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Sa, 10:07 Uhr
05.03.2016
Geschichten, die das Leben schreibt

Unfall: A 38 muss gewaschen werden

Klapprige Lkw auf unseren Straßen sind eine Seltenheit. Und doch kommt es vor, dass ein Laster ein Anbauteil auf der Autobahn abwirft, unbeeindruckt weiterfährt und nachfolgende Verkehrsteilnehmer in Riesengefahr bringt. Vielleicht sogar in Lebensgefahr. Wie gestern Abend einen Arzt aus Leipzig. Und fast 30 Feuerwehrleute aus Farnstädt und Rothenschirmbach um ihre verdiente Feierabendruhe. Stattdessen schoben sie Dienst auf der zugigen Autobahn 38

Wenn es abends oder am Wochenende auf der A 38 kracht oder "nur" Kraftstoff oder Öl die Fahrbahn verunreinigen, ist es für Polizei, Feuerwehr, Straßen- und zuweilen Rettungsdienst vorbei mit Erholung. (Foto: Jochen Miche) Wenn es abends oder am Wochenende auf der A 38 kracht oder "nur" Kraftstoff oder Öl die Fahrbahn verunreinigen, ist es für Polizei, Feuerwehr, Straßen- und zuweilen Rettungsdienst vorbei mit Erholung. (Foto: Jochen Miche)
Gegen 17 Uhr war ein Arzt, aus Bochum kommend, in seinem VW auf der A 38 auf dem Heimweg nach Leipzig. Etwa einen Kilometer vor der Abfahrt nach Querfurt und Röblingen am See sah er, wie ein vor ihm fahrender Lkw ein großes Bauteil verlor. Ausweichen war nicht mehr möglich, nur vorsichtiges Bremsen, denn hinter ihm war weiterer Feierabendverkehr auf der Strecke, und den wollte er nicht noch im Kofferraum mitschleppen.

Es polterte und schlug heftig unter seinem Fahrzeug, das aus der Spur zu geraten drohte, doch der Arzt war mal Polizist gewesen und vertraut im Umgang mit brenzligen Situationen auf der Straße. Er hielt weiter drauf zu.

Das Lkw-Teil riss unter seinem Wagen etwas entzwei, so dass der Kraftstoff mit Druck auf die Straße lief. Der Mann lenkte seinen Wagen direkt neben die Standspur und schließlich in die Ausfahrt nach Querfurt und Röblingen, dann blieb er halb schräg zum Straßengraben stehen. Ende einer Dienstfahrt.

Inzwischen hatte sein Fahrzeug eine etwa 700 Meter lange Dieselspur hinterlassen. Der Arzt wusste, dass im Tank seines Fahrzeugs vor dem Unfall noch etwa 25 Liter Diesel gewesen waren, die später die bis zu einen Meter breite, sowohl für Fußgänger als auch für Fahrzeuge äußerst rutschige Oberfläche hinterlassen hatten.

Sein nur kurz schlingernder und leicht holpernder Wagen hatte niemanden in Gefahr gebracht. „Es war reines Glück, dass dieses Lkw-Teil quer vor mein Auto geflogen ist“, meinte der Arzt später im Gespräch mit msh-online. Der Mann zeigte Nerven: Er steuerte sein Fahrzeug aus einer höchst brenzligen Situation aus der Gefahrenzone heraus, informierte die Polizei, die sofort alle Hebel zur Gewährleistung der Sicherheit der Autobahnnutzer einleiten konnte, und schenkte dem msh-online-Reporter obendrein noch eine Sicherheitsweste, weil der seine eigene im Auto liegengelassen hatte; „Wie laufen Sie denn herum, so können Sie nicht auf die Autobahn“, wies er den Knipser zurecht und drückte ihm mit den Worten „Die schenke ich Ihnen“ eine Warnweste in die Hand (die dieser dankbar überstreifte).

Als Erste am Ort des Geschehens waren wenig später Polizeibeamte und 16 Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Farnstädt bei Querfurt. Sie stellten Pylonen auf, um den Verkehr von der Dieselspur fernzuhalten und die Auffahrt Querfurt/Röblingen zu sperren. Eine Meisterleistung von Feuerwehr und Polizei: Sie schufen mitten im Freitag-Feierabendverkehr auf der eh schon nur zweispurigen Autobahn ein Nadelöhr, ohne einen kilometerlangen Stau zu produzieren. Kein Fahrzeug musste anhalten, so dass der Verkehrsfluss gewährleistet blieb. Aber die Männer sind ja irgendwie auch auf der Autobahn zu Hause, wie sich erst vor wenigen Tagen zeigte, als ganz in der Nähe etliche Pkw auf einem Fahrzeugtransporter brannten, auf die Straße kullerten und von den Feuerwehrleuten gelöscht werden mussten.

Eine sichere Bank, wenn es um Unterstützung auf der Autobahn 38 geht: die Freiwillige Feuerwehr Rothenschirmbach, einem Ortsteil der Lutherstadt Eisleben. Nicht zufällig hat die Wehr Ende vergangenen Jahres ein neues Feuerwehrgerätehaus eingeweiht, das den Freiwilligen endlich weitgehend optimale Bedingungen für ihre wichtige Arbeit bietet. Auch gestern Abend wurden die Rothenschirmbacher Kameraden alarmiert, und Minuten später fuhren das moderne Löschfahrzeug LF 8/6 und ein historisch anmutendes Schmuckstück von Tanklöschfahrzeug auf der Autobahn in Richtung Halle.

Den zwölf Kameradinnen und Kameraden blieb eine Arbeit erspart, die beim Aufräumen vieler Unfallstellen oft nötig ist: das Entfernen der Flüssigkeiten, die ein demoliertes Auto so verlieren kann: Kühlwasser, Öl, Kraftstoff. Meist erfolgt das mit einem Ölbindemittel, das dem im Einzelhandel erhältlichen Katzenstreu sehr ähnlich ist. Die gewaltige Rutschspur, die hier aber von 25 Liter Diesel verursacht worden war, wurde von Steve Müller und Wolfgang Scherf der Sangerhäuser Firma H & M Autoservice im Auftrag des Merseburger Abschleppdienstes Naumann erledigt. Sie gingen das Problem jedoch nicht mit Ölbindemittel, sondern mit heißem Wasser an; dieser Straßenabschnitt wurde im Zuge einer Nassreinigung gewissermaßen gewaschen.

Der Austausch der Warnhüte markierte die Übergabe der „Baustelle“ an die Sangerhäuser. Die Farnstädter sammelten in dem Tempo, wie die Sangerhäuser ihre rot-weißen Kegel aufstellten, ihre eigenen ein.

Schichtwechsel auf der Autobahn. Die "Ölwehr Sachsen-Anhalt", so die Bezeichnung dieses Einsatzdienstes, begann nun, im Dunkeln, aber von kräftigen Scheinwerfern unterstützt, ihre Arbeit an diesem Autobahnabschnitt.

Die Farnstädter und Rothenschirmbacher Kameraden brachen in Richtung Heimat auf, wo sie irgendwann nach 20 Uhr ankamen.

Der Leipziger Arzt war inzwischen auf dem Weg nach Hause, wo er, etwas später als ursprünglich geplant, hoffentlich sicher und bequem ankam. Er saß im Führerhaus eines Abschleppfahrzeuges neben dessen Fahrer; sein VW fuhr huckepack mit.

Nur die Polizisten harrten in der unangenehmen kalten Luft weiter aus, obwohl sie längst alle Beweisstücke gesichert und dokumentiert hatten. Doch die Sperrung der Auffahrt Querfurt musste aufrecht erhalten werden, bis die Männer aus Sangerhausen die Straße fertig gewaschen hatten.
Jochen Miche
Polizisten sind in vielen Fällen die ersten und die letzten an einem Unfallort, wie hier gestern Abend auf der A 38 nahe Querfurt. (Foto: Jochen Miche)
Der Verkehr musste am verunreinigten Straßenabschnitt vorbeigeleitet werden, ohne neue Probleme- etwa mit einem Stau - heraufzubeschwören. Es gelang hier. (Foto: Jochen Miche)
Gefährliche Flüssigkeiten auf Straßen können auf vielfältige Weise entfernt werden. Die Sangerhäuser Fachleute nahmen dazu gestern Abend heißes Wasser. (Foto: Jochen Miche)
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