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Fr, 19:30 Uhr
11.03.2022
Flüchtlinge in Neustadt untergekommen

Erst einmal angekommen

Das Schicksal geht mitunter seltsame Wege. Die 19 Jahre alte Daryna aus Lwiw, ihre Familie und einige ihrer Freunde hat der Strom des Zeitgeschehens durch eine Verkettung von Zufällen gestern in den Südharz gespült. In Neustadt konnten sie kurzfristig Aufnahme bei Ratskellerchef Frank Pojtinger finden...

Daryna (links) ist mit ihrer Familie und einigen Freunden dank Bertram Kührt erst einmal in Neustadt untergekommen. (Foto: agl) Daryna (links) ist mit ihrer Familie und einigen Freunden dank Bertram Kührt erst einmal in Neustadt untergekommen. (Foto: agl)

Daryna ist 19 Jahre alt. Ihre jüngere Schwester zählt gerade zehn Lenze, ihre Mutter ist Gynäkologin. Daryna spielt für ihr Leben gerne Tennis, steht ab und an als Model vor der Kamera und studiert Wirtschaft und Politik an der Universität von Lwiw. Zumindest war das vor zwei Wochen noch ihr Alltag. Ihre Welt zerbricht mit einem Anruf. Ihr Freund ist dran, sagt, sie solle sofort ihre Sachen packen und nach Polen gehen, es sei Krieg. Sie glaubt es erst nicht. Ja, die Lage in Donetzk und Luhansk war angespannt, aber ein echter Krieg?

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Viele haben nicht geglaubt, dass das passieren würde. Auch Bertram Kührt nicht. Er ist viel herumgekommen in seinen fast 60 Lebensjahren. Die Corona-Pandemie hat für ihn viel durcheinander gewirbelt und ihm vor einiger Zeit einen neuen Arbeitsplatz beschert. Bei der Firma FAV Service aus Erfurt kümmert er sich seitdem um die Fachkräftegewinnung aus dem Ausland, „TRAFA“ heißt das Projekt, „transnationale Fachkräfte für Thüringen“. Auch in der Ukraine ist man aktiv. Die Verbindungen zur Universität in Lwiw sind eng, man hat Ansprechpartner und Freunde vor Ort. Aus dem Pool von fast 39.000 Studierenden sucht man passendes Fachpersonal für Thüringer Unternehmen. Den Firmen wie auch den angehenden Auszubildenden versucht man möglichst ein Rundum-Paket zu bieten, um Ausbildung und Arbeit in Deutschland so reibungslos wie möglich auf den Weg zu bringen.

Es gibt viele solcher Projekte im Land, sie spiegeln die Realität vieler deutscher Unternehmen wider und gehören zum wirtschaftlichen Alltag. Zumindest bis vor zwei Wochen. Statt wie geplant im September einen neuen Schwung vielversprechender Azubis nach Deutschland zu holen, macht man sich vorletzte Woche ad hoc auf den Weg, um Kollegen und deren Familie aus der Kriegsregion zu holen. Bei der FAV will man schnell helfen. Geschäftsführer Heiko Schüler fängt an zu telefonieren und lotet seine Kontakte aus. Mit der Industrie- und Handelskammer arbeitet man seit jeher eng zusammen und die Partnerschaft soll sich auch jetzt bewähren. Der Verband leistet nicht nur logistische Unterstützung, der stellvertretende IHK-Chef, Thomas Fahlbusch, greift auch zum Portemonnaie, um die Hilfsaktion in Gang zu bringen.

Bei der FAV sieht es ähnlich aus, alle Kollegen legen etwas in die Waagschale, erzählt Kührt. Heiko Schüler wird schließlich sogar sein Haus räumen, damit die ukrainischen Freunde in Erfurt unterkommen können. Aber da sind noch mehr Leute, die man kennt, mehr Leute denen man helfen will.

Und so organisieren Schüler und Fahlbusch einen Bus und Bertram Kührt kann sich noch einmal auf den Weg in das ukrainisch-polnische Grenzgebiet begeben. „Dort scheint alles sehr aufgeräumt zu laufen. Die Polen machen da eine gute Arbeit“, erzählt er. Die meisten Menschen seien gefasst und kämen in kleinen Gruppen, nicht in großen Zügen nach Polen. „Die Tränen wurden auf der anderen Seite der Grenze vergossen“, sagt der Eisenacher. Man mischt sich unter die vielen Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen, aus Deutschland, Frankreich, Italien und weiteren Ländern. Darunter sind viele Hilfstransporte, aber auch Menschen wie Kührt und seine Kollegen, die Flüchtlinge abholen wollen.

An der Grenze warten acht junge Ukrainer, die man eigentlich als Azubis nach Thüringen bringen wollte. Sie sind alle unter 18 Jahre alt, sonst könnten sie das Land nicht verlassen. Aber mit acht Personen macht man keinen Bus voll. Und so nehmen die Helfer aus Deutschland auch Familien und Freunde mit. 42 Menschen sitzen am Ende im Bus, vor allem Frauen und Kinder. Auch Daryna und ihre Familie sind dabei.

Wie weiter?
Das Kriegsgebiet können sie so hinter sich lassen. Aber wie weiter? Ein paar Leute wird man in Bad Blankenburg unterbringen können. Und der Rest? Kührt erinnert sich an einen alten Freund, Frank Pojtinger aus Neustadt. Man kennt sich seit fast 17 Jahren und Kührt weiß, dass sein Kumpel Platz hat. In den gut zwei Jahren Corona-Pandemie hat er im Freizeitcamp hinter dem Neustädter Freibad und im Ratskeller keine Gäste mehr begrüßen können. Die nötigen Telefonate sind schnell gemacht, die Hilfsbereitschaft groß. Und so finden sich Daryna, ihre Familie und Freunde kurze Zeit später am Rande des Südharzes wieder.

Es gibt viele solcher Geschichten in diesen Tagen. Viele Leute, die privat helfen. Und nicht immer geht die Sache so glatt über die Bühne, wie in diesem Fall. Kührt und Pojtinger kontaktieren rechtzeitig die zuständigen Stellen im Landkreis Nordhausen. Die wiederrum haben im Web ein zweisprachiges Angebot eingestellt und können die ersten Informationen ohne viel Aufhebens sammeln. Die Familien müssen schleunigst rein ins deutsche bürokratische System, damit es weiter gehen kann. Für den Moment können sie bei Frank Pojtinger unterkommen, bevor sie anderweitig in Nordhausen verteilt werden oder vielleicht auch weiter reisen.

Wohin das Zeitgeschehen Daryna und ihre Familie noch wehen wird, ist unklar. In diesem Moment ist das für die 19jährige vielleicht auch gar nicht so wichtig. Zehn Stunden am Stück haben die Familien nach ihrer Ankunft durchgeschlafen, erzählt Kührt. Jetzt sind sie froh, eine Küche zu haben und bedanken sich wieder und wieder bei den Helfern. Zum Mittag gibt es Borscht, im Fernsehen laufen deutsche Nachrichten. Nachdem Essen zeigt Daryna Bilder ihrer Heimatstadt. Lwiw, oder „Lemberg“, ist eine schöne Stadt mit Wiener Flair. Danach Bilder aus Kiew. Aktuelle Bilder. Daryna fällt es nicht leicht, über die letzten Tage zu sprechen. Auf Englisch klappt die Verständigung mit Hilfe des Internets ganz gut, aber die Sprache ist hier nicht das Problem. Der Vater und ihr Freund sind noch in der Ukraine. Sie hat Bekannte, die in Kiew festsitzen. Der Krieg geht unvermindert weiter.

Sie sind noch nicht recht dazugekommen, ein wenig spazieren zu gehen, sagt Daryna. Eine Runde um den Neustädter Teich und ein Besuch der alten Burgruine wollen sie unternehmen, um vielleicht für einen Moment auf andere Gedanken zu kommen.

Betram Kührt, sein Chef Heiko Schüler und der Herr des Neustädter Ratskellers, Frank Pojtinger, wollen derweil helfen wo es möglich ist. Kührt wohnt eigentlich in Eisenach, will aber so lange bleiben, bis die ersten bürokratischen Hürden genommen sind. Und Pojtinger will Spenden für die Ukraine sammeln. Gebraucht würden vor allem Nahrungsmittel, Bekleidung eher weniger, erläutert Kührt. Wer Spenden abgeben will, kann sich einfach telefonisch im Neustädter Ratskeller bei Frank Pojtinger melden.

Daryna’s Geschichte ist nur eine von vielen. Eines von Millionen Schicksalen, die in den letzten Wochen eine dramatische Wendung genommen haben. Man kann nur hoffen, das es ein Happy End geben wird.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
jameda
11.03.2022, 19:48 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert.
Mitternacht
11.03.2022, 20:31 Uhr
@jameda
"so sehen richtige Facharbeiter aus" und "ein Hoch auf die Ukraine!": lieber Herr oder Frau jameda, um zu bekräftigen, wie sehr Sie die "sonnengereiften Jungspunde" verabscheuen, bekunden Sie Ihre Freude darüber, dass diese Menschen aus Lwiw eines Krieges wegen geflohen sind und alles verloren haben.

Diese ukraninische Familie dürfte sich Ihrer Begeisterung nur schwerlich anschließen.
nur_mal_so
11.03.2022, 20:50 Uhr
gesagt finde ich es bedenklich,
dass sich jemand über die Flucht einer nicht sonnengebräunten Familie derart freut...
Wie Bitte
12.03.2022, 01:59 Uhr
@jameda
Sie freuen sich nicht gerade wirklich darüber, dass diese Flüchtlingsfamilie die für Sie richtige Hautfarbe (nicht "sonnengereift") hat?
Wenn es so wäre, wüssten Sie, wie man so etwas nennt, oder?
Gehard Gösebrecht
12.03.2022, 07:41 Uhr
Erst einmal zu Ruhe kommen
Und dann weiter sehen.
Hier wird nicht geschossen und nicht gebombt.
Das ist schon mal viel wert.
Blume1
12.03.2022, 07:41 Uhr
500 Millionen wird für Kriegsgerät ausgegeben aber für Unterkünfte scheint zu wenig da zu sein
Ich beglückwünsche sie zu ihrer Tat. Meine Angebote an möblierten Zimmern liegen seid Wochen beim Landratsamt als Karteileiche rum. Man sollte sicher auch bedenken das in Turnhallen die Menschen sich trotz Impfung an Corona anstecken können und in Deutschland pro Tag 250 Menschen an Corona sterben. Es werden 500 Millionen für Kriegsgerät ausgegeben aber für Unterbringung von Frauen und Kleinkindern nicht. Im Fernsehen kam gestern das der Senat in Berlin Plätze in Hotels gebucht hatte und die Frauen Kinder auf der Straße waren und nicht rein konnten, weil der Senat die Buchung noch nicht frei gegeben hatte. Die Politiker in Berlin und anderswo profilieren sich, das sie Geflüchteten angeblich helfen. Wer lässt auch Taten folgen? Es ist doch so eine große Not das man hier nicht nur die Wohnungsangebote nehmen kann die man gut leiden kann, die man gut kennt, oder wo man in irgendeiner Form beteiligt ist. Flüchtlingsfrauen mit Kindern sind schon in der Gegend und es wird sich nicht jeder regestrieren lassen, um nicht in eine Turnhalle gesteckt zu werden. Warum gibt es nicht zentrale Telefonnummern, wo Wohnungsanbieter anrufen können und gleich konkret Bedürftige zugewiesen werden. Die Bedürftigen sind ja schon da und wenn keine da sind kann der Staat sie doch irgendwo abholen zb. da wo zu viele sind und nicht untergebracht werden können. Bei täglichem Bedarf verstehe ich nicht warum fertige möblierte Wohnungen nicht sofort besetzt werden. Siehe auch meinen Kommentar von Donnerstag.
Mitternacht
12.03.2022, 07:49 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Anm. d. Red.: Gehört nicht zum Thema, aber gute Idee.
Janko
12.03.2022, 09:30 Uhr
Den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine
mit "ein Hoch auf die Ukraine!" zu bejubeln, weil jetzt endlich Flüchtlinge mit der korrekten Hautfarbe kommen, offenbart schon viel - nun ja, im besten Fall Gedankenlosigkeit, im schlimmsten ^&€/÷#@_;.
Manchmal wundert es mich noch immer, was für geistiger Abfall hier veröffentlicht wird.

Gehört sicherlich nicht zum Beitrag, mein Kommentar.
G.M.F.
12.03.2022, 09:58 Uhr
Danke, Frank!
Hier hat jemand das Herz am rechten Fleck! Während andere jammern und palavern, HILFT Frank Pojtinger einfach und unbürokratisch!

Das Drama in der Ukraine zeigt einmal mehr, wie nichtig unsere alltäglichen "Problemchen" sind...
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