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13.03.2013

Renate Niethammer wird 100 Jahre

Am 13. März 1913 wird in Nordhausen in der Rautenstraße 2 ein Mädchen geboren, das sich als Renate Niethammer einen Namen als Künstlerin erwirbt, anfangs in ihrer Geburtsstadt und anderen Orten, ab 1960 in Kolberg in Brandenburg. Sie begeht ihren Geburtstag im Familienkreis. Eine Würdigung von Heidelore Kneffel...


In Sondershausen gab es Ende 2010 die Ausstellung „Helden auf Zeit Porträts aus dem Kunstarchiv Beeskow“ mit künstlerischen Porträts aus der DDR. Dazu gab es einen Katalog. Unter den gezeigten Bildern war auch eines von Renate Niethammer mit dem Titel „Landbriefträger“. Es entstand 1974 und wurde mit Ölfarbe auf eine Hartfaserplatte in der Größe 90 cm x 70 cm aufgetragen.

Das Porträt, das den Abgebildeten bis zur Hüfte zeigt, nimmt die Höhe des Bildes ein. Groß sind die beiden Hände des älteren Briefträgers am unteren Bildrand dargestellt, die das Zuzustellende halten. Er blickt den Betrachter freundlich lächelnd an. Auffällig sind seine großen Ohren und der unbändige Haarschopf. Hinter ihm sind wenige Häuser an einer Dorfstraße angedeutet. Diesen Mann kannte die Malerin gut.

In einer Rezension über die Ausstellung, die an mehreren Orten gezeigt wurde, heißt es: „In den Porträts findet sich spontane Eingebung neben psychologischer Durchdringung, immer dem Alltagsblick enthobene Sichten, so bei dem expressiv gemalten sympathischen Landbriefträger von Renate Niethammer ...“ In dem erwähnten Katalog steht folgende Kurzbiographie über sie: „Geb. 1913 in Nordhausen/Harz. Studium an der Vereinigten Staatsschule für freie und angewandte Kunst in Berlin bei Erich Wolfsfeld; 1946 Gründung einer privaten Schule für Malerei und Grafik in Nordhausen (1948 Schließung auf Anordnung der Sowjetischen Militäradministration); 1948-1951 HBBK Weimar (Studium der Wandmalerei bei Hermann Henselmann); 1951/52 Arbeit als Kunsterzieherin; lebt seit 1960 in Kolberg (bei Berlin).“ Zwischen diesen wenigen Zeilen liegt ein „verrücktes Leben“, wie sie es selbst formulierte.

Einen ausführlichen Text über die aus Nordhausen stammende Künstlerin schrieb die Herausgeberin des Kataloges und Kuratorin der Ausstellung, Simone Tippach-Schneider, darin eingeschlossen die große Reproduktion des „Landbriefträger“, der gemeinsam mit anderen Porträts auch auf der Titelseite zu sehen ist, und zwei kleine Abbildungen, die „Arbeiterveteranin Helene G.“ von 1971 und das „Porträt Hedda Zinner“ von 1985. Auffällig ist immer die Gestaltung der Hände. Deshalb nenne man sie auch die „Händemalerin“, so die Künstlerin in einem Interview.

Hohensteiner Straße 10 (Foto: Archiv Kneffel) Im Folgenden wird dargestellt, was über Renate Niethammer und Nordhausen zu sagen ist. In ihrer Familie ging es sehr streng zu, so dass sie sich besonders zu den Großeltern Umbach, die in der Hohensteiner Str. 10 wohnten, hingezogen fühlte. Der Großvater war Steuerinspektor am Königlichen Katasteramt. Die Großmutter bemalte Tonvasen, war wohl damit an der künstlerischen „Erweckung“ der Enkelin nicht unbeteiligt. Die Familie verzog mit einem neuen Vater nach Jever, wo Renate in die Schule kam. Dort förderte eine Tante Paula, eine Diakonisse, das Talent.

Ab 1931 erfolgte das Kunststudium in Berlin, 1937 heiratete sie, zwei Kinder wurden geboren, ihr Mann starb im Krieg. Sie wollte nun nach einigen Zwischenstationen zurück nach Nordhausen. Dort erlebte sie die Aprilangriffe mit. In dem Haus der Großeltern in der Hohensteiner Str. 10 eröffnete sie eine private Kunstschule, die gut angenommen wurde von Kindern bis hin zu den Erwachsenen. Später zog sie in die Thüringer Str. 18 um. Bereits im Dezember 1945 stellte sie mit anderen Künstlern in der ersten Kunstausstellung nach dem Krieg im Zeichensaal der Humboldtschule aus.

Über sie liest man in der „Thüringer Volkszeitung“: „Die Silberstift- und Kohlezeichnungen von Renate Niethammer verraten nicht nur ein großes graphisches Können, sondern auch eine starke eigenwillige Empfindung“. Die nächste Kunstschau folgte Mitte Juni 1946 im Städtischen Konzertsaal des ehemaligen Logengebäudes.

Das Nordhäuser Logengebäude (Foto: Archiv Kneffel)
Die aus Nordhausen stammende Journalistin Eva Keiselt, verheiratete Müthel, schreibt darüber und erwähnt Renate Niethammer folgendermaßen: „Quer durch den Saal, im abschließenden Halbrund, sehen wir die eigenwilligen Arbeiten Renate Niethammers. Es ist erstaunlich, bei Frau Niethammer gibt es keine Konzessionen. Alle ihre Bilder, vor allem ihre Porträts, atmen eine subjektive, leidenschaftliche Großzügigkeit. Ihre Jungen-Porträts sind Gedichte. R. N. muß mit innerem Überschwang den Pinsel führen.

Der Flötenspieler zeugt davon. Die Hingerissenheit der Augen, die Spannung der Hände, dies alles ist so frei und schön und unbedingt. Vielleicht ist die Technik manchmal zu genial. Es gibt Menschen, die darin Unordentlichkeit sehen. Das wollen wir doch der Künstlerin nicht nachsagen. Nicht wahr, sie bändigt diesen Überschwang und diese Leidenschaftlichkeit zur Formvollendung, damit man ihr die Tiefe glauben kann.“

LogenInneres (Foto: Archiv Kneffel) Logensaal, in dem nach dem Krieg die Konzerte und Ausstellungen waren

Ein Walther Staedtler schreibt: „Stark begabt ist Renate Niethammer. In Form und Farbe ist der „Flötenspieler“ eigenwillig und sehr ausdrucksvoll. Das völlige Hingeben ins Spiel der Flöte spricht selbstvergessen aus den Augen des Jungen. „Bildnis einer Tschechin“ - groß und flächig im Pinselstrich mit Sicherheit hingeworfen - wirkt recht stark. Besonders souverän ist die Künstlerin im Porträt. Da ist jeder Kopf anders aufgefaßt und immer recht ausdrucksvoll.“

Im November 1946 wird eine nächste Kunstausstellung anlässlich der Kulturwoche des Kulturbundes eröffnet. Wiederum findet sie in der ehemaligen Loge statt. Kurt Kohlmann, Vorsitzender der Nordhäuser Gruppe des Kulturbundes, schreibt: „... vom Geistigen her bestimmt sind die Bilder Renate Niethammers: Genialisch anmutender Schwung, kühne, temperamentvolle Bewegung; die innere Ausdruckskraft überwiegt die plastische Tiefe. Welch durchgeistigter Zusammenklang von Linie und vergeistigter Bewegung in dem Männerkopf in Öl.“ Einer ihrer damaligen Schüler, Heinz Wagner, erzählte, dass bei einer Ausstellung aus Anlass des Gedenkens an die Bombardierungen Nordhausens der kleinere Raum vor dem Saal schwarz ausgeschlagen war und ein angestrahltes Ölgemälde der Niethammer, das eine Mutter zeigte mit einem toten Kind auf den ausgestreckten Armen, die Besucher sehr erschütterte.

Logensaal (Foto: Archiv Kneffel) Saal im Logengebäude -Werkstatt des Theaters

Die Formalismusdebatte in Literatur, Musik und Kunst verstärkte sich 1948 und Künstler mit subjektiver Gestaltungsweise, wie sie die Niethammer gebrauchte, wurden für die Parteifunktionäre der Kommunisten, dann der SED suspekt und wurden öffentlich gerügt. So musste sie ihre Kunstschule in Nordhausen schließen und studierte dann an der Staatlichen Hochschule für Baukunst und Bildende Künste Weimar.

Aktuell ergibt sich die Frage, wann es in Nordhausen eine Ausstellung mit ihren Kunstwerken geben wird?
Heidelore Kneffel
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