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Di, 15:30 Uhr
21.04.2015

Liebe Frau Jelena...

Es gibt Theaterstücke, die lassen einem mit einem wohlig warmen Gefühl zurück und man kann beschwingten Fußes den Heimweg antreten. "Liebe Jelena Sergejewna", das am Sonntag Premiere feierte im Theater unterm Dach, ist kein solches Stück...

Frau Jelena ist Lehrerin. An ihrem Geburtstag sitzt sie, in ein Buch vertieft, allein in ihrer kleinen Wohnung. Die Mutter liegt im Krankenhaus, ihr ist nicht nach Feiern zu Mute. Da klingelt es an der Tür. Vier ihrer Schüler sind gekommen, um ihr zu gratulieren, haben sogar ein Geschenk und Sekt mitgebracht. Wie nett.

Frau Jelena ist zunächst verwundert über die Geste, bittet die jungen Leute dann aber doch herein. Das die vier noch etwas ganz anderes im Schilde führen, und für ihre Lehrerin vor allem Verachtung über haben, das zeigt sich schnell. Denn wie es der Zufall will ist es Jelena, die den Schlüssel zum Tresor mit den Abschlussprüfungen hat. Und an die müssen zumindest zwei der vier dringend herankommen, wenn sie ihr Leben nach der Schule sichern wollen. Im Laufe des einstündigen Stückes eskaliert die Situation bis zum äußersten und lässt nicht nur Jelena zerstört am Boden zurück.

Was das Junge Theater da zeigt, ist ein Kampf zwischen Idealismus und Opportunismus. Zwischen dem reinen Egoismus, der dem Erfolg alles opfert und die eigene Zukunft aufs Spiel setzt und dem Skrupel es vielleicht doch zu weit zu treiben.

Da ist zum Beispiel Viktor. Dessen Leben ist "eigentlich ein kaputtes Fass", sagt Jungschauspieler Julian Krettek über seine Rolle, "er denkt, ein Pflaster würde verhindern, dass alles Wasser herausfließt". Er hat sich dem Quartett angeschlossen, weil er seine Note immerhin auf eine drei verbessern will.

Sein Freund Sebastian, gespielt von Steven Kunze, sieht in ihm einen angehenden Alkoholiker auf dem besten Weg in die Bedeutungslosigkeit. Angewidert von der Heuchelei der Erwachsenen ist es für ihn nur recht und billig unfair zu spielen um den eigenen Vorteil zu erlangen. Nur so könne man sich im Leben durchsetzen, meint er, er hat ein Anrecht auf Erfolg.

Seine Freundin Jana gibt sich materialistisch und will sich später einen reichen Mann suchen. Sie kritisiert ihre Lehrerin für ihre (Selbst-)Aufopferung, die ihr nichts gebracht habe als ein bescheidenes Leben. Sie sieht als erste, das sie es zu weit getrieben haben und wird am Ende selber Opfer des eskalierenden Konflikts. Wiebke Lendewig, die Jana spielt, sagte sie habe nicht erwartet "das es so heftig wird".

Schließlich Valentin, gespielt von Moritz Mühlich. Valentin ist des Teufels Advokat. Aalglatt, manipulativ und von der eigenen Größe überzeugt: einen "Napoleon für Arme" wird Jelena ihn nennen. Der smarte Bursche lächelt sich durch das Stück, zeigt in seiner Ambition keine Skrupel, lässt aber die anderen die Drecksarbeit machen. Für ihn ist das ganze Geschehen nichts weiter als ein Spiel, das er gewinnen will, egal wie weit die vier Schüler dabei gehen müssen. "Für mich ist nicht die Moral entscheidend, sondern der Nutzen", wird er sagen.

"Liebe Jelena Sergejewna" im Nordhäuser "Theater unterm Dach" - ein Kampf zwischen Idealismus und Opportunismus (Foto: Angelo Glashagel)
Tatsächlich ist das Stück, das Erstlingswerk der russischen Schriftstellerin Ludmilla Rasumowskaja aus dem Jahr 1980, keines das man sich auf leeren Magen zu Gute führen sollte. Die Spannung zwischen den Charakteren, ihre Motivation, ihre Ambivalenz und der sich aufbauende Konflikt werden von den Nachwuchsschauspielern exzellent vermittelt.

Was erstaunlich und erschreckend ist, ist dass "Liebe Jelena Sergejewna" trotz seines Alters so gut in unsere Zeit zu passen scheint. Sicher, wer heute die Abschlussprüfung vergeigt für den bedeutet das nicht das Ende der beruflichen Zukunft. Die Fokussierung auf das eigene Ego, den eigenen Vorteil unter Missachtung der Folgen aber trägt das Stück doch in den Alltag. Das kann man auch in dem erfreulich ausführlichen Begleitheft sehen. Hier hat das junge Theater unter anderem Meinungen von Schülern und Fakten zur verbalen und physischen Gewalt gegen Lehrer zusammengetragen.

Man wird am Ende nicht beschwingten Fußes nach Hause gehen, wohl aber in dem Wissen ein gutes und sehenswertes Theaterstück erlebt zu haben.
Angelo Glashagel
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