nnz-tv Eichsfelder Nachrichten Kyffhäuser Nachrichten Mansfeld-Südharz-Zeitung Unstrut-Hainich Zeitung
Sa, 08:50 Uhr
02.09.2006

Wird ein Wunder geschehn?

Nordhausen (nnz). Gestern hatte die nnz über die Eröffnung einer neuen Ausstellung im Tresor des Nordhäuser Rathauses berichtet. Gezeigt werden Bilder vom Lindenhof. Die nnz veröffentlicht dazu eine Betrachtung von Heidelore Kneffel, die auch für die Fotografien verantwortlich zeichnet.


Wenn ich von der Alexander-Puschkin-Straße zum Gehege einbiege, sehe ich rechter Hand in einem kleinen Park einen villenartigen Bau in verwaschenem Ockerton. Unübersehbar sind die Zeichen des Zerfalls. Und dabei ist es mir, als ob mein letzter Aufenthalt in diesem herrschaftlichen Haus noch gar nicht so lange her ist und das Gebäude im großen und ganzen noch intakt. Mitte der 1990er Jahre war das, als im Haus das Staatliche Studienseminar für das Lehramt an Grund- und Regelschulen untergebracht war, das dann 1996 diese ehemalige Villa eines Nordhäuser Bürgers verließ.

Wenn der Mensch ein Haus nicht mehr bewohnt, dann siecht es erschreckend schnell vor sich hin. Es braucht die Belebung durch menschliche Wesen, es bedarf ständig der erhaltenden Fürsorge. Ist sein Alleinsein offenkundig, so stellen sich dann auch die Zerstörer ein, deren menschliches Sein aus den Fugen geraten ist. Seit Jahren beobachte ich dieses Dahinscheiden der Villa Lindenhof von außen auch mit der Kamera. Dabei war ich hoffnungsvoll, dass dieses Anwesen erhalten werden könnte, als ich erfuhr, dass die Südharz-Krankenhaus gGmbH 1998 das Gelände erwarb und im Jahr 2000 von der Kunsthistorikerin Susanne Hinsching eine „Denkmalpflegerische Zielstellung“ anfertigen ließ. Diese enthält eine umfängliche Fotodokumentation. Besonders die von den Innenräumen ist sehr aufschlussreich.

Als Heranwachsende war ich relativ häufig im Geiersberg 10, so die Adresse dieses Areals. Mein Vati arbeitete am Institut für Lehrerbildung, und es kam vor, dass unsere Familie das wohlschmeckende Mittagessen dort einnahm, das besser schmeckte als die Schulspeisung an meiner Schule. Immer mal wieder schaute ich mir anschließend das Haus an, denn dort gab es Räume in einer Ausstattung, wie man das in Nordhausen nicht unbedingt erwartete.

Als ein an der architektonischen Raumbildung und deren Gestaltung interessiertes Wesen ließen mich das Vestibül, der sogenannte Spiegelsaal, das Treppenhaus, die schmiedeeiserne Wendeltreppe, der Blick von der oberen Diele hinunter in die Eingangshalle immer wieder staunen. Das von Raum zu Raum variierende Intarsienparkett und die zahlreichen Stuckverzierungen taten noch das Ihrige. So stellte ich mir italienische Palazzi vor. Für mich waren das Meyenburg-Museum, die Villa im Park Hohenrode und die Villa Lindenhof etwas Weltläufiges in der Kleinstadt Nordhausen.

Ist das Schicksal des Lindenhofes im Jahr 2006 besiegelt? Wird nicht doch ein Wunder geschehen und die Villa wieder ein Schmuckstück von Nordhausen?

Wie gesagt, ich dokumentiere die Veränderungen im Park und an der Villa in gewissen Abständen und so möchte ich einige dieser Blicke durch meine Kamera, vergrößert und in Farbe, in der Galerie im Tresor im ehemaligen Stadthaus seit gestern zeigen, zu Ehren dieses historischen Bauwerkes, aus dessen Geschichte ich einiges berichten will.

„Der Lindenhof am Geiersberg“, welch eine poetische Benennung! Als mons vulturis wird diese Erhebung an der Peripherie Nordhausens bereits 1310 erwähnt. Im 14. Jh. lebte dort die Familie des Ratsherren Heino Vultur, so erklären es die Adressbücher der Stadt. Letzteres heißt auf Lateinisch Geier.

Und die Bezeichnung Lindenhof, woher rührt sie? Im Park, der das palaisartige Gebäude umgibt, entdeckt man diese Baumart eher selten! Aber, da gibt es in der Nähe ja das Gehege, und dieses hügelreiche Gelände ist Heimat auch für Linden, wobei eine von ihnen, die Merwigslinde, der Urbaum dieser zum Parkwald gewachsenen Grünanlage war. Sie ist sagenumwoben und im Gedächtnis verankert. Seit 1972 steht eine neue Linde am historischen Ort; sie hat es, obwohl edel gewachsen, noch schwer, als Mythos angesehen zu werden.

Nun bleibt die Frage zu klären: Wieso die Bezeichnung Hof? Sie passt doch zu diesem Ambiente so gar nicht! Dort umgibt einen auch heute noch ein intensiver Hauch von südlichem Flair - Italien in Nordhausen! Wie es häufig bei Namensgebungen geschieht, so ist auch diese auf Historischem begründet.

Folgendes berichtete darüber eine für Nordhausen bemerkenswerte Persönlichkeit, Dr. August Stolberg, am 1. Mai 1864 in der Familie eines Brennereibesitzers der Stadt geboren, am 15. Mai 1945 hier verstorben. Er studierte Kunstgeschichte in München, in Straßburg Geographie und Meteorologie und promovierte in Philosophie, war als Meteorologe Ballon- und Luftschifffahrer, dann in Grönland Polarforscher und seit 1923 Museumsdirektor in der Stadt am Südharzrand bis 1935, nochmals im Krieg ab 1939.

Als Knabe war August mit seiner Mutter oft im Gehege. Man kehrte dabei auch hin und wieder in ein einstöckiges, weißgetünchtes, alt-biedermeierliches Gasthäuschen ein, das die Bezeichnung „Der Lindenhof“ trug. So stand es auf einem langen schwarzen Brett über dem Eingang. Der berühmte Merwigslindenbaum, uralt, stand nahe und so nutzte der Gastwirt diesen Standort, um hin zur Linde im Sommer einige Tische und Stühle zu platzieren. Besonders das Schokoladengetränk lockte die Kinder. Stolberg berichtet, dass das Häuschen um 1870 abgerissen worden sei. Und nun beginnt die Geschichte des jetzigen Lindenhofes.

Im Jahre 1874 ließ der Tabakfabrikant Karl Kneiff vor den Toren der Stadt an einer Hanglage eine Villa mit Park errichten - Hohenrode an der weiten Warte. Das machte Schule, denn bereits 1876 begann der Kommerzienrat Moritz Riemann, Teilhaber der Firma J. F. Riemann, einer mechanischen Baumwoll - Buntweberei mit Dampfbleiche und einer Färberei, die an der Halleschen Chaussee 35 lag, seine Villa am Gehege erbauen zu lassen, den Lindenhof. Die Firma feierte im Januar 1876 ihr 25jähriges Bestehen. Im Adressbuch von 1877 steht als Anschrift „Bei Merbigslinde 1“ verzeichnet. Dies bleibt so bis 1895. Dann lautet die Adresse: Geiersberg 10.

Die Villa, in der Zeit des Historismus im Baustil italienischer Landhausarchitektur entworfen, ist nach dem Plan eines in Berlin ansässigen Professor Lucae geschaffen worden, so äußerte es August Stolberg. Richard Lucae, geboren 1829 in Berlin, dort auch 1877 verstorben, hatte an der Bauakademie in Berlin studiert. Hier wirkte er ab 1859 als Lehrer, ab 1873 als deren Direktor. Lucae erstellte z. B. die Umbaupläne für das Gebäude der Bauakademie sowie die Neubaupläne der Technischen Hochschule in Berlin Charlottenburg. Auch das Stadttheater in Magdeburg ist sein Werk. Sein Entwurf für die Alte Oper in Frankfurt am Main lehnte sich im Stil an die italienische Hochrenaissance an. Er gilt als einer der großen Architekten des Historismus.

Für Moritz Riemann in Nordhausen entwarf er ein Bauwerk, das in vornehm zurückhaltender Formgebung, angelehnt an die italienischen Renaissance, ein edles Erscheinungsbild darstellt. Casino (frz. cassine, „Villa“) nannte man das Wohngebäude in einem Gartenpark. Die Ausführung des Baues in Nordhausen lag in den Händen des Stadtbaumeisters Karl Habermann. Auf 200 000 Taler sollen sich die Baukosten belaufen haben.

An der Riemannschen Villa fallen sorgfältig durchgebildete Gesimse und eine wohnlich-monumentale Anordnung der Raumfolge auf. Es ist ein aus Ziegeln errichteter, glatt verputzter Massivbau, teils eingeschossig, teils zweigeschossig angelegt mit einem Flachdach (ursprünglicher Zustand) und zahlreichen Schmuckelementen aus Stuck. Am umlaufenden Dachgesims z. B. fällt ein breiter Fries mit Ornamenten auf. Man erkennt eine Perlenschnur und das aneinander gereihte Akanthusblatt. An der Ostfassade (Eingangsportal) und an der Fassade im Westen springt jeweils ein Mittelrisalit hervor. Das Dach besaß eine begehbare Terrasse mit einer Balustrade, die nicht mehr vorhanden ist.

Im Südwesten befindet sich ein Wintergarten, ehemals gedacht für exotische Pflanzen, jetzt besonders desolat. Dieser kleine Gebäudeteil wurde im oberen Teil als Eisenkonstruktion mit Glas errichtet und besitzt einen oktogonalen Grundriss. Das Dach hat die Form eines Zeltes. Den höchsten Punkt krönt ein schmiedeeiserner verzierter Aufsatz. Ursprünglich war der Wintergarten nicht direkt dem Wohngebäude angegliedert, Freitreppen und eine offene Terrasse verbanden ihn unmittelbar mit dem Park. Hin zur Natur, das war die Leitidee! Erst um 1910 wurde der jetzt sichtbare Verbindungsbau zum Wintergarten errichtet.

Wir gehen jetzt durch die Villa Lindenhof, gedanklich, denn in Wirklichkeit ist es so nicht mehr möglich. Wir stellen uns vor, das Gebäude sei noch intakt.

Man steigt an der Ostseite eine vierstufige Freitreppe aus Granit mit abgerundeten Kanten hinauf und geht durch den zweiflügeligen Eingang, der ein rundbogiges Oberlicht aus gewelltem Glas mit verzierten Sprossen besitzt und einen aus Stuck nachgeahmten Schlussstein, mit einer Girlande besonders betont, in ein schmales, hohes, vielstufiges Treppenhaus, den sogenannten Windfang. Eine große Glastür führt in die aufwändig gestaltete Eingangshalle, das Vestibül - ein erster Aha-Effekt! Diese eigenwillig konstruierte Empfangshalle der Villa, zum Westen hin oval abschließend, ist mit breitem umlaufenden Stuckgesims ausgestattet. Der Fußboden besteht aus farbigen Fliesen, die Türen, die von hier in die repräsentativen Räume führen, sind meist zweiflügelig, kassettiert und reich profiliert. In der Decke öffnet sich ein Quadrat zum Obergeschoss, das dort mit einem schmiedeeisernen Gitter eingefasst ist.

Ein dritter Raum im Erdgeschoss ist der ehemalige Salon, im Westen gelegen. Er besitzt eine Stuckdecke mit umlaufendem Gesims und eine Mittelrosette aus floraler Ornamentik. Der Fußboden besteht aus dünnen Holzintarsien, geometrisch gemustert. Auffällig sind die drei Rundbogenfenster, die auch von außen besonders ins Auge fallen, denn alle anderen Fenster sind rechteckig am Bau. Einige dieser unterschiedlichen Fenster, sowohl von der Größe als auch von der Form her, besitzen außen einen auffälligen Schlussstein aus Stuck. Von diesen Verzierungen über den Fenstern gibt es drei unterschiedliche Arten am Haus.

Das sich daneben befindende ehemalige Damenzimmer, mit einer zweiflügeligen Schiebetür mit dem Salon verbunden, besitzt einen Marmorofen mit verzierter Messingplatte. Intarsienparkett ziert gleichfalls den Fußboden. Von hier gelangte man vormals auf eine Terrasse (Pergola) mit Treppe zum Park.

An der Nordseite liegt der ehemalige großzügig angelegte Saal, dessen Intarsienparkett etwa 120 Quadratmeter bedeckt. Besonderer Schmuck sind drei wertvolle, imposante Wandspiegel, die mit vergoldeter Holzschnitzarbeit verziert sind. Am 19. Juni 1946 werden die eindrucksvollen Spiegel im „Thüringer Volk“ anlässlich einer Feier der Verkündung des Schulgesetzes erwähnt: „Wir treten in den großen Saal der Pädagogischen Fachschule Nordhausen im Lindenhof. In den hohen Spiegeln wiegen sich die sturmgepeitschten Kronen der Bäume im Park...“ Diese imposanten Spiegel wurden wenige Jahre später von der Direktion unter Paul Greulich in Absprache mit dem Oberbürgermeister Hans Himmler dem wieder aufgebauten Theater übergeben, da sie im Lindenhof bei dem Lehrbetrieb zu gefährdet waren.

Diesen Vorgang erzählte mir Otto Wilhelm, langjähriger Verwaltungsleiter am Institut für Lehrerbildung. Ich kann mich noch an diese hohen goldglänzenden beeindruckenden Spiegel im 1. Rang vor den Eingängen in das Foyer erinnern. Nach Aussage von Herrn Ingo Langer, technischer Direktor des Theaters, wurden zwei Spiegel unter der Intendanz von Hubert Kross Anfang der 1990er Jahre verkauft. Wohin ist nicht verbucht. Der dritte befindet sich im Kunsthaus Meyenburg. Er ist einschließlich des Schnitzwerkes 3,00 m hoch und 1,45 m breit, die Spiegelfläche, in tadellosem Zustand, misst in der Höhe ca. 2,50 m, in der Breite ca. 1,08 m. Er steht zur Zeit in der Garderobe, wo sein Erscheinungsbild nicht so recht wirken kann.
Auch das ehemalige Speisezimmer, zum Süden angelegt, weist viele Stuckverzierungen auf und hat Parkettfußboden in Intarsienform. Insgesamt befinden sich im Erdgeschoss 13 Räume.

Ein Treppenhaus mit schmiedeeisernem Geländer, im südlichen Teil gelegen, führt ins Obergeschoss. Zuerst gelangt man als zentralen Raum auf eine Diele mit der Öffnung zur unteren Empfangshalle. Eine schmiedeeiserne Wendeltreppe führte auf das Dachgeschoss. Sie ist nach 2000 entwendet worden, ihr Aufenthalt soll aber, so erfuhr ich, bekannt sein. Von der Diele gelangte man in die schlichter ausgestatteten ehemaligen Schlaf-, Kinder- und Fremdenzimmer.

Der um die Villa angelegte Park im „Englischen Stil“ weist größere Rasenflächen auf und besitzt als besonderes Augenmerk vor allem einen beträchtlichen Koniferenbestand, der vormals z. B. das besondere Interesse der „Dendrologischen Gesellschaft“ aus Erfurt erfuhr: Eiben, die ein beachtliches Ausmaß besitzen, Kiefern, Lärchen, Fichten, Blaufichten stehen davon heute noch im Park. Hinzu kommen Laubbäume, von denen besonders die Ahornbäume unterschiedlichster Art auffallen, imposante Buchen beeindrucken. Vereinzelt sieht man Linden, Kastanien und Eichen, darunter zwei imponierende Pyramideneichen, eine Platane entdeckt man auch.

Anfang 2000 legte die Diplomingenieurin für Freiraumplanung und Landschaftspflege, Dorothea August, aus Ellrich gebürtig, eine genaue Auflistung aller vorhandenen Bäume an.
Auf der Westseite der Villa, wenige Meter von der Hauswand entfernt, zierte ein schön geschwungenes Brunnenbecken mit einem figuralem Aufbau in der Mitte den Park. Davon ist nichts mehr zu sehen.

Doch zurück zu den Anfängen! Nach dem Tode des Erbauers um 1880 lebten seine Witwe Pauline Riemann, eine geborene Kneiff, und der Schwiergersohn Hermann Pabst, Pfarrer von der Altendorfer Kirchengemeinde, in der Villa.

1906 erwarb der Kaufmann Rudolf Nöllenburg den Lindenhof, aber bereits 1908 wechselte der Besitz zu der Deutschen Kaliwerke Bernterode AG, deren Generaldirektor Wilhelm Kain dann dort wohnte. Im Jahr 1917 erwarb Albert Gerlach, Mitinhaber der Firma „Eisenwerk Albert Gerlach GmbH“ am Darrweg 3, der spätere unbesoldete Stadtrat, das ansprechende Haus. Aus dieser Zeit gibt es im 2. Band „Das tausendjährige Nordhausen“ eine Fotografie des Lindenhofes, auf der man den westlichen Eingangsbereich in das Grundstück mit einer im Schneckenmuster gezierten schmiedeeisernen Umzäumung sieht. Gut zu erkennen ist auch die Dachbegrenzung aus vielen kleinen Säulchen.

Zu Beginn des Jahres 1934 entschloss sich die Stadt Nordhausen, die Villa am nördlichen Eingang des Geheges zu erwerben, um dort dem Museum für Heimat- und Vorgeschichte eine würdige Heimstätte zu geben. Bis dahin beherbergte das Alte Museum am Friedrich-Wilhelm-Platz seit 1907 diese musealen Schätze. Mit dem Kauf des Lindenhofes wollte Oberbürgermeister Heinz Sting auch die Bedeutung des Geheges als Ausflugsziel deutlicher hervorheben. Neben dem Meyenburg-Museum, seit 1926 im Besitz der Stadt und seit 1927 Museum, besaß Nordhausen somit zwei der schönsten Museen in der Provinz Sachsen.

Jetzt betritt der anfangs erwähnte Dr. August Stolberg, Museumsdirektor in Nordhausen seit 1923, direkt die „Bühne“ des Geschehens im Lindenhof-Museum, wenn auch nur für kurze Zeit bis zu seiner Pensionierung 1935. Vom Monat Mai dieses Jahres bis Ende September 1937 leitete dann sein Sohn, Dr. Friedrich Stolberg, die Geschicke der zwei Museen.

Aber vorerst eröffnet Oberbürgermeister Heinz Sting den Lindenhof am Sonnabend, dem 7. Juli 1934, um 18. 30 Uhr. Die Erwartungen sind groß, wie es sich auch in der Presse widerspiegelt. Bereits am 5. Februar hatte der General-Anzeiger der Nordhäuser Zeitung getitelt: „Nach dem Ankauf des Lindenhofes - Der Lindenhof wird Museum - Der Park eine öffentliche Anlage!“ Am 14. Juni bringt die Nordhäuser Zeitung den Beitrag „Vor der Eröffnung“, in dem auf diese neue Sehenswürdigkeit der 1000jährigen Stadt im Detail aufmerksam gemacht wird. Eine Zeichnung des allseits geachteten Künstlers Curt Mücke aus Sondershausen zeigt die Ansicht der Museumsvilla von der Westseite her, der Schauseite des Gebäudes.

Der Leser erfährt einiges über die notwendigen Reparaturen und Veränderungen am Haus, z. B. wurden vier zeltdachförmige Oberlichte eingebaut, die elektrischen Leitungen erweitert, weitere Beleuchtungskörper installiert und ein neues Eingangsportal aus Kiefernholz eingebaut. In manche Wände wurden Nischen eingelassen, um dort Bilder zu zeigen. Einige Wanddurchbrüche schufen eine bequemere Raumausnutzung. Außen brachte man einen Schaukasten aus Eichenholz an.

Im Inneren gibt es nun ein museales Kirchenzimmer, einen Ratssaal, einen Waffensaal, einen Raum für Völkerkunde, einen für Naturkunde, einen für das Handwerk u.a.m. In der Eingangshalle grüßt der Aar, der einst als Hoheitszeichen Vor dem Vogel stand und Namensgeber der Straße war.

Auch im Park gibt es zu schaffen, die Wege werden verbreitert. An der Seite des Pfingstweges (Friedrich-Naumann-Straße), also im Norden, gestaltet man auf der sehr stabilen Mauer eine Plattform, von der man auf den Rosengarten und auf die Harzhöhen blicken kann. Diese massive Umfriedung soll vormals allein 20 000 Taler gekostet haben. Als besonders bemerkenswert gilt auch die Aussicht vom Dach der Villa ins Umland.

Zu dem Grundstück gehören ein Gartenhaus mit zwei Wohnungen, ein Gewächshaus, eine Voliere, eine Garage. Im Gartenhaus wird der künftige Verwalter des Museums wohnen. Ein Ereignis in unmittelbarer Nähe, nämlich an der benachbarten Merwigslinde, soll auf das neueröffnete Lindenhofmuseums und seine vorzügliche Lage am Gehege aufmerksam machen, ein Theaterstück aus Nordhausens Geschichte, gespielt unter dem uralten Baum. Am 26. August 1934 führen Gymnasialschüler „Das Friedensfest“ auf, ein Schauspiel über die Freudenfeiern in der Stadt nach dem Ende des 7jährigen Krieges 1763. Verfasst hatte es der Lehrer Ernst Illing, die Uraufführung war am 10. November 1929 im Spangenbergsaal in der Wallrothstraße 12 gewesen. Da laut Regieanweisung der Ort des Geschehens die Merwigslinde war, zu der der Gastwirt Kindervater die Bürger am 14. April 1763 zum vergnüglichen Beisammensein geladen hatte, war dieses Stück sehr geeignet zu dem freudigen Anlass der Museumseröffnung.

Aber, das Museumsdasein dauerte nur wenige Jahre. Am 9. August 1938 musste das Gebäude am Geiersberg dem Heeresbauamt übergeben werden, die musealen Gegenstände waren bereits am 23. 7. mit Hilfe der Wehrmacht geräumt worden und an verschiedenen Orten untergebracht. Der Krieg warf seine Schatten voraus!

Als das Heeresbauamt im Lindenhof untergebracht war, wurden 1939 Dacharbeiten durchgeführt. Im gleichen Jahr brach man Teile der Einfriedungsmauer ab. Ein Jahr später musste eine Liste über alle Metallgegenstände und -teile angefertigt werden, um festzulegen, was für die Metallsammlung freigegeben werden sollte. Der Krieg griff also auch unmittelbar in die Existenz der Lindenhofvilla ein.

Nach Kriegsende - bei den Angriffen Anfang April 1945 waren Fensterscheiben zu Bruch gegangen - wurde das Haus von der Sowjetarmee von Juli bis September als Lazarett genutzt. Auf Beschluss der Landesverwaltung für Volksbildung Weimar erfolgte am 15. 10. 1945 die Gründung der Pädagogischen Fachschule (PäFa) „Lindenhof“ in Nordhausen. Schnell sollten Neulehrer ohne faschistisches Ideengut ausgebildet werden. Dringend wurde damals für die Heimschüler des Lehrerseminars z. B. eine Kücheneinrichtung benötigt, die man aus dem Mittelwerk bekam. Auch Kleiderhaken waren von Nöten. Aus der Boelcke-Kaserne erhielt man Bettgestelle, die in der Anfangszeit mit strohgefüllten Säcken ausgestattet waren, von den ersten Studenten eigenhändig gestopft. An den Türen fehlten die Griffe.

Den Namen „A. S. Makarenko“ verlieh man am 12. 5. 1950. Vom 1. 9. 1950 bis Schuljahresende 1952 wurden im Lindenhof spezielle Klassen für Umsiedlerkinder eingerichtet. Die eigentliche „PäFa“ war in dieser Zeit in Altenburg. Mit dem 1. 9. 1952 erhielt man die Bezeichnung „Institut für Lehrerbildung“ Nordhausen (IfL). Vielfach änderte sich das Ausbildungsprogramm für die Lehrerstudenten in den folgenden Jahrzehnten. Der Lindenhof war vor allem Unterrichtsgebäude. Im Keller befanden sich die Küche und die Essräume.

Am Haus wurden einige Umbauten vorgenommen. Auffällig ist besonders eine Veränderung von 1959, als man die westliche Terrasse zum Clubraum umbaute. Dabei wurde auch die Freitreppe abgerissen. 1971 fand eine Dacherneuerung mit Dachumgestaltung statt. Im September 1991 war die Ausbildung von Pädagogen am Institut für Lehrerbildung in Nordhausen - und somit auch im Lindenhof - Geschichte. Es folgte, wie eingangs erwähnt, der Aufenthalt des Staatlichen Studienseminars für das Lehramt bis 1996 in der ehemaligen Villa.

Auf den Stadtplänen Nordhausens, die zur DDR-Zeit herausgegeben wurden, sind auf dem Areal Geiersberg 10 drei Gebäude eingezeichnet und ein Halbrund in der Nähe der Mauer zur Friedrich-Naumann-Straße/Gehege. Dort befand sich eine Freilichtbühne, die in den Sommermonaten der Nachkriegszeit bis Mitte der 1960er Jahre genutzt wurde, zum Schluss hin auch für Freilichtkino. Eröffnet wurde dieser Spielort des Theaters am 7. Juli 1946 durch den Oberbürgermeister Hans Himmler. Es wurde Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ aufgeführt, dabei erklang auch die Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Man saß dichtgedrängt „unter dunkel bewölktem Abendhimmel, beim Rauschen der Bäume im Schein des farbigen Scheinwerferlichtes“, so heißt es in einer Rezension von Ruth Hoppe.

So klingt es also, wenn man der Geschichte der Riemannschen Villa in Nordhausen, des Lindenhofes, lauscht! Welches Raunen wird die Zukunft bringen?
→ Druckversion
← zum Nachrichtenüberblick

Kommentare

28.01.2014, 01.34 Uhr
die lange | eine wunderbare reise in die vergangenheit
ich stosse erst jetzt durch zufall auf diesen wunderbaren bericht der geschichte eines bauwerks.

für mich, als liebhaber alter gebäude und deren geschicht, war es eine unglaublich schöne reise in die vergangenheit, wunderbar beschrieben, in die zeit versetzend, szenen mit worten gemalt...

danke, für diese schöne zeitreise, verbunden mit meiner hoffnung, dass der lindenhof zum gnadenhof vor dem verfall wird! (oder evtl. inzwischen geworden ist????? *hofft*)

0   |  0     Login für Vote
→ Kommentar hinzufügen



Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.

 
Wir verwenden Cookies um die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren und geben hierzu Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an Partner weiter. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Impressum und der Datenschutzerklärung.