tv nt eic kyf msh nnz uhz
Mi, 06:42 Uhr
19.10.2011

Menschenbilder (22)

Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Oberrat a.D. Helmut „Max“ Zinke

Ehemaliger Leiter des Munitionsbergungsdienstes Erfurt
Ehrenbürger der Stadt Nordhausen
Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und zahlreicher weiterer Auszeichnungen


80. Geburtstag (Foto: nnz) 80. Geburtstag (Foto: nnz)
Oberbürgermeisterin Barbara Rinke gratuliert Helmut Zinke im vergangenen Jahr zu seinem 80. Geburtstag

„Warum macht ihr das nicht weg?“ – Eine Frage ist das, die sofort eine weitere aufwirft. Denn worauf bezieht sie sich? Helmut Zinke hörte sie von Menschen nach einem der dramatischsten Ereignisse ihres und auch seines Lebens. Es sollte das Lebens des Erfurters für Jahrzehnte bestimmen: Vor ihm lagen fünf tote Kinder, zerfetzt durch eine Granate, die sie in der Nähe eines Dorfes bei Gotha gefunden hatten.

Ausgesprochen wurde die Frage von traumatisierten Anwohnern und für den am 20.08.1930 in Dippach in Westthüringen geborenen späteren Leiter des Munitionsbergungsdienstes Erfurt wurde sie zugleich zum Schlüsselerlebnis: Damals, Anfang der 50-er Jahre, war Helmut Zinke mit einem Sprengmeister zum Ort des Grauens gerufen worden, während einer Zeit, als er noch nicht genau wusste, wie sein weiteres Leben verlaufen sollte. „Menschen zu helfen und Menschen zu schützen, diese toten Kinder bestimmten von nun an meine ganz persönliche Motivation. Von diesem Tage an wusste ich, was ich in meinem Leben erreichen wollte“, sagt er.

Mit der rhetorischen Frage: „Wer soll das denn wegmachen, wenn nicht wir?“ hatte sein Chef damals den Anwohnern geantwortet und er richtete sie zugleich an seinen Lehrling Helmut Zinke, der in diesem Moment eine Entscheidung traf.

Fast vierzig Jahre später entschärfte der mittlerweile hochgeehrte Spezialist seine 800. Bombe. – Und wenn seine Ehefrau Christa ihm das Versprechen nicht abgerungen hätte, danach aufzuhören, so wäre diese Bombe wohl nicht seine letzte gewesen. Ein Unfall in Melsungen, bei dem während der Wendezeit zwei ihm bekannte Sprengmeister ums Leben kamen, zeigte ausgerechnet in diesen Tagen seiner Entscheidung besonders drastisch, dass der Tod ein ständiger Begleiter ihrer Arbeit war uns ist.

Als am im Umbau befindlichen Erfurter Flughafen im Jahre 1989 gleich acht scharfe Bomben auf ihre Entschärfer warteten, hatte Helmut Zinke gerade 798 auf seinem Konto. „Ich entfernte nur noch von zwei Blindgängern die Zünder und überließ die anderen sechs meinen Kollegen. Ich hatte Christa mein Wort gegeben und daran hielt ich mich“, erklärt er. Übrigens sind in diese Statistik tatsächlich ausschließlich entschärfte Bomben eingegangen: „Nur auf der Bombe herumsitzen, reichte nicht!“, lacht der frühere Sprengmeister.

Während seiner gefährlichen Arbeit war er meist die Ruhe in Person: „Je aufgeregter die Menschen um mich herum an den Einsatzorten waren, um so gelassener wurde ich“, sagt er. Auch mit schlaflosen Nächten habe er keine Probleme gehabt. Lediglich in den ersten Jahren sei er noch manchmal mit Albträumen aus dem Schlaf geschreckt.

Sein erstes unmittelbares Erlebnis mit dem Krieg und mit dem, was sein Leben später bestimmen sollte, hatte Helmut Zinke an einem trüben Dezembertag des Jahres 1944. „Wegen eines Bombenalarms wurden wir von unseren Lehrern früh um Neun wieder nach Hause geschickt. Ich sah auf dem Heimweg die so genannten Christbäume, die den feindlichen Piloten die Zielgebiete markierten und musste den bald darauf folgenden Abwurf unmittelbar miterleben. Durch die nahen Einschläge zog es mir den Boden unter den Füßen weg und ich kullerte einen Bahndamm hinunter“, erinnert er sich. Bomben waren seinem Verständnis nach schon damals „ganz gefährliche Vernichtungswaffen“. In Dippach führte der Angriff zu Toten und Verletzten. Häftlinge aus dem KZ Buchenwald karrten die Nazis zum Beseitigen der Schäden heran.

Helmut Zinke wuchs als Sohn des Bergmannes Willy Zinke und der Hausfrau Luise Zinke auf und sollte auf Betreiben seines Lehrers, eines ehemaligen Militärs, die Seekadettenschule mit dem Ziel Berufsoffizier besuchen, was aber seinen persönlichen Vorstellungen eher weniger entsprach. Das Kriegsende verhinderte endgültig den vorgezeichneten Weg. Dennoch wurde er in den letzten Kriegstagen als 14-jähriger noch dem Volkssturm zugeteilt und an der Panzerfaust ausgebildet. „Nach sieben Tagen im Krieg war dieser für mich glücklicherweise schon wieder vorbei“, sagt er. Die Rote Armee verpflichtete ihn zunächst zum Abbau verbliebener Maschinen als Reparationsleistung. Dabei schleppte er auch noch verpackte, nicht mehr zur Anwendung gekommene Granaten.

Von 1948 bis 1950 absolvierte Helmut Zinke eine Ausbildung zum Brauer in Berka/Werra und erkrankte anschließend an Tuberkulose, an der drei Jahre zuvor bereits sein einziger Bruder Hubert im Alter von 21 Jahren verstorben war. Die Suche nach einer Tätigkeit an der frischen Luft sollte ihm helfen, die Folgen der Infektion positiv zu beeinflussen. So verschlug es ihn zunächst in einem Kalibetrieb nach Springen bei Dorndorf an der Werra – und möglicherweise wäre er dort noch für viele Jahre geblieben.

Doch dann war da diese Bombe, die bei einem Nachbarn im heimischen Dippach gefunden wurde. „Ich war neugierig und radelte hin, um sie mir anzusehen“, denkt er zurück. Als er ankam, war sie bereits entschärft. Deswegen wohl etwas enttäuscht, fragte Helmut Zinke den verantwortlichen Sprengmeister Albin Diebler, ob es vielleicht „noch mehr solche Dinger gäbe“. Dieser hoffte auf ein gesteigertes Interesse des jungen Mannes an seiner Arbeit und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, bei ihm anzufangen. „Eigentlich erschien mir die Entschärferei viel zu gefährlich, aber das Sprengpersonal erhielt ‚Lebensmittelkarten für Schwerstarbeiter‘, was in einer Zeit, wo an Lebensmitteln großer Mangel herrschte, ein schlagendes Argument war“, sagt er.

„Aber ich plante, diese Arbeit keinesfalls länger als ein halbes Jahr zu machen.“ Unfälle mit Blindgängern waren in den ersten Nachkriegsjahren an der Tagesordnung. Granaten zur Abwehr von Flugzeugen galten als besonders gefährlich. „Sie enthielten drei Zünder und konnten daher nicht entschärft werden. Viele Kinder und Jugendliche kamen durch diese Granaten ums Leben, weil sie sie sich in die Taschen steckten oder mit ihnen herumhantierten“, denkt er zurück.

Zunächst musste der junge Mann Hacke und Schaufel zum Ausgraben und Freilegen der Blindgänger mitbringen. Jede einzelne seiner Handlungen war mit dem Chef vor Ort, also mit seinem Sprengmeister, abzusprechen. Den ersten Einsatz als Sprengarbeiter hatte Helmut Zinke in Berka / Werra, wo er rund 100 36-Pfund-Wurf-Granaten aufstapeln musste. Aus voller Überzeugung wurde der spätere Spezialist als junger Mann Mitglied der SED. „Wir wollten, dass es nach dem Krieg endlich aufwärts geht. Alle sehnten sich nach einer besseren Welt. Und als ich sah, dass es tatsächlich vorwärts ging in der jungen DDR, war für mich der Weg in die Partei alternativlos“, erklärt er.

Gleich nach dem Krieg fielen die Entschärfungen in das Aufgabengebiet der Polizei. Der so genannte „Regiebetrieb Abrüstung Thüringen“ wurde gegründet und später der „Munitionsbergungsbetrieb Erfurt der BDVP (=Bezirksdirektion der Volkspolizei)“ mit Sitz in Weimar. Mit der Gründung des Bezirkes Erfurt erhielt die Behörde, nunmehr als „Munitionsbergungsdienst der BDVP““ ihre Zentrale in der Bezirkshauptstadt.

Ihr Verantwortungsbereich erstreckte sich über das Territorium des heutigen Freistaates Thüringen. In der DDR verrichteten nach seiner Auskunft insgesamt fünf Munitionsbergungsdienste ihre gefahrvolle Arbeit. Im Munitionsbergungsdienst Erfurt standen 110 Menschen in Lohn und Brot, deren Brigaden über den gesamten Bezirk verteilt waren.

Das eingangs beschriebene Erlebnis der fünf von einer Granate getöteten Kinder ließen Helmut Zinke schließlich aus dem ursprünglich geplanten halben Jahr als Sprengarbeiter rund 40 Jahre werden, den größten Teil davon als Vorgesetzter aller auf diesem Gebiet im Bezirk Tätigen (ab 1962), also als Leiter des Munitionsbergungsdienstes Erfurt. Eine besondere Förderung erfuhr er während der ersten Jahre durch seinen damaligen Chef und Lehrer, den Sprengmeister Albin Diebler, der ihn, wie er sagt, überall mit hinnahm und mit dem gemeinsam er auch zum Ort der Tragödie mit den fünf toten Kindern gerufen worden war. Zusammen nahmen sie auch an der Trauerfeier für die Verstorbenen teil.

1955 legte Helmut Zinke seine Sprengmeisterprüfung ab, wobei die Verinnerlichung des ständig anzueignenden neuen Wissens aller zwei Jahre im Rahmen einer weiteren Prüfung bestätigt zu werden hatte. Und als Sprengmeister konnte und durfte man nie auslernen: „Es gibt allein 1.528 verschiedene Aufschlagzünder. Alle in und auswendig zu kennen, war schwierig. Meist reichte es, die 40 gefährlichsten im Kopf zu haben“, sagt er.

Auch gab es große und unbedingt zu beachtende Unterschiede zwischen englischen, amerikanischen und deutschen Bomben. Und ausgerechnet eine auf deutschem Boden sehr selten zu findende deutsche Bombe bei Mühlhausen war es, die dem Spezialisten kurzzeitig in Todesangst versetzen sollte, das einzige Mal übrigens während all der Jahre.

Meist hätten Jagdflugzeuge vom Typ Me 109 derartige Bomben auf amerikanische Stellungen abgeworfen. „Ja, das einzige Mal in meinem Berufsleben war ich mir nicht so sicher wie sonst, dass es gut ausgeht“, sagt er. Die wahre Identität der Vier- bis Fünf-Zentner-Bombe, die vor einer Kneipe entdeckt worden war, erkannte er erst während der Entschärfung, konkret beim Herausdrehen des Zünders. „Die amerikanischen Bomben hatten einen so genannten Kopfzünder, während die deutschen einen allseitigen Aufschlagzünder hatten. Einige Subtypen des damals vor mir liegenden Blindgängers verfügten zudem über eine Ausbausperre. Beim Herausziehen des Zünders berührten sich in ihrem Inneren zwei Drähte, die die Explosion auslösten. Ob aber eine solche Ausbausperre vorhanden war, konnte ich von außen nicht erkennen. Ich hätte den Zünder gerade auf Grund dieser Unsicherheit nicht herausziehen dürfen – und tat es trotzdem. Ich schloss die Augen und dachte: Jetzt muss es passieren. Wie die Sache ausging, sehen Sie gerade vor sich“, schmunzelt er.

Auf Thüringer Gebiet habe es nur wenige Kampfhandlungen gegeben, aber dafür umso mehr Munitionslager. Die Zahl der Granaten, die der Munitionsbergungsdienst Erfurt in den Jahren der DDR unschädlich machte, ging in die Hunderttausende. Allein in Ohrdruf seien es 3.000 gewesen. Und es gab noch andere Sonderaufgaben: Bei Creuzburg zum Beispiel galt es ein Minenfeld an einer früheren Panzersperre zu analysieren, auszugraben und zu beseitigen.

Dass Helmut Zinke Jahrzehntelang nie auf die Idee kam, aufzuhören, hatte u.a. auch mit den ausgesprochen hohen Anforderungen auf dem Gebiet des Arbeitsschutzes zu tun. „Die Anforderungen wurden immer weiter verschärft und unsere Ausrüstung verbessert. Das gab einem schon ein gewisses Gefühl der Sicherheit“, erklärt er. Neben hochwertiger Arbeitsschutzbekleidung gehörten spezielle Werkzeuge und Autos zur üblichen Ausstattung der Sprengmeister und Sprengarbeiter.

Eine zentrale Bedeutung kam auch den Sprengplätzen für nicht zu entschärfende Bomben zu. Den Sprengplatz für den Munitionsbergungsdienst Erfurt hatte Helmut Zinke während der 60-er Jahre in der Nähe Wernrode etabliert.

Als einziger Angehöriger des MBD trug Helmut Zinke eine Uniform, und zwar die eines Offiziers der Volkspolizei, zuerst als Oberleutnant, die längste Zeit als Hauptmann und schließlich als Oberstleutnant. Die Uniform trug er stets auch bei den Entschärfungen. Das war Vorschrift. „Mein Mann hat mir in seiner Uniform gefallen. Sie stand ihm wirklich gut“, sagt Christa Zinke, während ihr Mann einräumt, dass er sie eigentlich nicht so gern trug. In den Ruhestand ging er als Oberrat a.D..

Das Aufgabenspektrum des Munitionsbergungsdienstes umfasste in erster Linie die Bergung und Vernichtung von Fundmunition – von der Gewehrpatrone bis hin zur 40-Zentner-Luftmine. Von letzterer hat Helmut Zinke während seines Berufslebens fünf entschärft. Zu den Betätigungsfeldern der Sprengmeister gehörten aber auch Vorkommnisse so genannter Gewaltandrohung, wie z.B. verdächtige, abgestellte Koffer oder scharfe Brandsätze in Scheunen.

So musste Helmut Zinke u.a. auch den selbstgebauten Sprengsatz eines „Grenzverletzers“ unschädlich machen. Der Betreffende wollte sich mit seiner Hilfe einen gangbaren Weg durch die Sperranlagen bahnen. Eine weitere Bombe der Marke Eigenbau lag in einem Schließfach des Erfurter Hauptbahnhofes. Dass es eine mit Munition und Biergläsern gefüllte Kiste enthielt, die im Falle einer Explosion gewiss zu vielen Verletzten geführt hätte, mag so gar nicht in das übliche Bild der DDR von einem funktionierenden Überwachungsstaat passen.

Zusätzlich fielen auch die in den Bezirken Magdeburg, Dresden und Erfurt aufgefundenen chemischen Kampfstoffe in die Zuständigkeit des Thüringer Munitionsbergungsdienstes. „Chemiewaffen gab es viel mehr, als die meisten Menschen glauben. Aber da sie im Zweiten Weltkrieg nicht zum Einsatz kamen, waren die Vorräte entsprechend groß“, so Helmut Zinke, der auch für deren Entschärfung und Beseitigung verantwortlich war.

Seit 40 Jahren ist Helmut Zinke glücklich mit seiner Frau Christa verheiratet. Sie war selbst Mitarbeiterin des Munitionsbergungsdienstes, allerdings an einer weniger gefährlichen Stelle, als ihr Mann. Sie kannte logischerweise seine Arbeit und sie wusste daher, worauf sie sich einließ, als sie sich für ein Leben mit ihm entschied. „Wenn er zu einer Entschärfung ging, hat er es mir immer gesagt“, denkt sie zurück.

Ein einziges Mal traute sie sich gemeinsam mit ihrem Sohn zu einem so genannten Führungspunkt, mit dem er während einer Entschärfung über Funk verbunden war und dem gegenüber er jeden einzelnen Arbeitsgang ankündigen und dessen ordnungsgemäße Durchführung bestätigen musste. „Ich habe seinen Atem gehört und jedes seiner Worte. Das hat mir, auch wenn es eigenartig klingt, für immer gereicht“, sagt sie und man merkt ihr die innere Erregung bei diesem Satz an.

Hatte Helmut Zinke die Entschärfung hinter sich gebracht, wurde erst das örtliche Volkspolizei-Kreisamt verständigt, das seinerseits die BDVP informierte. Von dort erfuhr seine Frau dann, dass der Einsatz erfolgreich verlaufen war.

Mit der Stadt Nordhausen verbinden Helmut Zinke seit Beginn seiner Tätigkeit als Sprengmeister besondere Beziehungen: Denn allein hier entschärfte er 246 Bomben. Da er auf Grund dieser Zahl sehr oft in der Rolandstadt weilte, entstanden zahlreiche freundschaftliche Beziehungen. „Ich habe nach einer Entschärfung oft noch mit den Stadträten in entspannter Atmosphäre zusammengesessen“, denkt er zurück. Im Jahre 1969 würdigte Nordhausen die selbstlosen Leistungen Helmut Zinke für ihr Wohl und das ihrer Bewohner mit der Ernennung zum Ehrenbürger. Diese besondere Auszeichnung wurde ihm 1966 übrigens auch in seinem Geburtsort Dippach zuteil.

Von der Stadt Weimar erhielt er 1976 die Ehrengabe und von der Stadt Pößneck 1985 den Ehrenpreis. Außerdem wurden ihm der nur sehr selten vergebene Titel „Held der Arbeit“, der Vaterländische Verdienstorden in Bronze und 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Insgesamt sind es 45 Orden, mit denen Helmut Zinke seine Uniform schmücken konnte. Viel Dankbarkeit erfährt er bis heute auch von den Bürgern jener Städte und Dörfer in denen er tätig war. Auch heute noch bringen sie dies ihm gegenüber zum Ausdruck, wenn er seine früheren, gefahrvollen Einsatzorte gelegentlich zu meist freudvolleren Anlässen als damals besucht.

Für Nordhausen rechnet der Sprengmeister übrigens noch mit sage und schreibe bis zu 700 (Siebenhundert !) nicht entdeckten Blindgängern.

Doch nicht nur in der DDR fühlt man sich dem Erfurter zu tiefem Dank verpflichtet. So nahm er 1974 an einem Projekt der sozialistischen Hilfe im Rahmen eines so genannten Internationalisten-Camps in Vietnam teil, wo er den von der US-Invasion gebeutelten Einwohnern das Entschärfen von Bomben und Granaten beibrachte: „Ich bin noch heute ganz ehrlich stolz auf die weltweite Solidarität mit Vietnam im Allgemeinen und auf unsere Hilfe im Besonderen und ich war mir sicher, dass dieses Land mit der Macht all der vielen Helfer nicht untergehen würde“, betont er. Trotz der für ihn unvergesslichen Wochen in dem südostasiatischen Land, sehnte er sich schließlich doch nach Hause.

Für Christa Zinke zählen die vielen Wochen seiner Tätigkeit im von der US-Aggression heimgesuchten Vietnam zu den schlimmsten Erfahrungen überhaupt. „Ich hatte große Angst um ihn. Nur seine Briefe, die sehr lange unterwegs waren, sagten mir, dass es ihm gut ging“, erinnert sie sich. Ein damals in der DDR weilender Vietnamese bat sie später darum, sie möge doch ihren Mann wieder in seine Heimat zurückschicken, weil er den Menschen dort so sehr geholfen habe.

Doch die Tätigkeit des Munitionsbergungsdienstes beschränkte sich keineswegs auf die Entschärfung von Fundmunition. Helmut Zinke persönlich war z.B. in den Prozess der Neuvermessung der DDR-Staatsgrenze eingebunden. „Ich hatte dabei das nächste Umfeld der neu zu setzenden Grenzsteine nach Weltkriegsmunition abzusuchen. Da ich dabei um diese Punkte auch sprichwörtlich herumlaufen musste, befand ich mich oft für Sekunden auch auf westdeutschem Staatsgebiet – ohne Reisepass und in der Uniform eines Offiziers der DDR-Volkspolizei“, schmunzelt er.

Hinzu kam eine umfangreiche Bildungsarbeit, die Helmut Zinke ganz besonders ernst nahm: „Dass er u.a. so oft in die Öffentlichkeit, vor allem in Schulen ging, um den Menschen die Gefahren von Fundmunition und den richtigen Umgang mit ihr nahezubringen, macht mich ganz besonders stolz auf meinen Mann“, sagt Christa Zinke. Dieser machte sich zudem um mehrere technische Neuentwicklungen verdient, die für eine höhere Sicherheit der Sprengarbeiter bei ihrer Arbeit sorgten.

Dass in all den Jahren seiner Tätigkeit als Chef des Munitionsbergungsdienstes Erfurt kein tödlicher Unfall zu beklagen war, kann gewiss auf die regelmäßigen Schulungen der Mitarbeiter zurückgeführt werden. „Stets aktualisiertes technisches Wissen, Sicherheit und Arbeitsschutz waren die unabdingbaren Grundlagen für unsere Arbeit. Ich konnte sehr ungehalten werden, wenn ein Kollege fahrlässig mit Fundmunition umging“, bekräftigt Helmut Zinke, der übrigens einer von ganz wenigen Sprengmeistern in der DDR war, der auch über die entsprechenden Zertifikate für das Entschärfen von Bomben verfügte. Über viele Jahre hinweg, war er in den thüringischen Bezirken der einzige. Bis zur Wende hatte außer ihm noch ein weiterer Mitarbeiter diese Qualifikation. „Das Ministerium des Innern hat die Zahl dieser Sprengmeister bewusst niedrig gehalten, weil dies der Sicherheit bei den Entschärfungen diente“, sagt er.

Sehr oft interessierten sich die Medien für die Arbeit des Erfurter Sprengmeisters: Der Deutschlandsender berichtete z.B. in einer Sendung mit dem Titel „Zinkes Zünder“ über seine Tätigkeit. Unter den vielen Zeitungen, die sie thematisierten, sei hier nur ein ägyptisches Blatt erwähnt, die ihn ihren Lesern als „Director oft the bomb“ vorstellten.

Neben den bereits genannten Auszeichnungen hat der Erfurter kaum zählbare weitere verliehen bekommen. Sie füllen mehrere dicke Aktenkoffer: Hier nur eine ganz kleine Auswahl: Das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Ehrenurkunde der Bezirksleitung der SED, des Bezirksvorstandes des FDGB und des Rates des Bezirkes Erfurt, Medaille für ausgezeichnete Leistungen der BDVP, Aktivist der Sozialistischen Arbeit und viele andere mehr. Zwei ihm besonders wichtige Ehrungen haben wir als Kopie in diesem Text veröffentlicht.

Helmut Zinke erhielt für seine lebensgefährliche Arbeit keine Sondervergütung. Mit der Begründung einer zu großen Staatsnähe wurde ihm nach der Wende zudem die Rente gekürzt. Er musste klagen, um sich sam Ende 700 Euro mehr pro Monat zu erstreiten.

Dass man die Struktur des Munitionsbergungsdienstes und damit die Arbeitsplätze vieler Menschen im Jahre 1992 „einfach weggefegt“ hat, kann Helmut Zinke bis heute nicht verstehen. Zwar war er bereits 1990 nach einer 1986 diagnostizierten und später erfolgreich operierten Kehlkopferkrankung invalid geschrieben worden, aber dennoch nahm ihn der Untergang seiner Dienststelle innerlich mit.

Die Ängste seiner Mitarbeiter zur Wendezeit um ihre berufliche Existenz waren vielfach berechtigt. Überhaupt kann der Sprengmeister nur zum Teil verstehen, warum die DDR fast ausschließlich negativ beurteilt wird. „Wir selbst waren mit dem zufrieden, was es gab, und auch bei einem Urlaub in Schnepfenthal konnten wir uns hervorragend erholen“, sagt er.

Unbedingt erwähnt werden muss in einem Text über den Sprengmeister auch die Herkunft seines viel bekannteren Vornamens Max. „In meinem Heimatort gab es ein Pferd mit diesem Namen, das stärker war, als alle anderen. Weil man mich für ebenso stark hielt, gaben mir meine Mitschüler diesen Spitznamen. Auf dem Schulhof musste ich mich dann immer an einem Ring festhalten und mit den Beinen wie das Pferd Max auszuschlagen versuchen, während mich die anderen festhielten“, schmunzelt er.

Nach 40 Jahren sehen sich er und seine Frau noch immer als ein „herausragendes Team“. „Man kann sich auch noch nach so langer Zeit lieben und Achtung sowie Vertrauen füreinander empfinden“, bekräftigt Christa Zinke.

Für den Sohn Jörg (geboren 1964), gehörte die Arbeit seines Vaters zur selbstverständlichen Realität seiner Kindheit und seiner Jugend. Er ließ ihn in einer vor 70 Gästen verlesenen Laudatio wissen, dass er sehr stolz darauf war und ist, den berühmten Sprengmeister als Vater haben zu dürfen.

Besonders stolz ist das Paar auch auf seine beiden Enkelinnen Christiane (24) und Annekatrin (20). Sie überraschten ihren Großvater zu dessen 80. Geburtstag mit einer „Bombe“ aus schwarz gestrichenen Luftballons – mit einem brennenden Teelicht als Zünder.

Und Jörg Zinke schenkte dem Jubilar ein richtiges Feuerwerk, ja eigentlich ein ganzes Feuerwerksmenü: Angesichts des so großem zeitlichen Abstandes zu seiner Tätigkeit, konnte sich Helmut Zinke über das Knallen und Blitzen und über die kunstvollen Muster am Himmel nun aus tiefster Seele freuen.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnz

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
055

Cookies

Wir verwenden Cookies um die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren und geben hierzu Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an Partner weiter. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Impressum und der Datenschutzerklärung.
Cookies akzeptieren
nur technisch notwendige
Javascript muss aktiviert sein.