Gescheitert am Pik Lenin
Sonntag, 04. September 2011, 10:23 Uhr
Vor acht Jahren versuchte sich Bodo Schwarzberg gemeinsam mit mehreren anderen Bergsteigern aus Österreich und Deutschland am Pik Lenin, einem im heutigen Kirgistan gelegenen 7.134 m hohen Pamir-Riesen. Heute ist der Jahrestag seiner damaligen Entscheidung, umzukehren...
Nachdem ich bereits in den chilenischen und argentinischen Anden einige eher einfache Vulkane bestiegen hatte (darunter den höchsten Berg Amerikas Aconcagua, 6.962 m), sollte 2003 eine Steigerung her. Im Gegensatz zu letztgenanntem weist der Pik Lenin mit seinem Leningletscher sehr spaltenreiche Bereiche auf. Entlang der stark lawinengefährdeten Nordwand verläuft die Hauptroute. Oft schreckten wir aus dem Schlaf, wenn sich mal wieder eine Lawine löste.
Schon die Anreise gestaltete sich spektakulär. Vom kasachischen Almaty ging es zunächst bei Nacht mehrere hundert Kilometer bis zur kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Die Autos sind oft unbeleuchtet. Wir sahen schwere Verkehrsunfälle. Dort bestiegen wir ein klappriges Flugzeug vom Typ AN 24, um über die ersten Ausläufer des Pamir nach Osh zu fliegen. Dort gab es jüngst schwere Ausschreitungen gegen die dort zuvor herrschende autokratische Regierung. Die Nieten an den Triebwerken der Maschine waren z.T. lose und an der Kabinendecke bildete sich während des Fluges Eis, das sich später in Tropfen verwandelte…Da das Fahrwerk nicht gleich ausgefahren werden konnte, brauchten wir drei Landeversuche. Kirgisische Fluglinien haben in der EU Flugverbot.
Von Osh ging es rund 300 km durch die kirgisische Steppe. Zu acht saßen wir zusammengepfercht in einem Auto vom dort verbreiteten Typ Urasik, der allerdings auf der 15-stündigen Fahrt sechs Pannen hatte, davon fünf Reifenpannen. Unser Fahrer konnte sich jeweils selbst und das mit einer unglaublichen Ruhe, helfen. Entlang atemberaubender Täler erreichten wir gegen 23 Uhr das Basislager Atschik Tasch am Pik Lenin, wobei die letzten 50 km querfeldein zu fahren waren. Dabei mussten mehrere Flüsse mit Schwung durchquert werden. Beulen an den Köpfen blieben nicht aus.
Nach mehreren Tagen Akklimatisierungstouren ging es von Atschik Tasch endlich hinauf auf den Lenin-Gletscher. In 4.300 m Höhe wurde das erste Lager aufgeschlagen. Dort gab es sogar noch eine Versorgung aus Herd und Küche. Sogar ein Bier konnte man für 5 Dollar kaufen. Ebenso viel kostete ein Anruf in der Heimat pro Minute via Satellitentelefon. So erfuhren wir auch von der damaligen Hitzewelle in Europa mit tausenden Toten. Die Toiletten bestanden aus Donnerbalken, die über metertiefe Gletscherspalten gelegt wurden.
Oberhalb begann es ernst zu werden. Es galt, dem sich steilaufschwingenden Leningletscher zu folgen, Spalten rechtzeitig zu sehen, zum umgehen oder zu überspringen – letzteres oft mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken. Der gefährliche Weg hinauf zum Lager 2 in 5.300 m Höhe musste mehrmals bewältigt werden: Zur Akklimatisierung und zum schrittweisen Transport von Zelten und anderem.
Das Lager 2 befindet sich am Rande einer ausgedehnten Hochebene, auf der 1990 mehrere Dutzend Bergsteiger von einer Lawine erschlagen wurden. Seitdem wurde es an einer vermeintlich sichereren Stelle errichtet. Dennoch hörten wir nachts einzelne Steine über unseren Köpfen herunterpoltern.
Vom Lager 2 ging es über mehrere Steil- und Abschwünge mit z.T. knietiefem Schnee hinauf zum Lager 3 in 6.150 m Höhe, gelegen auf einem Sattel unweit der Grenze zu Tadschikistan. Die Zelte der Bergsteiger dort stehen hinter hohen Schneewällen, die sie vor den starken Stürmen schützen sollen. Letztere können sehr gefährlich sein: Im Lager 2 war einem Team nachts das Zelt vom Sturm zerrissen worden. Die beiden lagen morgens in ihren dicken Schlafsäcken im Schnee und mussten ihre Expedition beenden.
Wegen des ständigen Schneefalls blieben wir vier Tage in 6.150 m Höhe, was verkehrt war. Der Körper baut auf Grund des wenigen Sauerstoffs in der Luft ab. Eine richtige Akklimatisierung hätte bedeutet, mehrfach ab- und wieder aufzusteigen. Wir taten es nicht, was mich den Gipfel kostete.
Allerdings bestiegen wir vom Lager 3 aus den nahegelegenen Pik Rasdelnaja (6.128 m). Also wenigstens ein kleiner Erfolg für mich. Nie werde ich vergessen, was es heißt, dort oben von einem Gewitter überrascht zu werden. Das Geräusch des in der elektrisch geladenen Luft bedrohlich surrenden und Funken sprühenden Eispickels vergisst man so schnell nicht! Wir kamen heil hinunter und feierten den Gipfelsieg mit Kräutertee.
Am Tag des geplanten Gipfelganges am Pik Lenin starteten wir früh um 4, kamen aber nur sehr langsam voran. Die falsche Akkli begann sich zu rächen. Gegen neun Uhr waren wir erst in 6.450 m Höhe. Tief unter uns lag, imposant geschwungen, der Leningletscher im Morgenlicht. Da mein Begleiter schneller war, als ich, beschloss ich umzukehren. Er erreichte um 17:00 den Gipfel und war mitten in der Nacht wieder am Zelt in 6.150 m.
Beinahe hätte es auch noch eine Katastrophe gegeben: Beim Abstieg vom Gipfel war ein Österreicher ein Stück die Nordwand hinuntergerutscht. Er musste die ganze Nacht bei eisiger Kälte im Stehen verbringen und überlebte. Am nächsten Tag brachten ihn einige Russen hinunter.
Als auch ich wieder ganz unten war, wurden wir noch Zeuge des Trainings einer russischen Eliteeinheit. Sie wurden mit einem russischen Armeehubschrauber gebracht und sprang später mit Fallschirmen direkt über dem Pik-Lenin-Gipfel ab. Ein Soldat brach sich ein Bein und musste mit einer spektakulären Hubschrauberaktion vor unseren Augen aus der Nordwand gerettet werden. Der Hubschrauber brauchte ca. zehn Minuten, um in der dünnen Luft endlich Höhe zu gewinnen.
Als wir Anfang September wieder im Basislager waren, fiel selbst dort unten plötzlich Schnee. Die ersten Vorboten des asiatischen Winters. Die Zelte wurden eingedrückt.
Die Rückfahrt in die Zivilisation gestaltete sich schwierig, weil unser übermüdeter Fahrer ständig einschlief – während stundenlanger Fahrt am Abgrund. Da ich etwas russisch spreche (dank des Russisch-Unterrichts bei Herrn Feix an der Humboldt-Schule), unterhielt ich mich die ganze Nacht mit ihm. Am Morgen überfuhren wir noch ein Schaf…
Beeindruckt hat mich die Gastfreundschaft der einfachen kirgisischen Bergbauern. Ein handgeknüpfter Wandteppich mit dem Pik Lenin darauf hängt an meiner Zimmerwand. Auch die Widerstandkraft der Russen war beispielhaft. Mit einem Minimum an Ausrüstung waren sie am Berg unterwegs – und immer gut gelaunt. Ich hoffe, noch einmal zum Pik Lenin zurückkehren zu können, um den Sack zu zumachen.
Bodo Schwarzberg
Nachdem ich bereits in den chilenischen und argentinischen Anden einige eher einfache Vulkane bestiegen hatte (darunter den höchsten Berg Amerikas Aconcagua, 6.962 m), sollte 2003 eine Steigerung her. Im Gegensatz zu letztgenanntem weist der Pik Lenin mit seinem Leningletscher sehr spaltenreiche Bereiche auf. Entlang der stark lawinengefährdeten Nordwand verläuft die Hauptroute. Oft schreckten wir aus dem Schlaf, wenn sich mal wieder eine Lawine löste.
Schon die Anreise gestaltete sich spektakulär. Vom kasachischen Almaty ging es zunächst bei Nacht mehrere hundert Kilometer bis zur kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Die Autos sind oft unbeleuchtet. Wir sahen schwere Verkehrsunfälle. Dort bestiegen wir ein klappriges Flugzeug vom Typ AN 24, um über die ersten Ausläufer des Pamir nach Osh zu fliegen. Dort gab es jüngst schwere Ausschreitungen gegen die dort zuvor herrschende autokratische Regierung. Die Nieten an den Triebwerken der Maschine waren z.T. lose und an der Kabinendecke bildete sich während des Fluges Eis, das sich später in Tropfen verwandelte…Da das Fahrwerk nicht gleich ausgefahren werden konnte, brauchten wir drei Landeversuche. Kirgisische Fluglinien haben in der EU Flugverbot.
Von Osh ging es rund 300 km durch die kirgisische Steppe. Zu acht saßen wir zusammengepfercht in einem Auto vom dort verbreiteten Typ Urasik, der allerdings auf der 15-stündigen Fahrt sechs Pannen hatte, davon fünf Reifenpannen. Unser Fahrer konnte sich jeweils selbst und das mit einer unglaublichen Ruhe, helfen. Entlang atemberaubender Täler erreichten wir gegen 23 Uhr das Basislager Atschik Tasch am Pik Lenin, wobei die letzten 50 km querfeldein zu fahren waren. Dabei mussten mehrere Flüsse mit Schwung durchquert werden. Beulen an den Köpfen blieben nicht aus.
Nach mehreren Tagen Akklimatisierungstouren ging es von Atschik Tasch endlich hinauf auf den Lenin-Gletscher. In 4.300 m Höhe wurde das erste Lager aufgeschlagen. Dort gab es sogar noch eine Versorgung aus Herd und Küche. Sogar ein Bier konnte man für 5 Dollar kaufen. Ebenso viel kostete ein Anruf in der Heimat pro Minute via Satellitentelefon. So erfuhren wir auch von der damaligen Hitzewelle in Europa mit tausenden Toten. Die Toiletten bestanden aus Donnerbalken, die über metertiefe Gletscherspalten gelegt wurden.
Oberhalb begann es ernst zu werden. Es galt, dem sich steilaufschwingenden Leningletscher zu folgen, Spalten rechtzeitig zu sehen, zum umgehen oder zu überspringen – letzteres oft mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken. Der gefährliche Weg hinauf zum Lager 2 in 5.300 m Höhe musste mehrmals bewältigt werden: Zur Akklimatisierung und zum schrittweisen Transport von Zelten und anderem.
Das Lager 2 befindet sich am Rande einer ausgedehnten Hochebene, auf der 1990 mehrere Dutzend Bergsteiger von einer Lawine erschlagen wurden. Seitdem wurde es an einer vermeintlich sichereren Stelle errichtet. Dennoch hörten wir nachts einzelne Steine über unseren Köpfen herunterpoltern.
Vom Lager 2 ging es über mehrere Steil- und Abschwünge mit z.T. knietiefem Schnee hinauf zum Lager 3 in 6.150 m Höhe, gelegen auf einem Sattel unweit der Grenze zu Tadschikistan. Die Zelte der Bergsteiger dort stehen hinter hohen Schneewällen, die sie vor den starken Stürmen schützen sollen. Letztere können sehr gefährlich sein: Im Lager 2 war einem Team nachts das Zelt vom Sturm zerrissen worden. Die beiden lagen morgens in ihren dicken Schlafsäcken im Schnee und mussten ihre Expedition beenden.
Wegen des ständigen Schneefalls blieben wir vier Tage in 6.150 m Höhe, was verkehrt war. Der Körper baut auf Grund des wenigen Sauerstoffs in der Luft ab. Eine richtige Akklimatisierung hätte bedeutet, mehrfach ab- und wieder aufzusteigen. Wir taten es nicht, was mich den Gipfel kostete.
Allerdings bestiegen wir vom Lager 3 aus den nahegelegenen Pik Rasdelnaja (6.128 m). Also wenigstens ein kleiner Erfolg für mich. Nie werde ich vergessen, was es heißt, dort oben von einem Gewitter überrascht zu werden. Das Geräusch des in der elektrisch geladenen Luft bedrohlich surrenden und Funken sprühenden Eispickels vergisst man so schnell nicht! Wir kamen heil hinunter und feierten den Gipfelsieg mit Kräutertee.
Am Tag des geplanten Gipfelganges am Pik Lenin starteten wir früh um 4, kamen aber nur sehr langsam voran. Die falsche Akkli begann sich zu rächen. Gegen neun Uhr waren wir erst in 6.450 m Höhe. Tief unter uns lag, imposant geschwungen, der Leningletscher im Morgenlicht. Da mein Begleiter schneller war, als ich, beschloss ich umzukehren. Er erreichte um 17:00 den Gipfel und war mitten in der Nacht wieder am Zelt in 6.150 m.
Beinahe hätte es auch noch eine Katastrophe gegeben: Beim Abstieg vom Gipfel war ein Österreicher ein Stück die Nordwand hinuntergerutscht. Er musste die ganze Nacht bei eisiger Kälte im Stehen verbringen und überlebte. Am nächsten Tag brachten ihn einige Russen hinunter.
Als auch ich wieder ganz unten war, wurden wir noch Zeuge des Trainings einer russischen Eliteeinheit. Sie wurden mit einem russischen Armeehubschrauber gebracht und sprang später mit Fallschirmen direkt über dem Pik-Lenin-Gipfel ab. Ein Soldat brach sich ein Bein und musste mit einer spektakulären Hubschrauberaktion vor unseren Augen aus der Nordwand gerettet werden. Der Hubschrauber brauchte ca. zehn Minuten, um in der dünnen Luft endlich Höhe zu gewinnen.
Als wir Anfang September wieder im Basislager waren, fiel selbst dort unten plötzlich Schnee. Die ersten Vorboten des asiatischen Winters. Die Zelte wurden eingedrückt.
Die Rückfahrt in die Zivilisation gestaltete sich schwierig, weil unser übermüdeter Fahrer ständig einschlief – während stundenlanger Fahrt am Abgrund. Da ich etwas russisch spreche (dank des Russisch-Unterrichts bei Herrn Feix an der Humboldt-Schule), unterhielt ich mich die ganze Nacht mit ihm. Am Morgen überfuhren wir noch ein Schaf…
Beeindruckt hat mich die Gastfreundschaft der einfachen kirgisischen Bergbauern. Ein handgeknüpfter Wandteppich mit dem Pik Lenin darauf hängt an meiner Zimmerwand. Auch die Widerstandkraft der Russen war beispielhaft. Mit einem Minimum an Ausrüstung waren sie am Berg unterwegs – und immer gut gelaunt. Ich hoffe, noch einmal zum Pik Lenin zurückkehren zu können, um den Sack zu zumachen.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnzDie im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.

