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Eritreer nehmen Stellung

Wir wollen in Frieden leben

Dienstag, 09. Februar 2016, 07:00 Uhr
Pauschalurteile, gerade in Sachen Flüchtlingspolitik, scheinen dieser Tage auf allen Seiten schnell zur Hand zu sein. Nach den Meldungen der letzten Woche wollen die im Landkreis lebenden Eritreer Stellung beziehen und sich gegen generelle Unterstellungen zur Wehr setzen. Die nnz hat sich angehört, was sie zu sagen haben...

Lutz Kurth und "seine Jungs" (Foto: nnz)

Es gibt Menschen, die halten sich an Recht und Ordnung, sind die meiste Zeit freundlich, aufgeschlossen, höflich, hilfsbereit, kurzum: das, was man allgemeinhin als "gut" bezeichnet. Und es gibt solche, die sind es nicht. Beide Sorten Menschen gab und gibt es in verschiedenen Variationen und Schattierungen von grau. Überall, zu jeder Zeit und auf jedem Flecken dieser Erde.

Eine ganze Gruppe Menschen pauschal für die Taten Einzelner zu verurteilen, unabhängig davon ob sie nun bewiesen sind oder nicht über die Mutmaßung hinauskommen, nennt man Sippenhaft oder Generalverdacht. Die moderne Welt hat dem, so sollte man meinen, abgeschworen und das aus gutem Grund. Dennoch scheint man gerade dieser Tage schnell dabei zu sein zu verallgemeinern, Vorurteile und Schubladen zu schaffen und Menschen an Oberflächlichkeiten zu messen und zu beurteilen.

Aktuell ist das auf allen Seiten des Spektrums in der Asylpolitik zu beobachten, zuletzt auch vor Ort im Fall des mutmaßlichen Überfalls auf dem Parkplatz einer Kaufhalle in Salza. Das Wörtchen "mutmaßlich" wird hier nicht aus stilistischen Gründen benutzt, sondern weil noch nicht bewiesen ist, was sich zugetragen hat oder ob überhaupt etwas geschehen ist.

Das herauszufinden ist Aufgabe der Polizei. Den flinken Finger an der Tastatur ficht das aber nur allzu oft nicht an. Die Leidtragenden sind, mutmaßlich unter anderem, diejenigen, die mancher nun mal schnell unter Generalverdacht stellt. Im Speziellen also die im Landkreis lebenden Eritreer, im allgemeinen die Flüchtlinge als solches.

Mehr als die Hälfte der Eritreer, insgesamt gut 40 Personen, lebt in der Gemeinschaftsunterkunft in der Robert-Blum-Straße, die restlichen gut 30 Menschen aus Eritrea verteilen sich auf die anderen Unterbringungen in Nordhausen. Eine überschaubare Menge. "Als sie von dem mutmaßlichen Überfall hörten, waren sie schockiert und höchst betroffen über die Vorwürfe, die nun im Raum stehen", erzählt Lutz Kurth der nnz.

Der Senior hat Anfang vergangenen Jahres eine Sportgruppe für Asylsuchende ins Leben gerufen und kennt seitdem insbesondere viele der Eritreer persönlich. Die Arbeit gleicht manchmal mehr der eines Integrationslotsen als der eines Sporttrainers. Neben dem Volleyball hilft Herr Kurth auch schon einmal außerhalb des Spielfeldes, wie etwa der Wohnungssuche und anderen Alltagsherausforderungen. Das gegenseitige Verständnis, der Umgang miteinander, das ist nicht immer leicht, das weiß der ältere Herr, es gibt Reibungspunkte, mal kleinere, mal größere. Eine Tat aber wie sie die Polizei gemeldet hat, das traut Kurth zumindest denjenigen, die er kennt, nicht zu, sagt er.

Und auch die Eritreer selbst verwahren sich gegen einen Generalverdacht, wollen sich zu den Mutmaßungen äußern. In einer gemeinsamen Erklärung schreiben sie:

"Wir, die Gemeinschaft eritreischer Flüchtlinge in Nordhausen, haben aus der Presse vom Raubüberfall auf eine Frau am Abend des 02.02.16 in Nordhausen-Salza erfahren. Dabei wurde in der Veröffentlichung der nnz online die Vermutung geäußert, dass es sich bei den zwei Tätern wahrscheinlich um Eritreer handelt. Wir eritreischen Flüchtlinge distanzieren uns von derartigen kriminellen Handlungen. Wir sind aus Eritrea geflohen, da wir dort politisch verfolgt wurden. In Nordhausen wurden wir freundlich aufgenommen. Wir haben viele Menschen getroffen, die uns helfen, uns in unserer neuen Heimat zurechtzufinden. Diesen Menschen sind wir sehr dankbar.

Wir bemühen uns intensiv, die deutsche Sprache zu erlernen und damit auch bessere Möglichkeiten für unsere Integration in die deutsche Gesellschaft zu schaffen. Die Hilfe und Unterstützung, die wir jetzt erhalten, möchten wir der deutschen Gesellschaft mit unserer späteren Arbeit zurückgeben. Kriminelle Handlungen durch Flüchtlinge wie zur Silvesternacht in Köln und anderen Städten oder auch wie vergangene Woche in Nordhausen verurteilen wir auf das Schärfste. Eine schnelle Ermittlung und Verurteilung der Täter halten wir für dringend erforderlich. Wir sind gern bereit, die Polizei bei der Aufklärung der Straftat zu unterstützen. Wir möchten in Frieden und Freundschaft mit den deutschen Menschen leben."


In ihrer Kultur hasse man Diebstahl, erklärte Tesfamichael Kieflemaviam, Flüchtling, vor rund eineinhalb Jahren nach Deutschland gekommen und heute Sprachvermittler in Ausbildung. Er ist schon etwas länger da, wie die meisten seiner Landsleute, zumindest länger als die Flüchtlingskrise in der offiziellen Lesart nun schon andauert. Nicht umsonst sind es vor allem die Eritreer, bei denen die Integrationsbemühungen in Form von Ausbildung und Praktika erste Früchte zu tragen scheinen. Sie hatten Zeit zu lernen und sich anzupassen.

"Wir wollen uns integrieren, wir wollen hier bleiben, hier leben und hier arbeiten", sagt Kieflemaviam der nnz, stellvertretend für seine Landsleute. Ob an den Vorkommnissen in Salza nun Eritreer beteiligt waren oder nicht - gute und böse Menschen gebe es in jeder Gesellschaft, meint er, man wolle als Gemeinschaft der Polizei gerne dabei helfen, den Sachverhalt schnellstmöglich aufzuklären.

Negative Erfahrungen aufgrund der Meldungen der letzten Woche hätten er und seine Landsleute bisher noch nicht gemacht, erzählt Kieflemaviam. Es ist eine kleine Ehrenrettung für die Nordhäuser. Zumindest für die im öffentlichen Raum. In der Anonymität der virtuellen Sphäre sieht das schnell anders aus.

Die Tendenz zur Verallgemeinerung, zu Sippenhaft und Generalverdacht, scheint ebenso universell wie das "schwarz/weiß/gut/böse" Denken, das sich in der Geschichte immer wieder Bahn bricht und sich auch dieser Tage gut beobachten lässt. Seien es nun pauschale Kategorisierungen als rechts, links oder als Flüchtling. Nicht jeder der auf einer Demo von "rechts" mitläuft ist automatisch ein Rassist, Faschist und/oder Nazi (was allerdings niemanden davon befreit sehr genau hinzuschauen hinter wem und hinter welcher Botschaft man da hinterher läuft). Und auf der anderen Seite ist nicht jeder Mensch, der einen anderen Teint hat ein Flüchtling. Nicht jeder Flüchtling ist kriminell oder aus niederen Motiven im Land. Die überwältigende Mehrheit ist nicht "böse", einige vielleicht schon. Das gilt für Menschen mit Migrationshintergrund ebenso wie für Einheimische.

Unschuldsvermutung und Toleranz haben ihren Platz in unserer Gesellschaft. Wohin es führen kann, wenn man diese Errungenschaften zu Gunsten von Verallgemeinerung, Pauschalurteilen und Sippenhaft aufgibt, kann man in Geschichtsbüchern nachlesen und zwar nicht nur in denen, die sich mit der deutschen Geschichte beschäftigen. Es täte dem allgemeinen Diskurs dieser Tage gut, sich immer mal wieder ein wenig Zeit zu lassen und Zeit zu gewähren. Zeit für sich selber zum nachzudenken anstatt aus Reflex loszutippen. Zeit für die Flüchtlinge sich zurecht zu finden in einem fremden Land. Zeit für die Polizei ihre Arbeit zu machen. Und unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen: nicht zu pauschalisieren.
Angelo Glashagel

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