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Mi, 10:05 Uhr
30.08.2006

Speers KZ

Nordhausen (nnz). Über 60 Jahre nach Kriegsende wird die Geschichte des KZ Mittelbau-Dora erstmals jenseits aller Verschleierung in einer umfassenden Ausstellung gezeigt. Die nnz gewährt einen Einblick in die Dokumentation des Grauens.


Speers KZ (Foto: nnz) Speers KZ (Foto: nnz) Im Harz, mitten in Deutschland, ließen die Nationalsozialisten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges einen gigantischen unterirdischen Rüstungskomplex errichten, um dort so genannte Vergeltungswaffen und Jagdflugzeuge zu produzieren, die eine Wende im bereits verlorenen Krieg bringen sollten. Als Zwangsarbeiter für den Bau und den Betrieb der unterirdischen Fabriken zogen sie über 60.000 Häftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora heran, dessen zahlreiche Lager sich über den gesamten Harz erstreckten.

An der Spitze des Unternehmens stand Rüstungsminister Albert Speer. In seinem Ministerium wurde die Produktion der „V2“-Rakete koordiniert, die von den deutschen Raketenspezialisten um Wernher von Braun entwickelt worden war. Speers Mitarbeiter schlugen vor, bei der Produktion der Fernrakete KZ-Häftlinge einzusetzen, die Raketeningenieure nahmen die Anregung dankbar auf, und seit dem Herbst 1943 mussten Häftlinge im unterirdischen „Mittelwerk“ im Harz V2-Raketen zusammenschrauben. Die Verlagerung der Raketenrüstung in Untertageanlagen hatte Speer zusammen mit Adolf Hitler und SS-Chef Himmler persönlich festgelegt.

Als im Frühjahr 1944 die alliierte Luftüberlegenheit immer erdrückender wurde, befahl Albert Speer, zusätzlich die Produktion von Jagdflugzeugen unter die Erde zu verlegen. Überall in Deutschland, vor allem aber im Harz, mussten KZ-Häftlinge nun neue Stollenanlagen für Flugzeugfabriken ausschachten. Zehntausende von KZ-Häftlingen starben beim Bau dieser Untertageanlagen, von denen kaum eine fertig gestellt wurde.

Hiervon erzählt die ständige Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, die am 10. September 2006 eröffnet wird. Auf der Grundlage von Fundstücken aus der Stollenanlage des Mittelwerkes sowie zahlreicher neu aufgefundener Quellen aus in- und ausländischen Archiven räumt die Ausstellung mit einer Reihe von Legenden auf, die sich bis heute zäh halten.

So hat es Albert Speer bis zu seinem Tod erfolgreich verstanden, seine Verantwortung für die im KZ Mittelbau-Dora begangenen Verbrechen zu leugnen und auf andere abzuwälzen. Dabei war er es an erster Stelle, der die Zwangsarbeit von KZ-Häftlinge in der deutschen Rüstungsindustrie vorantrieb. Auch die Raketeningenieure, die nach dem Krieg schillernde Karrieren in den USA und in der Sowjetunion machten, wiesen alle Verantwortung von sich. Stattdessen strickten sie erfolgreich an der Legende, ihr Ziel sei von Anfang an der Mondflug gewesen. Tatsächlich entwickelten sie jedoch Waffen, und für den Einsatz von KZ-Häftlingen im Mittelwerk und deren Behandlung waren sie direkt verantwortlich. Wernher von Braun etwa musterte persönlich im KZ Buchenwald Zwangsarbeiter für das Mittelwerk.

Nicht nur die Raketeningenieure präsentierten sich nach dem Krieg erfolgreich als unschuldige Technokraten. Auch die Rüstungsmanager, Bauingenieure und Architekten, die Speers Untertageanlagen im Harz planten und die Bauaufsicht auf den KZ-Baustellen ausübten, wurden nach dem Krieg nicht belangt. Unter ihnen waren bekannte Architekten wie Herbert Rimpl, der eng mit Speer zusammen arbeitete und bis heute als einer der renommiertesten Architekten des Wiederaufbaus in der Bundesrepublik gilt. Der Finanzfachmann für die KZ-Rüstungsprojekte im Harz war Karl-Maria Hettlage, Chef des Referates Wirtschaft und Finanzen im Speer-Ministerium und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Mittelwerk GmbH. Hettlage war nach dem Krieg lange Jahre Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und gilt als Vater der Finanzverfassung der Bundesrepublik.

„Davon haben wir nichts gewusst“ – das sagten nach dem Krieg nicht nur die Industriellen und Bauunternehmer, die von der KZ-Zwangsarbeit profitierten, sondern auch die Anwohner der Konzentrationslager. Auch mit dieser Legende räumt die neue Dauerausstellung in Nordhausen gründlich auf: Tatsächlich drangen die KZ mit der Gründung unzähliger Außenlager in der zweiten Kriegshälfte so weit in die deutsche Gesellschaft ein, dass von einer Trennung von Lagern und Umfeld kaum noch gesprochen werden konnte. Die Lager und die dort begangenen Verbrechen waren Bestandteil des Kriegsalltages der deutschen Bevölkerung. Dies zeigt sich am Beispiel des KZ Mittelbau-Dora besonders deutlich: In nahezu jeder Ortschaft des Südharzes gab es 1944/45 ein KZ-Außenlager.

Nach dem Krieg wurde der Harz durch die deutsch-deutsche Grenze getrennt. Doch auf keiner Seite des Zaunes wollte man sich aufrichtig an die KZ-Vergangenheit der Region erinnern. Im Westen überlagerte lange der Antikommunismus die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, und im Osten machte die SED-Regierung der Bevölkerung mit dem verordneten Antifaschismus ein Integrationsangebot, das viele gerne annahmen: Die DDR-Bevölkerung trug keine Verantwortung für die NS-Verbrechen, so propagierte die SED, denn die Mörder saßen ja im Westen. „Die Blutspur führt nach Bonn“, hieß denn auch die erste bescheidene Ausstellung, die 1966 im ehemaligen Krematorium des Lagers Dora eingerichtet wurde. Dass trotz des propagierten Antifaschismus der Unwille vorherrschte, das ehemalige Lager als Erinnerungsort zu pflegen, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass die Stollen des ehemaligen Mittelwerkes, deren Eingänge 1947 auf Anweisung der Sowjets gesprengt worden waren, bis Mitte der 1990er Jahre unzugänglich blieben. Und auf der Rampe des ehemaligen Lagerbahnhofes – dort, wo SS-Männer neu ankommende Häftlinge mit abgerichteten Hunden in Empfang nahmen – hatten lokale Behörden Anfang der 1980er Jahre einen Hundesportplatz eingerichtet.

61 Jahre nach Kriegsende wird mit der neuen Dauerausstellung nun erstmals der dichte Schleier über der Geschichte Mittelbau-Doras gelüftet, den die Verantwortlichen und Mitwisser in West und Ost nach dem Krieg ausgebreitet haben. Ermöglicht wurde dies durch Quellenfunde u.a. in amerikanischen und ehemals sowjetischen Archiven sowie durch die Überlassung von Fotos und Gegenständen, die ehemalige Häftlinge, aber auch Nachkommen von Tätern aus ihrem Privatbesitz zur Verfügung gestellt haben.

Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung ist mit der Eröffnung der neuen Ausstellung der letzte Schritt zur umfassenden und schlüssigen Erschließung der Geschichte am historischen Ort getan. Möglich wurde dies in der Trägerschaft der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora durch Mittel des Freistaates Thüringen und der Bundesregierung, die die Gedenkstätte im Jahr 2000 in ihre Gedenkstättenförderung aufnahm und damit die bundesweite und internationale Bedeutung der Gedenkstätte anerkannte.

Die Ausstellung wird am 10. September 2006 um 11.00 Uhr in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora eröffnet. Neben Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski und dem Thüringer Kultusminister Jens Goebel werden der Historiker Ulrich Herbert und der Niederländer Dick de Zeeuw sprechen, der als KZ-Häftling Zwangsarbeit in Peenemünde und Mittelbau-Dora leisten musste und später langjähriger Vorsitzender der Katholischen Volkspartei der Niederlande war.

Ab dem 10. September 2006 ist die Ausstellung täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Autor: nnz

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