rabattverträge bestimmen die Kassen, welche Medikamente wir abgeben dürfen. Das aber führt immer öfters zu Lieferengpässen bei bestimmten Arzneimitteln, was die zwangsläufige Beauftragung anderer Hersteller nach sich zieht. Deren Medikamente aber sehen oft ganz anders aus und enthalten andere Hilfsstoffe, was zu großen Problemen bei den Patienten führt. Die Gefahr von Fehleinnahmen ist deutlich gestiegen. Auch der Verzicht auf die Einnahme kann eine Folge der Verunsicherung sein, warnt Annette Lips.
Für sie stand gleich 1990 fest, dass sie sich mit einer eigenen Apotheke selbstständig machen würde. Da die Eigentumsverhältnisse der Stadt-Apotheke damals nicht geklärt waren, entschied sie sich für den Bau einer neuen Apotheke in der Hauptstraße 86, wo sich einst das Lederwarengeschäft ihrer Eltern befunden hatte. Ungern erinnert sie sich in diesem Zusammenhang an die Äußerung mancher Westdeutscher, die ihr diesen Kraftakt nicht zutrauten. Das schaffen Sie in dieser kurzen Zeit niemals, sagten sie beispielweise. Auch aus diesem Grund beauftragte die Pharmazeutin ausschließlich ostdeutsche Firmen mit den Umbaumaßnahmen. Nur drei Monate nach Baubeginn konnte sie im Juni 1991 die ersten Kunden in der neuen Brunnen-Apotheke begrüßen.
Obwohl sie die Chance gehabt hätte, auch die Stadt-Apotheke zu übernehmen, hat sie sich für das Nebeneinander auf engem Raum entschieden: Ich bin der Überzeugung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Und das kommt den Bleicheröderinnen und Bleicherödern ebenso zugute wie die Fairness im Umgang miteinander, sagt sie.
Der Vorteil der Brunnen-Apotheke ist ihre Lage in der unteren Hauptstraße und damit im Zentrum der Stadt. In der nächsten Umgebung haben mehrere Ärzte ihre Praxen. Nicht zuletzt kommen die Menschen gern zu Annette Lips und ihren Mitarbeiterinnen, weil sie selbst gebürtige Bleicheröderin ist. Meine Familie lässt sich hier mütterlicherseits und väterlicherseits mehrere Jahrhunderte weit zurückverfolgen, sagt sie.
Mit zehn Fachangestellten ist die Brunnen-Apotheke eine der größten im Landkreis Nordhausen – auch das eine Fortsetzung der von ihrem Onkel begründeten Tradition und zugleich ein Ausdruck ihrer Beliebtheit. Letztere gründet sich vor allem auf den Umgang mit ihren Kunden, was bis heute auf der Vorbildwirkung ihres Onkels beruht.
Ohne das Gesamtspektrum an Medikamenten aus den Augen zu verlieren, hat sich Annette Lips ein wenig auf Arzneimittel mit Wirkstoffen natürlicher Herkunft spezialisiert.
Kritisch sieht sie die Beeinflussung vieler Menschen durch die Medien, weil fachlich fundierte Informationen in ihnen meist fehlen und lediglich das Geschäft mit den Arzneimitteln im Mittelpunkt steht. Zugleich beklagt sie das mögliche Apothekensterben im ländlichen Bereich und in diesem Zusammenhang die Schwierigkeiten für junge Apotheker, sich niederzulassen. Am damit verbundenen finanziellen Kraftakt scheitert so mancher Absolvent, erklärt sie.
Die ledige Pharmazeutin ist eine begeisterte Musikliebhaberin, besucht gern die Theater bzw. Spielstätten von Nordhausen, Erfurt, Walkenried und Dresden und engagiert sich seit über 50 Jahren als Chormitglied. Die vergangenen vier Jahrzehnte standen und stehen dabei im Zeichen ihrer musikalischen Arbeit im Kirchenchor St. Marien Bleicherode.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht
Autor: nnzAnnette Lips
Brunnen-Apotheke99752 Bleicherode
Nur wenigen Lesern dieses Buches dürfte bekannt sein, dass der einstigen Bleicheröder Stadt-Apotheke in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung im Landkreis Nordhausen zukam: Jahrzehntelang geführt vom damaligen Kreisapotheker Herbert Lips, war sie u.a. für die Koordinierung der Arbeit sämtlicher Apotheken im Kreis Nordhausen verantwortlich, was u.a. die Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienste einschloss. Zudem hatte sie den wichtigen Status einer so genannten Kreisdepotapotheke für Importmedikamente, die sehr gefragt waren, aber nicht von jedem Arzt verordnet werden durften.
Zu diesen Medikamenten zählten z.B. die auch heute noch bekannten Marken Alupent (ein Asthmaspray), die Antirheumasalbe Voltaren und das feuernde, durchblutungsfördernde Finalgon. Die Bleicheröder Stadtapotheke war mit vier Apothekern und insgesamt ca. 20 Angestellten zugleich die größte Apotheke des Kreises.
Die Nichte von Herbert Lips, Annette Lips, setzt die Tradition ihres Onkels heute als Inhaberin der Brunnen-Apotheke in der Hauptstraße 86 fort. Für die am 02.10.1946 in Bleicherode geborene Diplom-Pharmazeutin ist er bis heute ein großes Vorbild: Er war mit Leib und Seele Apotheker und half seinen Kunden, wo immer möglich. Er ging auf die Menschen zu und bediente sie unabhängig von ihrer Position in der Gesellschaft auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Der Mensch stand für ihn stets im Mittelpunkt, sagt sie.
Schon im Alter von vier Jahren besuchte Annette Lips ihren Onkel regelmäßig an seinem Arbeitsplatz in der Maxim-Gorki-Straße 111, die heute wieder Hauptstraße heißt. Besonders beeindruckt zeigte sie sich schon damals von der Herstellung der Medikamente in Labor und Rezeptur der Apotheke. Pasten, Pulver, Zäpfchen und Pillen wurden damals in einem viel größeren Umfang als heute für die individuellen Bedürfnisse der Patienten vor Ort produziert. Als das Mädchen zehn Jahre alt war, stand für sie der Berufswunsch felsenfest. Sie wollte alles über die Geheimnisse der Medikamente wissen und ebenso zuvorkommend mit den Menschen umgehen, wie sie es von ihrem Onkel tagtäglich erlebte.
Auch durch so manche Schwierigkeit ließ sie sich nicht von ihrem großen Ziel abbringen. Nach ihrem 1965 an der EOS Max-Planck erlangten Abitur bestand sie die Aufnahmeprüfung für ein Pharmaziestudium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erhielt aber dennoch eine Absage: Als Begründung hierfür wurde die Selbstständigkeit ihrer Eltern angegeben. Anna und Friedrich Lips führten damals in der Maxim-Gorki-Straße 86 ein Geschäft für Lederwaren und Schuhmacherbedarfsartikel.
Unter anderem belieferten sie die Kaliwerke mit Arbeitsschutzsohlen. Mit ihrem zweiten Studienwunsch Zahnmedizin hatte die junge Frau zunächst mehr Erfolg: Für das Jahr 1966 erhielt sie nach ebenfalls bestandener Aufnahmeprüfung eine Zulassung. Das Jahr bis zum Studienbeginn überbrückte sie mit einer Berufsausbildung zur Apothekenhelferin in der Stadt-Apotheke.
Ihren Traum, Pharmazie zu studieren indes, hatte sie noch lange nicht aufgegeben. Auf Nachfrage bei der Sektion Pharmazie der Universität Jena erfuhr sie im Sommer 1966, dass entgegen der Aussage des zuständigen Prorektors noch freie Studienplätze vorhanden seien, gab ihre Zulassung zum Zahnmedizinstudium daraufhin konsequenterweise zurück und bewarb sich erneut für ihr Wunschstudium.
Nach der erneut bestandenen Aufnahmeprüfung erhielt Annette Lips schließlich das ersehnte grüne Signal – allerdings erst für das Jahr 1967. Die erzwungene weitere zwölfmonatige Warteschleife nutzte die Apothekenhelferin für eine Vertiefung ihres Wissens zu den Grundlagen der Apothekenpraxis bei ihrem Onkel.
An die ersten eineinhalb Jahre ihres Studiums denkt sie sehr gern zurück: Der Studienbetrieb war familiär, zumal es nur 24 Studierende pro Matrikel gab, denkt sie zurück. Dann jedoch wurde die Sektion Pharmazie aufgelöst und eher widerwillig mussten sie und ihre Kommilitonen an die Martin-Luther-Universität nach Halle wechseln. Dort fanden wir eine ganz andere Struktur mit viel mehr Studenten, als in Jena vor. Es ging dort fast wie in einer Schule zu und wir wurden wesentlich mehr kontrolliert. Trotzdem fanden wir schnell Kontakt zu unseren halleschen Kommilitonen. Wir verstehen uns bis heute sehr gut und treffen uns regelmäßig, sagt sie.
Nach ihrem 1971 abgeschlossenen Staatsexamen forschte sie anschließend an ihrer Diplomarbeit zum Thema Herstellung von dihydroxylierter Benzoesäurederivaten in Ortho-, Meta- oder Parastellung. Die damit verbundene Labortätigkeit war spannend, aber zugleich äußerst zeitaufwändig. Eine Synthese dauerte bis zu 22 Stunden, so dass wir Diplomanden uns bei der Arbeit abwechseln mussten, denkt sie zurück.
Die junge Diplompharmazeutin wurde zunächst für ein Jahr an eine große Apotheke nach Eisleben verpflichtet, an der 55 Menschen beschäftigt waren. Täglich stand sie von 6 bis 20:30 in Labor, Rezeptur und Offizin, lebte jedoch in Ermangelung von Wohnraum weiterhin in Halle. Diesem Mangel hatte sie es schließlich auch zu verdanken, dass man sie entgegen anderslautender Wünsche der Apotheke nach einem Jahr tatsächlich gehen lassen musste. 1973 konnte Annette Lips, nunmehr als ausgebildete Apothekerin, zu ihren Wurzeln nach Bleicherode zurückkehren.
An der Seite ihres Onkels in der Stadt-Apotheke beschäftigte sie sich nunmehr mit der Herstellung von Medikamenten, mit deren Abgabe an die Kunden, der Versorgung von Krankenhäusern und mit der Erledigung der üblichen Büroarbeiten. Nachdem Herbert Lips Ende der 70-er Jahre in den Ruhestand getreten war, wurde sie an der Seite seines Nachfolgers stellvertretende Leiterin der Stadt-Apotheke.
Die Wende hat sie sehr begrüßt, was wohl auch der Erwartung geschuldet war, dass der DDR-typische Mangel an vielen Medikamenten nun ein Ende haben würde. Doch mit dem plötzlichen Überfluss an Arzneimitteln kam auch eine nie dagewesene Unübersichtlichkeit auf die Apotheken und die Patienten zu. Die Verunsicherung der Patienten hat seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen. Auf Grund der seit 2008 geltenden Rabattverträge bestimmen die Kassen, welche Medikamente wir abgeben dürfen. Das aber führt immer öfters zu Lieferengpässen bei bestimmten Arzneimitteln, was die zwangsläufige Beauftragung anderer Hersteller nach sich zieht. Deren Medikamente aber sehen oft ganz anders aus und enthalten andere Hilfsstoffe, was zu großen Problemen bei den Patienten führt. Die Gefahr von Fehleinnahmen ist deutlich gestiegen. Auch der Verzicht auf die Einnahme kann eine Folge der Verunsicherung sein, warnt Annette Lips.
Für sie stand gleich 1990 fest, dass sie sich mit einer eigenen Apotheke selbstständig machen würde. Da die Eigentumsverhältnisse der Stadt-Apotheke damals nicht geklärt waren, entschied sie sich für den Bau einer neuen Apotheke in der Hauptstraße 86, wo sich einst das Lederwarengeschäft ihrer Eltern befunden hatte. Ungern erinnert sie sich in diesem Zusammenhang an die Äußerung mancher Westdeutscher, die ihr diesen Kraftakt nicht zutrauten. Das schaffen Sie in dieser kurzen Zeit niemals, sagten sie beispielweise. Auch aus diesem Grund beauftragte die Pharmazeutin ausschließlich ostdeutsche Firmen mit den Umbaumaßnahmen. Nur drei Monate nach Baubeginn konnte sie im Juni 1991 die ersten Kunden in der neuen Brunnen-Apotheke begrüßen.
Obwohl sie die Chance gehabt hätte, auch die Stadt-Apotheke zu übernehmen, hat sie sich für das Nebeneinander auf engem Raum entschieden: Ich bin der Überzeugung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Und das kommt den Bleicheröderinnen und Bleicherödern ebenso zugute wie die Fairness im Umgang miteinander, sagt sie.
Der Vorteil der Brunnen-Apotheke ist ihre Lage in der unteren Hauptstraße und damit im Zentrum der Stadt. In der nächsten Umgebung haben mehrere Ärzte ihre Praxen. Nicht zuletzt kommen die Menschen gern zu Annette Lips und ihren Mitarbeiterinnen, weil sie selbst gebürtige Bleicheröderin ist. Meine Familie lässt sich hier mütterlicherseits und väterlicherseits mehrere Jahrhunderte weit zurückverfolgen, sagt sie.
Mit zehn Fachangestellten ist die Brunnen-Apotheke eine der größten im Landkreis Nordhausen – auch das eine Fortsetzung der von ihrem Onkel begründeten Tradition und zugleich ein Ausdruck ihrer Beliebtheit. Letztere gründet sich vor allem auf den Umgang mit ihren Kunden, was bis heute auf der Vorbildwirkung ihres Onkels beruht.
Ohne das Gesamtspektrum an Medikamenten aus den Augen zu verlieren, hat sich Annette Lips ein wenig auf Arzneimittel mit Wirkstoffen natürlicher Herkunft spezialisiert.
Kritisch sieht sie die Beeinflussung vieler Menschen durch die Medien, weil fachlich fundierte Informationen in ihnen meist fehlen und lediglich das Geschäft mit den Arzneimitteln im Mittelpunkt steht. Zugleich beklagt sie das mögliche Apothekensterben im ländlichen Bereich und in diesem Zusammenhang die Schwierigkeiten für junge Apotheker, sich niederzulassen. Am damit verbundenen finanziellen Kraftakt scheitert so mancher Absolvent, erklärt sie.
Die ledige Pharmazeutin ist eine begeisterte Musikliebhaberin, besucht gern die Theater bzw. Spielstätten von Nordhausen, Erfurt, Walkenried und Dresden und engagiert sich seit über 50 Jahren als Chormitglied. Die vergangenen vier Jahrzehnte standen und stehen dabei im Zeichen ihrer musikalischen Arbeit im Kirchenchor St. Marien Bleicherode.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht
