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Mi, 20:56 Uhr
13.02.2013

Ein Forum für Nordhausen

In der Antike war das Forum der Stadt- und Marktplatz, ein Ort der Volksversammlung. Man denke nur an das berühmte Forum Romanum in der ewigen Stadt. Viele haben es in der Zwischenzeit kennengelernt. In Deutschland arbeitet man seit einiger Zeit am Humboldt-Forum in Berlins Mitte. Und in Nordhausen? Ein Beitrag von Heidelore Kneffel...


Im Bereich der Kultur versteht man darunter einen Ort, wo man ins Gespräch kommt, Fragen stellt und beantwortet bekommt, also sich im vielfältigen Meinungsaustausch befindet. An solchen Orten waren in der Menschheitsgeschichte oft Bibliotheken zu finden, denn wo spiegelt sich der Geist und das Gemüt so wieder wie im Gedruckten, sei es auf Tontafeln, auf Papyrus, auf Pergament, auf Papier und den modernen Trägern.

Als ein solches Forum habe ich das Bauensemble verstanden, das hinter dem Rathaus in Nordhausen entsteht, prädestiniert dafür mit seinen unterschiedlichen Raumangeboten, eingeschlossen der großzügige Platz mit Treppen und Wasser davor. Anfangs nannte man es in Nordhausen Mehrzweckgebäude, was aber so manchem zu nüchtern vorkam, so dass sich der Begriff KulturBibliothek einbürgerte, der aber in der Endkonsequenz die Vielfalt des dort Angebotenen wohl nicht trifft.


Dort vereinigt sich, was einen lebendigen Versammlungsort auszeichnet, wenn ich die sachlichen Veröffentlichungen darüber richtig verstanden habe. Nordhausen bekommt im Zentrum ein überdachtes größeres Areal, wo man sich bei jedem Wetter tummeln kann. Das setzt voraus, dass es auch am Wochenende Zeiten gibt, wo man es aufsuchen kann. Bedenkt man dieses vielfältige Leben, das dort stattfinden könnte, so genügen die im Kunsthaus Meyenburg vorgeschlagenen Plastiken für das Gebäude diesen Anforderungen doch eher nicht.

Dieser Platz war Jahrhunderte beherrscht von einem Kirchenbau, der dem britischen Bombardement 1945 zum Opfer fiel. Die verbliebene Ruine wurde zu DDR-Zeiten entfernt. Diese imposante Kirche hatte den Namen „St. Nicolai“, auch die Bezeichnung Marktkirche wurde für sie verwandt.

Im Zentrum der Stadt stehend, durchlitt sie mit dieser einige Stadtbrände, so dass man sich nach einem großen Stadtbrand 1712 entschloss, die bereits mehrmals beschädigten Türme nicht wieder aufzubauen. Auf alten Stadtansichten ist sie deshalb manchmal mit Türmen oder ohne solche zu sehen, was irritiert.

Ich erinnere mich noch deutlich daran, als 2008/09 die Ausgrabungen dort stattfanden. Passanten, die häufig stehen blieben, schauten, tauschten sich aus, sprachen oft auch die dort grabenden Archäologen an.

Da das Interesse so groß war, entschloss man sich, Führungen anzubieten. Diese Grabung fand auch deshalb Interesse, weil die Skelette ehemaliger Nordhäuser Bürger in nicht geringer Zahl gefunden wurden, denn der Friedhof war nahe gewesen. Aber auch in der Kirche wurden Verstorbene beigesetzt.

Ein Fund machte besonders auf sich aufmerksam, weil so viele Verstorbene auf einem begrenzten Gebiet gefunden wurden. Die Toten waren Kinder und Jugendliche. Selten waren auch die freigelegten Kopf-Nischengräber. Ein solches in Stein gesetztes Grab hält für den Kopf eine besondere Nische bereit. In der Regel wurden dort höher stehende Personen beigesetzt.

Für die Altersbestimmung des Bauwerkes waren die mehrmonatigen Grabungen sehr aufschlussreich. Mindestens zwei Vorgängerbauten konnten nachgewiesen werden, der älteste stammte aus der Zeit vor 1220, dem Jahr, als die Kirche das erste Mal Erwähnung fand. Die neue Kirche wurde im 15. Jahrhundert errichtet und war eine Hallenkirche.

Man fand also am Standort Nicolaikirche Nachrichten über die Stadtgeschichte in Hülle und Fülle. Auch deshalb trägt dieser neue Gebäudekomplex, der für mich ein Forum darstellt, von Beginn an Vergangenheit und Gegenwart in sich, auch überzeugend dokumentiert durch die historischen Bibliotheken und durch die ständig aktualisierten Bestände der Stadtbibliothek „Rudolf Hagelstange“, die dort ihr Zuhause finden werden.
Heidelore Kneffel
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