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So, 12:56 Uhr
05.04.2015

Ein faustisches Vergnügen

Doppel-Faust am Theater - gestern Abend fand die Premiere des Stückes "Des Pudels Kern" statt. Die ganz alten, nämlich die "Silberdisteln" und die ganz jungen, also das "junge Theater", spürten jeder auf seine Weise dem Doktor Faustus und seinem Gretchen nach....

Martin Schirmacher möchte gerne den Faust geben, das hat der inzwischen 91-jährige schon beim letzten Stück der "Silberdisteln", angekündigt.

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Nur der Dichterfürst höchst selbst hat da etwas dagegen, wie auch die Kollegen von der Schauspieltruppe. Auf der Bühne sprechen sie alle für die Rolle des wissbegierigen Doktors vor, dem Mephisto zu verführen sucht. Schließlich streift Wolfgang Hartmann den Talar des Gelehrten über.

Aber er muss ihn auch immer wieder abtreten. Die Silberdisteln haben sich mit ihrer Interpretation zwar nah an Goethes Original orientiert, das ganze aber mit einer Prise Witz und Selbstironie gewürzt -auf der Bühne widersetzen sich die renitenten Schauspieler immer wieder den Regieanweisungen der deutschen Dichterikone und spielen den Faust, wie er ihnen gefällt.

"Des Pudels Kern" am Nordhäuser Theater - Manfred Baumann als Mephisto geht den Teufelspakt mit Faust (Wolfgang Hartmann) ein (Foto: Roland Obst) "Des Pudels Kern" am Nordhäuser Theater - Manfred Baumann als Mephisto geht den Teufelspakt mit Faust (Wolfgang Hartmann) ein (Foto: Roland Obst)

So gibt es mehr als einen Doktor Faustus und mehr als eine Margarethe zu sehen. "Jeder durfte die Rolle und die Szene spielen, die er gerne haben wollte", erklärte Winfried Wehrhahn, der unter anderem den Wirt in Auerbachs Keller gibt, auf der Premierenfeier. "Es war noch schöner und noch schwerer, als gedacht", sagte Anja Eisner mit Dank an ihre Schauspieler, "wir haben uns noch nie so überfordert wie dieses Jahr".

Tatsächlich ist es beeindruckend, was die alten Damen und Herren auf der Bühne in einem mehrstündigen Programm noch alles leisten können. Sicher, die Stimme trägt nicht mehr so weit und die Ohren hören nicht immer alles, was die Souffleuse raunt, aber das wissen die Silberdisteln wegzumachen durch pointiertes Spiel, gewitzte Improvisation und die Ausdruckskraft, die aus der Erfahrung schöpft.

Ganz anders sah es im zweiten Teil aus. Mehr Bewegung, mehr Energie, mehr Rebellion - der Faust des jungen Theaters folgte keiner Chronologie, sondern setzte die Schlüsselmomente in Szene, die der jungen Generation bedeutsam erschienen.

Nachdem Duell zwischen Faust und Gretchens Bruder ist sofort das Forensik Team zur Stelle, der gefallene Soldat monologisiert derweil noch (Foto: Roland Obst) Nachdem Duell zwischen Faust und Gretchens Bruder ist sofort das Forensik Team zur Stelle, der gefallene Soldat monologisiert derweil noch (Foto: Roland Obst)

Das Hexengebräu, das ihn verjüngen soll, beschert dem Faust einen Trip voller Albtraumhafter Gestalten, der Doktor verfolgt das Gretchen wie ein moderner Stalker und treibt sie in die Verzweiflung. Wie von altersher ist dabei nichts - der Talar weicht Hose und Mantel und statt am Spinnrad zu sitzen muss Gretchen das Klo putzen. Sicher, manchmal sind die jungen noch etwas überhastet, doch man spürt die Leidenschaft und erkennt auch als Laie das Potential.

Etwa bei besagter Klo-Szene: statt sich strikt an des Dichters Text zu halten, entschied sich Lisa-Maria Schurig dafür, die Szene nach einer Vertonung von Franz Schubert zu singen. Dabei wird sie von der Gitarre, nicht vom Klavier begleitet und wenn sie singt, dann wünscht man sich, dass dieses junge Mädchen doch recht bald mit den Profis auf der Bühne stehen möge, so virtuos und so gefühlvoll trug ihre Stimme den Kummer des Gretchens in das Herz der Zuschauer.

Das junge Theater beendet seinen Faust mit einem metaphorischen Schlag in die Magengrube. Das Gretchen ihr eigenes Kind umbringt, wird nicht nur angedeutet, sondern durchexerziert. Die völlig überforderte Mutter ertränkt, ersticht, erschießt ihr Kind. "Die Ideen für die einzelnen Szenen hatten sie selbst", versichert Bianca Sue Henne, die den Schauspielnachwuchs dieses mal mehr begleitet als betreut hat. "Das ist eine sehr eigenständige Truppe und sie haben genaue Vorstellungen davon, was für ein Theater sie selbst sehen wollen".

Stalking-Opfer Gretchen (Foto: Roland Obst) Stalking-Opfer Gretchen (Foto: Roland Obst)

Gerade mit dieser letzten Szene hatten ein paar der "Silberdisteln" anfänglich dann doch so ihre Probleme. Denn bis wenige Wochen vor der Premiere probte man getrennt voneinander. Erst nachdem jeder seine Szenen gefunden hatte, betrat man die Bretter gemeinsam. Alles in allem sei die Zusammenarbeit mit dem jungen Theater aber wie eine "Frischblutkur" gewesen, hieß es auf der Premierenfeier bei den Silberdisteln. Man habe viel Respekt voreinander gehabt, sagte Bianca Sue Henne, vielleicht auch erst einmal zuviel, aber am Ende ginge das Spiel zwischen Jung und Alt wunderbar zusammen.

"Des Pudels Kern" ist Tradition und Revolution, wer die Mischung aus klassischer Hochkultur und fragmentierter Postmoderne selber einmal auf der Bühne sehen will, der hat am kommenden Samstag um 19:30 Uhr noch einmal die Chance. Zwei weitere Aufführungen sind für den 26.04 um 18 Uhr und den 15.5 um 19:30 Uhr geplant.
Angelo Glashagel
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Des Pudels Kern - ein faustisches Vergnügen am Theater Nordhausen (Foto: Roland Obst)
Autor: red

Kommentare
Mermaid
06.04.2015, 10.56 Uhr
Sehr empfehlenswert
Ein schöner Artikel, eine herausragende Leistung aller Beteiligten und ein gelungener Abend! Herzlichen Dank für dieses Erlebnis. Ich wünsche allen ein volles Haus. Mir hat es grossen Spass gemacht, zuzusehen. Wenn ich noch hier wohnen würde- ich wäre noch mal rein gegangen.
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