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Sa, 12:32 Uhr
28.04.2018
Artensterben ohne Ende

Erst die Biene, dann der Mensch

Wenn die Nordhäuser Imker ihre Honigbienen durch Erkrankungen gefährdet sehen, so ist dies nur ein Symptom für das immer verheerendere, menschgemachte Artensterben. Anmerkungen von Bodo Schwarzberg...

Weiblicher Hirschkäfer (Foto: B. Schwarzberg) Weiblicher Hirschkäfer (Foto: B. Schwarzberg) Ein weiblicher Hirschkäfer, aufgenommen 2014 bei Heringen: Auch wenn diese Art kein typischer Bestäuber von Nahrungspflanzen ist: die gesamte Vielfalt der Insekten ist entscheidend für die Stabilität unserer Ökosysteme. Sie ist ein zu Unrecht unterschätzter wirtschaftlicher Faktor, der der Menschheit weltweit Milliarden Dollar an Einnahmen und unzählige menschliche Existenzen sichert.

Das Buch der US-amerikanischen Autorin Rachel Carson „Der stumme Frühling“ wurde in den 60er Jahren zum Weltbestseller. Darin prangerte die Biologin den unkritischen Einsatz des auf polychlorierten Kohlenwasserstoffen beruhenden Insektizids DDT an (Dichlordiphenyltrichlorethan) und nahm sich das Geschäftsgebaren des Herstellers als eine Ursache der schlimmen ökologischen Folgen vor. Das Buch war der Anfang vom Ende einer Agrochemikalie, die noch heute weltweit nachweisbar ist.

Damals wurden die Schalen der Eier in unzähligen Vogelnestern brüchig, ganze Vogelarten hatten kaum noch Nachwuchs und drohten auszusterben. Und man glaubte, mit einem simplen Verbot ein Problem zu lösen. Weit gefehlt.

Gerade verkündete die EU das Ende einer weiteren Stoffgruppe, deren Vertreter jahrelang als hochwirksame Insektizide Einsatz fanden: Von diesen Neonicotinoiden fühlen sich aber auch Bienen geradezu magisch angezogen. – Sie erleiden jedoch wahrscheinlich neurologische Schäden, können die Orientierung verlieren und versterben.

Was haben die Verbote von DDT und Neonicotinoiden gemeinsam? – Sie wurden bzw. werden als Schritt zu einer umweltverträglichen oder gar ökologischen Landwirtschaft gefeiert. Tatsächlich erholte sich die vom DDT besonders betroffene Vogelwelt nach dem Verbot des Stoffes allmählich, das Artensterben jedoch wurde nur zeitlich gestreckt. Zu viele anthropogene Faktoren setzen der Tier- und Pflanzenwelt zu. Sie aber abzustellen, würde zum Ende des Wirtschaftssystems führen, wie wir es kennen.

Daraus wird das Dilemma deutlich, in dem wir uns befinden und in das wir die Biosphäre gebracht haben. Nur ein Ende der auf ewiges Wachstum, Intensivierung und damit immer weiter steigenden Ressourcenverbrauch ausgerichteten Wirtschaft könnte uns alle retten. Die jüngst verstorbene Physikerlegende Stephen Hawking gab der Menschheit noch maximal 100 Jahre, sie sollte doch bitte schnell andere Planeten besiedeln.

Zurück zu den irdischen Bienen: Im Sender mdr-Aktuell feierte ein Experte gestern das Neonicotinoidverbot als Rettung von Wild- und Honigbienen. Das aber ist im Sinne der vielen Faktoren, mit denen wir auf unsere Mitlebewelt einwirken eine recht eindimensionale Argumentation.

Ein Artikel bei Zeit-online traf da schon eher ins Schwarze. Unter dem Titel „Rettet die Bienen, aber nicht so“, wurde weitergeblickt, als uns die Politik blicken lässt: Erstens würde die Neonicotinoid-Lücke schnell mit neuen Insektiziden gefüllt, die natürlich auch neue Gefahren für unsere Umwelt heraufbeschwören. „Der Erfolg eines Totalverbots von Neonicotinoiden sei fraglich, denn Bauern würden notgedrungen auf andere Methoden und Mittel ausweichen. Die nächste Generation der Pestizide stehe schon bereit.“

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-04/bienensterben-ursachen-pestizide-imker-klimawandel

Der ewige Kreislauf müsse durchbrochen werden, wenn wirklich etwas für die Umwelt herausspringen soll.

Nicht nur die Pestizide

Ein weiterer limitierender Faktor für Bienen und andere Insekten ist der Verlust der Vielfalt in unserer Landschaft: durch die Beseitigung magerer, bunter Blumenwiesen durch Intensivdüngung und Intensivmahd, die Versiegelung durch Straßen, Gewerbe- und Wohngebiete, die Trockenlegung von Sümpfen und Mooren, die Zerstörung von Auen durch Gewässerbegradigung.

Und als wenn das nicht schon reichen würde, stressen auch noch Klimawandel und Lichtverschmutzung unsere Insektenwelt, die der Wirtschaft durch Bestäubungsleistungen weltweit Milliarden Dollar Profite - und uns unverzichtbare Nahrungsmittel bringen.

Allein durch den Klimawandel breiten sich bei uns immer neue Neozooen aus, Tierarten, die bei uns nicht heimisch sind, aber der heimatlichen Tierwelt arg zusetzen. Auch jene aus Asien stammende Milbe, unter der die Honigbiene leidet, wird nachweislich durch die immer milder werdenden Winter gefördert.

Vor all diesen Hintergründen wirkt die EU-Entscheidung, die Neonicotinoide zu verbieten, gelinde gesagt unbeholfen. Um 80 Prozent sie die Insekten in den letzten Jahren zurückgegangen.

Glauben Sie wirklich, liebe Leser, die EU machte sich an eine so dringend notwendige Umstrukturierung, ja Revolution, unseres gesamten Umganges mit der Natur? Wohl kaum.

So bleibt den ewigen Warnern nur, weiter zu warnen, zu messen und zu forschen. Nur haben wir eigentlich keine Zeit mehr, noch mehr tatenlose Zeit verstreichen zu lassen.

Vor diesem Hintergrund muss man makabererweise schon fast hoffen, dass durch das zunehmende Ausbleiben von Bestäuberleistungen infolge des Insektensterbens große wirtschaftliche Schäden mit Auswirkungen auf Nahrungsmittelpreise und die Welternährungssituation entstehen.

Erfahrungsgemäß wird erst dann der gesamte, auf unsere unverzichtbare Insektenwelt einschlagende Faktorenkomplex vielleicht ernsthafter, als bisher berücksichtigt. Und aus dem eindimensionalen, ein schmerzlich erzeugtes mehrdimensionales Wirtschaftsdenken.
Bodo Schwarzberg
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