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Di, 06:50 Uhr
13.11.2012

Menschenbilder (51)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...


Hans-Jörg Sauerzapfe

ehemaliger Direktor des Hotels „Heinrich Heine“ in Schierke

„Ein feudales Luxushotel“

„Der Spiegel“ vom 15.06.1950 berichtet in einem Beitrag über das ehemalige, 1898 eröffnete Hotel „Fürst zu Stolberg“ (nach 1946 „Heinrich Heine“) von einem Luxushotel mit wertvollem Silberbesteck, in dem sich zahlreiche Prominente, ja 1936 selbst die ehemalige Königin der Niederlande, Juliane von Oranien-Nassau und ihr aus Deutschland stammender Prinzgemahl Bernhard zur Lippe-Biesterfeld (1909 bzw. 1911-2004) erholten. Auch der frühere Reichsmarschall und spätere Reichspräsident, Paul von Hindenburg, soll hier in den 20er Jahren ab und zu das beste Apartment des Hauses reserviert haben.

Hotel "Heinrich Heine" (Foto: Autor)
1939 wurde das Hotel von einer Kieler Schiffbaufirma mit Holzintarsien, Holzsäulen und Vertäfelungen ausgestattet. Hatte es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einen Sonderstatus, so setzte sich dieser auch zu DDR-Zeiten auf ganz spezifische Weise fort. In den „Daunenkissen“ von Hindenburgs „prächtigen Apartments“ schlief laut Spiegel nun u.a. der DDR-Präsident Wilhelm Pieck. Die Wende indes überlebte das „Heine“ nur wenige Jahre. Seit 1996 ist das architektonisch wohl schönste und größte Gebäude Schierkes ungenutzt. Und noch schlimmer: Wie einst der Luxus-Liner Titanic, steht das denkmalgeschützte, ehemalige Hotel Heinrich Heine vor dem Untergang. Sein Abriss wegen Baufälligkeit gilt als unvermeidlich.

Hans-Jörg Sauerzapfe führte das renommierte Haus von 1979 bis 1990. Mit dem Gespräch möchte der Autor dieses Buches an das einstige Aushängeschild der deutschen Hotellerie im Harz erinnern.

Während des zweiten Weltkrieges bis 1945 wurde das Hotel als Entbindungsheim genutzt. Anfang der 50er Jahre übernahm der DDR-Kulturbund das Haus. Daraus resultierte auch der Gästekreis, der vorrangig zur „künstlerischen Intelligenz“ gehörte. „Um 1959 ging das Hotel an das Reisebüro der DDR über. Aus dieser Zeit stammt auch ein Regierungsbeschluss zur „vorrangigen Versorgung der Intelligenz mit Ferienplätzen“.

Der Grund des Beschlusses: Durch die damaligen offenen Grenzen verließen viele Bürger u.a. mit der Begründung das Land, die DDR sei mit Urlaubsplätzen mangelhaft versorgt. Dem wollte man mit den Reisebüro-Hotels entgegen wirken. Rund 500 schriftliche Absagen hätten monatlich allein für das Heinrich-Heine-Hotel ausgestellt werden müssen. Wer aber das Glück hatte, einen der begehrten Reiseschecks zu ergattern, beantragte nun noch den unabdingbaren Passierschein für das Sperrgebiet bei der jeweiligen Abteilung Pass- und Meldewesen. War auch diese Hürde genommen, stand einem Urlaub im „feudalen Luxushotel“ (Spiegel) nichts mehr entgegen.

Hans-Jörg Sauerzapfe (geboren am 01.03.1945 in Lutherstadt Eisleben) absolvierte dort, nach dem Abitur, von 1963 bis 1966 seine Lehre als Koch und Kellner. „Ich wollte unbedingt in ein renommiertes Haus und strebte die höhere Leitungsebene an. Die Interhotels gab es noch nicht und Schierke hatte traditionell einen hervorragenden Ruf als Erholungsort“, begründet er. Parallel zu seiner Lehrzeit studierte er bis 1967 an der Fachschule für das Gaststätten- und Hotelwesen Leipzig und schloss dieses als „Ökonom für das Hotel- und Gaststättenwesen“ (heute „Hotel-Betriebswirt“) ab.

1968 begann die letzte große Rekonstruktion des Hotels. Danach verfügten 80 Prozent der Zimmer über Innentoiletten, Bad bzw. Dusche und zwei Waschbecken. Im gleichen Jahr verließ mein Gesprächspartner Schierke und übernahm verschiedene Leitungsfunktionen bei der Vereinigung Interhotel in Berlin.

Ausgestattet mit umfangreichen Leitungserfahrungen in der Gastronomie und Hotellerie kehrte Hans-Jörg Sauerzapfe 1976 auf Wunsch des damaligen Direktors des Hotels Heinrich Heine, Erwin Heidbrink, an seine ursprüngliche Wirkungsstätte in den Oberharz zurück. „Mein Vorgänger plante bereits seinen Eintritt in den Ruhestand und wünschte sich einen nahtlosen Übergang. Und ich sehnte mich in meine Heimat zurück”, erklärt mein Gesprächspartner seinen Wechsel nach Schierke, der 1979 schließlich mit der Übernahme des Direktorenpostens verbunden war.

Eines der renommiertesten Hotels der DDR

Die Qualitätsstandards im Heine zu DDR-Zeiten hätten, so Hans-Jörg Sauerzapfe, denen eines gehobenen Vier-Sterne-Hotels im Westen entsprochen. Für ein Doppelzimmer waren 80 Mark zu zahlen und für ein Apartment sogar 120 Mark. „Das konnte sich der einfache Werktätige nicht leisten“, sagt er. Bei der Anmeldung an der Rezeption erhielt jeder Gast bis in die 70er Jahre hinein pro Tag zudem Wertmarken für Speisen in Höhe von 15 Mark. Bei der auch für DDR-Verhältnisse relativ teuren Preisstufe S reichte dies aber oft nicht zum Bezahlen aus. Dafür, sowie für Getränke, mussten die Hausgäste gesondert aufkommen. An diese erinnert sich Hans-Jörg Sauerzapfe übrigens ausgesprochen gern.

„Viele blieben 14 Tage und manche sogar 30. Ihre Bindung an das Heine war oft so groß, dass rund 30 Prozent der Gäste ihren Urlaub über Jahrzehnte regelmäßig hier verbrachten, - und das am liebsten in ihrem angestammten Zimmer“, sagt er. Manche Paare brachten ihre Kinder mit, die dann nicht selten im Heine auch ihre späteren Ehepartner kennenlernten. Der familiäre Charakter des Hotels wird auch daran deutlich, dass die Zimmermädchen meist sehr gut über die besonderen Wünsche ihrer Gäste informiert waren und sich große Mühe gaben, diese auch bei deren nächstem Urlaub wieder zu berücksichtigen. „Unser Hauptanliegen war es, den Standard zu halten und zu verbessern, was unter den damaligen Verhältnissen nicht einfach war“, sagt Hans-Jörg Sauerzapfe.

Ganz in diesem Sinne konnte er über ein kleines Kontingent von Urlaubsplätzen frei verfügen: „Ich vergab diese begehrten Plätze bevorzugt an Gäste, von denen ich wusste, dass sie dem Haus auf Grund ihrer Möglichkeiten etwas Gutes tun konnten“, erklärt er.
Wer es, wie auch immer in das Heine geschafft hatte, der freute sich nach einer Tageswanderung in erfrischender Harzer Höhenluft zumeist auf die gemütlichen Abende im legendären Dachsbau, der gediegenen, mit viel Holz, Bleiglas und Wandmalereien, (mit Motiven der Harzreise von Heinrich Heine) ausgestatteten Kellerbar, in der an sechs Wochentagen Livemusik selbstverständlich war. Beliebt sei der Dachsbau aber nicht nur bei den Hausgästen gewesen. Für Grenzsoldaten habe es kaum einen schöneren Ausgang gegeben, als jenen mit einem Mädchen ins abendliche Heinrich-Heine-Hotel.

Dem gehobenen Komfort des Schierker Hauses wurde natürlich auch die Speisekarte gerecht: Wild aus den Harzer Wäldern, Forellen aus den Harzer Bächen aber auch viele andere, sonst in der DDR nur selten erhältliche Gerichte, erfreuten die Gaumen der Heine-Urlauber. Dass unter ihnen auch in den 70er und 80er Jahren noch prominente Vertreter waren, entspricht der Tradition des Hauses: Hans-Jörg Sauerzapfe nennt u.a. Willy Schwabe, Peter Przybylski („Der Staatsanwalt hat das Wort“), die Professoren Friedrich Karl-Kaul (Jurist), Kurt Sanderling (Chefdirigent Berliner Sinfonieorchester) sowie Karl-Eduard von Schnitzler („Der Schwarze Kanal“).

SED-Mitglieder, die übrigens am ersten Tag ihres Aufenthalts noch mit Parteiabzeichen am Revers im Restaurant erschienen seien, hätten dieses spätestens am zweiten Tag abgelegt. „Das Abzeichen entsprach nicht dem Stil des Hauses“, schmunzelt mein Gesprächspartner, der jedoch selbst der Partei angehörte. „Das war Bedingung für den Job“, sagt er.

Der Niedergang der „Schierker Titanic“

Der Komfort des Reisebüro-Hotels Heinrich Heine mit seinen 170 Betten in acht Kategorien hatte sich bis 1989 als Segen entpuppt. Die Wende jedoch und die mit ihr kommenden wirtschaftliche Neuordnung führte trotzdem zum Untergang der „Schierker Titanic“. „Die Monate zwischen Maueröffnung und Währungsunion gehören zu den schlimmsten, die ich als Hoteldirektor erlebt habe“, sagt Hans-Jörg Sauerzapfe. Denn der Neugiertourismus, wie er ihn nennt, spülte nicht nur die bisher ausgesperrten Noch-DDR-Bürger nach Schierke und in das Hotel, sondern auch tausende Westdeutsche, die begannen, die für ihre Geldbörse bedeutungslosen Speisekarten rauf und runter zu essen. „Sie tauschten schwarz 1:5 und bevölkerten unsere 800 Restaurantplätze. Unsere Preise waren festgeschrieben. Bis zur Währungsunion durften wir sie nicht erhöhen“, denkt der frühere Hoteldirektor zurück. Zugleich aber brachten die westdeutschen Tagestouristen und Urlauber bedeutend höhere Ansprüche mit. „Sie bemängelten zum Beispiel das Vorherrschen von Spülkästen mit Strippe auf den Zimmern und das Fehlen von modernen Mischbatterien. Vor allem aber gaben sie sich nicht die Mühe, die Hintergründe für das, was sie vorfanden, zu hinterfragen“, sagt er.

Mit der Einführung der D-Mark nahm die Zahl der Gäste dramatisch ab. Die Livemusik im Dachsbau und zum nachmittäglichen Kaffee wurde schnell unbezahlbar. Im sonst übervölkerten Dachsbau saßen oftmals nur noch 30 Menschen, statt 180.

Das altehrwürdige Hotel wurde 1993 vom der Treuhand an eine Eigentumsgesellschaft („Ressort-Hotel“) verkauft. Betreibergesellschaft wurden die „Travel-Charme-Hotels“ (Nachfolger DDR-Reisebüro). Da letztere aber praktisch ausschließlich in Fünfsterne-Häuser investiert, fiel das Heinrich-Heine-Hotel durch das Raster. Es habe kein Interesse an einer Sanierung bestanden, was wohl auch daran gelegen habe, dass sich ganz Schierke auf DDR-Niveau befand: „Zu einem Fünf-Sterne-Haus gehört eine Fünf-Sterne-Infrastruktur im Umfeld“, sagt Hans-Jörg Sauerzapfe. In diesem Sinne wurde das traditionsreiche Haus ironischerweise nicht nur ein Opfer der Wende, sondern indirekt auch ein spätes Opfer der DDR mit all ihren technischen Unzulänglichkeiten.

Zum 95. Geburtstag des Hotels im Jahre 1993 organisierte der Nachfolger von Hans-Jörg Sauerzapfe ein Treffen aller aktuellen und früheren Mitarbeiter. Eine Ausstellung informierte über die wechselvolle Geschichte des einstigen „Fürst zu Stolberg“. 1996 schloss das beste Hotel Schierkes für immer seine Türen. Ein spanischer Investor entpuppte sich später als Luftnummer. Nicht eine müde Mark hatte er für die einstige Urlaubs-Residenz von Königin Juliane übrig. Im Jahr seines 100. Geburtstages, 1998, fielen die ersten Putzbrocken von den Wänden.

Den Verfall des vom Spiegel einst als feudal bezeichneten Hotels kann man sich im Internet anschauen. Diverse Höhlenforscher haben die Schierker Titanic immer mal wieder heimgesucht und sich an der einst noblen Inneneinrichtung der Zimmer zu schaffen gemacht: vielleicht auch am echten, weiß-goldenen. Chippendale-Schlafzimmer au der Suite, dem einst teuersten, was das Heine zu bieten hatte. Einzelne Außenwände sind bereits in sich zusammengefallen.

Hans-Jörg Sauerzapfe resümiert: „Zu DDR-Zeiten machte das Heine stets Gewinn – ohne öffentliche Zuschüsse, während die vielen FDGB-Heime massiv gestützt wurden. Die Zeit dieses Hotels mit seiner überdimensionierten Gastronomie war unter den neuen, marktwirtschaftlichen Bedingungen vorbei. Leider hat man die Chance, das traditionsreiche Hotel durch entsprechende Umstrukturierung wirtschaftlich zu betreiben, nicht genutzt.“

Am 3.11.2012 erschien in der Volksstimme eine Anzeige des Amtsgerichtes Wernigerode. Ihr Inhalt: Ein Termin für die Versteigerung des „ehemaligen Hotels ‚Heinrich Heine‘…im Wege der Zwangsvollstreckung…; Befall mit echtem Hausschwamm, nicht sanierungsfähig; baufällige Nebengebäude…
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