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Fr, 07:31 Uhr
18.08.2017
Botaniker geehrt

Meine Erinnerungen an Klaus-Jörg Barthel

Gestern wurde am früheren Wohnhaus des Botanikers Klaus-Jörg Barthel eine Gedenktafel enthüllt. Bodo Schwarzberg beschreibt seine Erlebnisse mit dem Nordhäuser Heimatforscher...

An den 27. Mai 2006 erinnere ich mich genau: Mit Klaus-Jörg Barthel erkundeten mein Freund Werner Mogk und ich mehrere Landschaftsausschnitte mit Vorkommen bemerkenswerter Gefäßpflanzenarten im Raum Nordhausen: erst die Windlücke bei Petersdorf mit bis heute bestehenden Vorkommen von Breitblättrigem Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) und Natternzunge (Ophioglossum vulgatum), dann das heutige NSG Pfaffenköpfe u.a. mit einem Bestand der Orchidee Langblättriges Waldvöglein (Cephalanthera longifolia), die Steinberge bei Buchholz mit artenreichen, lückigen und oberflächlich versauerten Halbtrockenrasen (hier u.a. Streifen-Klee - Trifolium striatum) und schließlich das NSG Alter Stolberg, wo wir uns u.a. die Berg-Kronenwicke Coronilla coronata und das Nadelröschen (Fumana procumbens) anschauten.

Der für mich unvergessliche Höhepunkt aber war das gemeinsame Aufsuchen einer mit einigen Kiefern bestandenen Wiese im Alten Stolberg, wo wir am Wegrand drei nichtblühende Exemplare des in Thüringen stark gefährdeten Abbiss-Pippaus (Crepis praemorsa) sahen. Zu diesem Zeitpunkt galt die seltene Art im Gebiet des NSG Alter Stolberg als verschollen. Nun war sie wiederbestätigt. Klaus-Jörg Barthel zeigte sich bei dieser Exkursion deprimiert vom Verlust so mancher Art hier im Gebiet des Südharzer Zechsteinrandes und vom Schrumpfen vieler Populationen. 1987, so sagte er auf der damaligen Exkursion, habe er auf dem Windfeld noch rund 50 Exemplare des Abbiss-Pippaus gesehen.

Wir unterhielten uns über die Ursachen der massiven Arten- bzw. Wuchsortverluste: Nutzungsaufgabe, landwirtschaftliche Nutzungsintensivierung und Aufforstung. Und er, der wohl beste Artenkenner Nordthüringens, unterstützte mich wenige Wochen nach der Wiederentdeckung des Abbiss-Pippaus bei einer erhaltenden Pflegemaßnahme: Am 2. Dezember 2006 entfilzten wir den Wegrand mit den drei Pflanzen mittels Gartenharke und entfernten auf wenigen Quadratmetern junge Sträucher. Mit dabei waren Werner Mogk und der Nordhäuser Botaniker Kindervater.
Heute haben wir nach kontinuierlichen Pflegeeinsätzen auf dem Windfeld wieder mehrere hundert Exemplare der Art. Vermutlich war sie aber auch nur jahrelang übersehen worden.



Oft muss ich an diese und andere Begebenheiten denken. Nicht nur bei Exkursionen auf dem Windfeld ist Klaus-Jörg Barthel immer irgendwie präsent.

Spätestens in seinen letzten Lebensjahren beteiligte er sich auch aktiv an art- bzw. wuchsorterhaltenden Maßnahmen.
Erst so nach und nach wurde mir bewusst, welch enormes Wissen er hatte. Ich erinnere mich zum Beispiel an Unterhaltungen über das Eiszeitrelikt Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina), die die Gipsindustrie hier im Südharzgebiet weitestgehend auf dem Gewissen hat und zu der wir eine Publikation planten.

Es war für mich eindrucksvoll, zu erfahren, welche bibliografischen Fakten er allein zu dieser Art aus dem Hut zaubern konnte: Er kannte auf Anhieb eine ganze Reihe Botaniker, die zu der Art etwas publiziert hatten und er stürzte sich förmlich in die Fachliteratur für unsere Publikation - trotz vieler anderer wissenschaftlicher Baustellen. Mehrmals suchten wir den letzten, als natürlich anzusehenden Wuchsort der Art bei Cleysingen auf und wir versuchten, durch Entfilzen und Entbuschen die letzten Pflanzen zu retten, die dem Gipsabbau widerstanden hatten.
Die Fertigstellung der Publikation erlebte er leider nicht mehr.

Ich lernte Klaus-Jörg Barthel leider erst während seiner letzten Lebensjahre kennen. Und doch werde ich ihn nie vergessen. Ich schätzte an ihm die angesichts seines Wissens edle Bescheidenheit und sein aktives Engagement für die Erhaltung der deutschland- und europaweit einmaligen Flora des Kyffhäuser- und des Südharzgebietes, gerade am Ende seines aktiven Schaffens.

Klaus-Jörg Barthel setzte die Tradition der Nordhäuser Botaniker auf wunderbare Weise fort. Er war sich des Wertes des von ihnen über Jahrhunderte angehäuften Wissens für die Erhaltung dieser einmaligen Landschaft bewusst, er erweiterte es und er konzentrierte es in seinen Publikationen und in seinen Büchern, die er gemeinsam mit Dr. Jürgen Pusch schrieb.

Die Gedenktafel an seinem Wohnhaus Am Frauenberg 13 ist eine angemessene Würdigung für ihn.
Bodo Schwarzberg
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