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Di, 07:46 Uhr
13.10.2015
Betrachtet

Juden und die V2-Produktion im Kohnstein (2. Teil)

Unter dem SS Kommandanten (ehem. Auschwitz) des KZ Mittelbau Richard Bär wurden jüdische, befähigte Häftlinge insbesondere zur Lösung von Problemen in der Serienfertigung des A4, eingesetzt. Ausnahmejuden, die auch als kriegswirtschaftlich wichtige Juden bezeichnet worden sind. Diese standen vor einem besonderen Dilemma…

Von Tim Schäfer, basierend auf Augenzeugenberichten im Bestand des US- Holocaust Memorial Museum, Washington. Teil 2

Eine größere Gruppe jüdischer Häftlinge wurden dem Raketenproduktionsprozess zugeordnet. Viele von Ihnen hatten bereits mehrere Konzentrationslager überlebt und in diversen rüstungswichtigen Projekten gearbeitet. Teils in bedeutender Funktion für die jeweiligen Prozesse. Es gab Experten für das Berichtswesen, Statistik wie Qualitäts- und Prozesskontrollen, neben den technischen oder produzierenden Stellen.

Diese Häftlinge erfüllten besondere Anforderungen der SS Verwaltung wie der technischen Leitung. Die jüdischen Häftlinge galten als belastbar, fleißig und gemein als kriegswirtschaftswichtig. Über Ihr besonderes Dilemma war bereits in Teil 1 geschrieben worden. In der Symbiose mit den Vorhaben der SS, den Endsieg durch die Wunderwaffe Rakete V2 sicherstellen zu können, waren diese jüdischen Häftlinge mehr als nur eine Ressource für die SS, denn Sie machten eine letzte qualifizierte und befähigte Reserve aus. Ihre Befähigungen waren aus den vorherigen Projekten soweit ausgebildet. Manche leiteten Teilprozesse und berichteten direkt.

Die Situation erforderte eine besondere psychische Stabilität und Disziplin. „War Auschwitz die heiße Hölle gewesen, so war Dora die kalte Hölle“, schrieb Hans Frankenthal kurz vor seinem Tod im Jahr 1999. Er musste es wissen, gehörte er zu denen, die beide Höllen überlebt hatten. Es verbietet sich zu philosophieren, was mit der kalten Hölle von Dora gemeint war. Neben der Kälte dieses Winters 1945 wohl aber auch die kalte Hölle des KZ Regimes in SS General Dr. Kammlers Metropolis Mittelbau. Fritz Lang nahm in seiner „Metropolis“ einiges vorweg. Dora war die kälteste Hölle.

In den ersten vier Monaten 1945 kamen nur in den Mittelbau-Lagern 6000 Menschen um. In den Stollen im Kohnstein sollen mindestens 1700 V2 (A4) Raketen und über 6000 V1-Flügelbomben montiert worden sein. Fast pro Waffenexemplar ein toter Mensch im KZ Mittelbau. Dazu kommen natürlich weitere tausende Opfer der Waffe selbst.

Im Februar 1945 kam es zu Sondereinsätzen. Auf LKW, wie Sardinen darauf gestapelt, wurden viele Häftlingsleichen im KZ Mittelbau angeliefert. Sehr viele aus dem KZ Groß-Rosen. Tausende werden geschätzt. Das Mittelbau-Krematorium brannte Tag und Nacht durch und es stank erbärmlich. Das Krematorium war weit überfordert. Viele dieser Leichen wurden zu Bergen aufgestapelt, mit Benzin übergossen und brannten oder schwelten tagelang vor sich hin. Auch in einer Grube zwischen Holzlagen wurden mehrfach Lagen von Häftlingsleichen verbrannt. Die ordinären Häftlingstrupps, die das bearbeiten mussten, waren traumatisiert. In den Berichten wird beschrieben, wie auch noch lange danach noch ein schrecklicher Geruch in der Luft lag.

Es kam während der Arbeitseinsätze zu Situationen, die das Leben der jüdischen Häftlinge augenblicklich bedroht haben. Ein Beispiel: So rief die SS nach einem Mechaniker. Dieser musste dann per Befehl innerhalb von zwei Stunden eine Maschine für die V2 Linie aufbauen, die in Teilen angeliefert worden war. Einer meldete sich, sagte er könnte das montieren. Der SS Mann zückte seinen Revolver und befahl, in zwei Stunden fertig oder Sie werden erschossen! Das freiwillige Melden dieses jüdischen Häftlings war auch eine spontane Schutzhandlung für einen Anderen.

Später schätzte man ein, dass die jüdischen Mithäftlinge zunächst erschrocken der Meinung gewesen sind, dass diesem „Freiwilligen“ die Nerven durchgegangen waren. Der Mechaniker hat dies aber geschafft, in etwas längerer Zeit. Zur Verblüffung des SS Manns, der sich dahingehend äußerte, dass er dies einem Juden ganz und gar nicht zugetraut hätte.

Jeder jüdische Häftling war verantwortlich für drei. Die SS ließ die Häftlinge zum Appell antreten und ordnete die Regel an, dass jeder für seine Nachbarn und ggf. Vordermann in der Formation stets verantwortlich war. Also sich auch die Häftlingsnummer merken musste. Das wurde oft und langwierig abgeprüft. Mitunter fiese Schikane der Lager SS bei Wind und Wetter. Und so sollte niemand sich entfernen können. Gesamt gesehen beschreiben die ehemaligen jüdischen Häftlinge in Ihren Berichten, wie extrem schwierig es gefallen sei, etwas Hoffnung auf Überleben für sich selbst zu erhalten. Sie beschreiben auch, dass viele dem, trotz der möglichen Solidarität untereinander, nicht bestehen konnten.
Diese Mithäftlinge haben das KL Mittelbau bei Nordhausen nicht überlebt.

Archivbild (Foto: privat) Die Abbildung aus dem Bestand des US Holocaust Memorial Museum, Washington D.C. zeigt Massenmörder, bei Auschwitz: den letzten Kommandanten von Mittelbau-Dora Richard Baer, Josef Mengele (2.v.l.), Josef Kramer (Kommandant Birkenau, Bergen- Belsen (l.), und Höcker sowie einen weiteren SS-Offizier. Dr. Josef Mengele war der berüchtigte „Todesengel von Auschwitz“, sein direkter Vorgesetzter wurde im KZ Mittelbau-Dora wieder eingesetzt.

(wird mit Teil III und ENDE fortgesetzt)
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