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Mi, 09:00 Uhr
21.03.2018
nnz-Interview

So viel wie nötig, nicht so viel wie möglich

Seit zwölf Jahren ist Matthias Ehrhold Bürgermeister Ellrichs, demnächst stellt er sich erneut zur Wahl. Susanne Schedwill hat mit Ellrichs Bürgermeister über seine bisheringe Amtszeit, die drängendsten Probleme der kommenden Jahre, die Gebietsreform, den Gipsabbau und ein mögliches Biosphärenreservat sowie über seinen politischen Herausforderer gesprochen...

Sie haben die Wahl (Foto: ulleo/pixabay.com)
2015 konnten Sie sich noch vorstellen, in die Landespolitik zu gehen. Was hat Sie bewogen, Ihre Meinung zu ändern und ein drittes Mal für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren?

Matthias Ehrhold: 2015 und 2016 waren im Zuge der Flüchtlingskrise sehr intensive Jahre. 2015 bin ich auch Kreisvorsitzender der SPD geworden. Hinzu kommt, dass es in meinem privaten Leben in dieser Zeit Veränderungen gab. Ich bin deshalb zu der Überzeugung gekommen, dass landespolitische Verantwortung andere übernehmen können und sollen. Und ich gern noch einmal meine ganze Kraft für weitere sechs Jahre für die Stadt Ellrich einsetzen möchte.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer bisherigen Arbeit in den vergangenen zwölf Jahren?

Ehrhold: Das müssten Sie eigentlich die Bürgerinnen und Bürger fragen (lacht). Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich mich in den letzten zwölf Jahren vollumfänglich in meinem Job eingebracht habe, stellenweise bis an die Grenzen meiner Gesundheit. Gerade wenn es um die Schlüsselprojekte wie die Stützpunktfeuerwehr oder die Südharzhalle in Ellrich ging, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit dem, was ich erreicht habe, kann ich zufrieden sein. Ich konnte gemeinsam mit dem Stadtrat viel gestalten. Die überparteiliche Arbeit gelingt uns in Ellrich sehr gut. Darüber bin ich froh.

Was sind die dringendsten Probleme in der Einheitsgemeinde, die Sie in Ihrer dritten Amtszeit anpacken wollen?

Ehrhold: Den Brandschutzbedarf- und Entwicklungsplan, den wir 2006 ins Leben gerufen haben, will ich weiter fortschreiben und umsetzen. Wir sind noch immer die einzige Kommune im Kreis, die einen solchen Plan hat. Vorgesehen ist, dass in den nächsten sechs Jahren die Gerätehäuser in Appenrode, Gudersleben und in Sülzhayn saniert werden sollen. Werna soll außerdem ein neues Mannschaftstransportfahrzeug erhalten. Ob uns das alles gelingt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir leben derzeit in einer wirtschaftlich stabilen Situation. Das kann sich aber schnell wieder ändern. In Appenrode und Sülzhayn sind wir dran. Momentan wird sehr hitzig diskutiert, was können wir uns leisten und wer zuerst an der Reihe ist. Ich hoffe, dass wir wieder zu mehr Sachlichkeit zurückfinden. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.

Viele Straßen der Ellricher Innenstadt wie die Große Bahnhofstraße, die Goeckingstraße, die Salzstraße, und viele Wohngebietsstraßen sind in einem schlechten Zustand. Das habe ich auf dem Schirm. Sukzessive sollen diese Straßen in den kommenden Jahren gemeinwohlverträglich erneuert werden. Das heißt: Es soll so viel wie nötig, nicht so viel wie möglich investiert werden, um die Anwohner nicht über Gebühr zur Kasse bitten zu müssen.

In Sülzhayn sind wir in der Dorferneuerung. Jetzt gilt es, das vom Stadtrat einstimmig beschlossene Dorfentwicklungskonzept umzusetzen. Auch da gibt es kritische Stimmen. Sollte die Stadt die alte Turnhalle kaufen und sanieren? Ich sage deutlich Ja. Momentan sind wir Mieter beim Landkreis. Die Turnhalle ist nicht nur Grundvoraussetzung für einen neuen Feuerwehrstandort Sülzhayn, sondern soll auch den Vereinen als Veranstaltungs- und Sporthalle dienen. Wir erhalten eine 90-prozentige Förderung für das 1,2 Millionen Euro teure Vorhaben. Das ist eine sinnvolle Ausgabe.

Ein weiteres Anliegen ist es, Ellrich als Grundzentrum weiter zu stärken. Die Diskussion um die Gebietsreform ist zwar momentan abgeebbt. Aber egal welche Landesregierung wir 2019 bekommen, die Gebietsreform wird sicher wieder ein Thema. Voraussetzung für ein starkes Grundzentrum sind ein moderner Verwaltungssitz und eine effektiv arbeitende Verwaltung.

Matthias Ehrhold: "Mit dem, was ich erreicht habe, kann ich zufrieden sein" (Foto: Susanne Schedwill)
Sie halten also an der Idee für einen Rathausneubau am Markt fest?

Ehrhold: Wenn es finanziell und wirtschaftlich Sinn macht, halte ich daran fest. Die Frage ist doch die: Ist es sinnvoll und zielführend den alten Verwaltungssitz brandschutztechnisch und behindertengerecht zu ertüchtigen oder an einer anderen Stelle ganz neu zu bauen? Diese Vergleichsstudien laufen zurzeit. Es wird dann die Aufgabe des Stadtrates sein, Ende dieses, Anfang nächsten Jahres endgültig festzulegen, was kommen wird. Ich kann nur dafür werben, den Verwaltungssitz so modern zu gestalten, dass man im Zuge einer Gebietsreform an der Stadt Ellrich nicht vorbeikommt.

Sie haben die Gebietsreform angesprochen. Sind Sie eigentlich enttäuscht, dass weder Harztor noch Hohenstein mit Ellrich fusionieren wollte?

Ehrhold: Ich habe alles versucht, einen Partner für Ellrich zu finden. Zuletzt habe ich noch einmal das Gespräch mit Staatssekretär Uwe Höhn und Innenminister Maier gesucht. Ellrich wird als Grundzentrum bestehen bleiben, wenn auch mit weniger Einwohnern als gefordert. Wir sind gut aufgestellt. Und ob es in zehn, oder 15 Jahren eine starke Südharzgemeinde aus Ellrich und Harztor geben wird, wird sich zeigen. Die Entscheidung treffen dann aber andere. Enttäuscht bin ich eher von der jetzigen Landesregierung und auch von den vorhergehenden. Für die Gemeinde Hohenstein nimmt Ellrich seit Jahrzehnten die Funktion als Grundzentrum wahr. Es ist aber so, dass die Gemeinde Hohenstein seit mehr als zehn Jahren keine 3000 Einwohner mehr hat und demnach nicht mehr als eigenständige Kommune bestehen dürfte. Aber alle Landesregierungen haben diesen Umstand geduldet. Man hat auch geduldet, dass sich Hohenstein über Zweckvereinbarungen für Verwaltungsarbeiten nach Nordhausen orientiert hat. Ich werde die einstimmig getroffene Entscheidung des Gemeinderates, sich Nordhausen anschließen zu wollen, nicht anzweifeln. Ich habe das zu akzeptieren, obwohl die grundzentrale Funktion von Ellrich dadurch eher geschwächt wird.
Dass Ilfeld und Niedersachswerfen zu Harztor zusammengewachsen ist, ist sehr schön und gelungen. Aber auch hier hat die Landesregierung 2012 einen Grundstein gelegt, der nun nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Denn eigentlich wäre die Fusion schon damals nicht möglich gewesen, weil damit eine Schwächung des Mittelzentrums Nordhausen erfolgt ist.

Braucht der Südharz ein Biosphärenreservat? Wie ist Ihre persönliche Meinung…

Ehrhold: Ich habe immer gesagt, von mir gibt es kein klares Ja oder Nein. Ich will dem Moderationsprozess nicht vorgreifen. Wer mich von den Vorteilen überzeugt, der hat mit mir einen Verfechter für die Umsetzung eines solchen Reservates. Anderenfalls nicht. Momentan sehe ich ein Biosphärenreservat aber sehr, sehr kritisch. Vor allem vor dem Hintergrund, dass uns damals der Naturpark Südharz auch mit dem Versprechen verkauft worden ist, den Tourismus in der Region anzukurbeln. Doch der Naturpark hat für mich keinerlei solche Effekte gebracht. Dass der Tourismus nun durch das Biosphärenreservat einen Schub erhält, ist sicherlich zu einseitig betrachtet. Ich entscheide das auch nicht allein, sondern mein Stadtrat. Derzeit sehe ich in meinem Stadtrat eher Skepsis als Befürwortung. Im Nachgang des Moderationsprozesses kann ich mir für die Einheitsgemeinde eine Bürgerbefragung zum Biosphärenreservat vorstellen. Dann gilt es das umzusetzen, was die Menschen in der Region wollen.

Haben Sie denn konkrete Befürchtungen, was das Biosphärenreservat für Ellrich bedeuten würde?

Ehrhold: Meine Befürchtung ist, dass die Marke Biospärenreservat nicht dazu dienen soll, eine Entwicklung in der Region voranzubringen, sondern dass weitere Hürden für einen kontrollierten, möglichst naturverträglichen Gipsabbaus aufgestellt werden sollen.
Ein Biosphärenreservat bedeutet Be- und Einschränkungen, unabhängig davon, ob die Region finanziell mehr Mittel bekommt. Alle reden über die Kernzone. Viel wichtiger sind die Pflege- und Entwicklungszonen, die den Großteil des Reservates betreffen werden. Die Pflegezone wird rein verwaltungsrechtlich wie ein Naturschutzgebiet betrachtet und behandelt, die Entwicklungszonen wie ein Landschaftsschutzgebiet.

Anders als es die Umweltministerin Siegesmund im Januar sagte, gibt es halt doch eine Karte, die zeigt, wo das Reservat liegen könnte, den so genannenten "Suchraum". Die Naturschutzgebiete liegen demnach alle auf dem Gipskarstgürtel und die will sie umgesetzt wissen. Dann wären Woffleben und Gudersleben komplett von Naturschutzgebieten eingekreist. Ich habe Bedenken, dass eine uneingeschränkte Entwicklung dieser Ortsteile dann nicht mehr möglich sein und die kommunale Planungshoheit durch die Naturschutzgesetzgebung ausgehöhlt wird. Weitere Wohn- oder Gewerbegebiete auszuweisen, wäre dann beispielsweise nicht mehr ohne weiteres möglich.

Kommen wir zum Wahlkampf: Sind Sie enttäuscht, dass es mit dem CDU-Kandidaten Herrn Pasenow nur einen Gegenkandidaten gibt?

Ehrhold: Warum es nur einen Gegenkandidaten gibt, dafür könnte es mehrere Gründe geben. Beispielsweise ist Politiker momentan nicht wirklich der bestangesehenste Beruf in Deutschland. Anderenfalls ist es vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass ich meine Arbeit bisher ganz gut gemacht habe.

Ich bin jedenfalls froh, dass sich mit Herrn Pasenow ein weiterer Bewerber gefunden hat. Ich nehme Herrn Pasenow sehr ernst. Für ihn wird es sicher schwerer als für mich als Amtsinhaber. Die Entscheidung treffen aber letztendlich die Bürger. Sollten sich die Bürger gegen mich entscheiden, werde ich sicher enttäuscht sein. Aber wer sich zur Wahl stellt, der muss auch damit rechnen das er auch verlieren kann. Das ist kein Selbstläufer. Ich werde mit fairen und sachlichen Mitteln kämpfen.

Sie sagten gerade selbst, das Ansehen der Politiker hat gelitten. Der Umgangston in öffentlichen Debatten, vor allem im Internet, ist rauer geworden. Warum wollen Sie sich das trotzdem noch einmal antun?

Ehrhold: Ganz klar, um zu gestalten und das weiter zu führen, was ich begonnen habe. 2006 war die Situation in dieser Stadt eine andere. Man hatte doch einen gewissen Stillstand verspürt. Und Ellrich war in manchen politischen Gremien nicht mehr vertreten. Es gab so gut wie keine Vernetzungen. Was ich damals jedoch unterschätzt habe, war, dass es mit Amtsantritt die Privatperson Ehrhold so gut wie nicht mehr gibt. Sie stehen ständig in der Öffentlichkeit. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. Aber mittlerweile kann ich damit gut umgehen.

Was macht den Privatmenschen Ehrhold aus?

Ehrhold:Privates sollte auch privat bleiben, auf jeden Fall bin ich ein lebenslustiger und geselliger Mensch, der auch außerhalb von Arbeit und Vereinsleben gerne für andere Menschen da ist.

Gibt es Dinge, die Sie aus heutiger Sicht anders machen würden?

Ehrhold: …(überlegt eine Weile) Man wird ja innerhalb einer Amtszeit gefragt, das ein oder andere Ehrenamt wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang hätte ich eher lernen müssen Nein zu Sagen. Ich sehe es aber auch als Wertschätzung, dass man mich fragt, mitzuarbeiten. Das betrifft auch die Arbeiten, die ich im Rahmen des Landkreises wahrnehme. Für mich bedeuten die Ehrenämter allerdings, dass einem intensiven Arbeitstag im Rathaus, oft ein arbeitsintensiver Abend zu Hause in meinem Büro oder auf Veranstaltungen folgt. Meist gibt meine Frau den Hinweis, wann es Zeit ist, die Arbeit auch einmal ruhen zu lassen.

Wobei können Sie von Ihrem Job entspannen?

Ehrhold:Bei körperlicher Arbeit am Haus und in unserem Garten in Woffleben, beim Fahrradfahren und beim Wandern in der heimischen Flur.

Wer sind Ihre politischen Vorbilder?

Ehrhold:Willy Brand und Helmut Schmidt

Herr Ehrhold, wir danken für das Gespräch

Das Interview führte Susanne Schedwill
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Kommentare

22.03.2018, 07.00 Uhr
alex300800 | Auch nicht alles, was nötig ist
Alles schön in Ellrich, glaube ich kaum... Brandschutzbedarfsplan schön, aber wann hält man sich an die dort getroffenen Prioritäten und wann wird der konsequent und nicht nur hier ein Stückchen da ein Stückchen umgesetzt.... Die Restarbeiten an der K2 sind bis heute nicht erledigt - keine Fahrbahnkennzeichnungen, keine Grünanlagen sondern Rapsfelder, Bäume die gepflanzt wurden und um die sich nie wieder einer gekümmert hat (gießen etc). Nach 1,5!! Jahren weder Rechnungen für die Anwohner, keine substantielle Aussage, ob es bei den mal veranschlagten Kosten bleibt und wann die Anwohner ohne über ihnen schwebende Rechnungsdrohung mal wieder für sich planen können. Lapidare Ansagen wie: " die Verwaltung hat 4 Jahre Zeit und bis dahin haben sie die Rechnung " zeigen mir, wie sehr der Bürger doch geschätzt wird. Aber immer sagen, es sei zu wenig Geld da. Woher kann das Geld, um die Rechnungen der K 2 zu bezahlen und warum holt sich die Stadt nicht endlich die Ausbaubeiträge bei uns ab? Wir wollen endlich wissen, was wir bezahlen müssen, wollen damit anfangen, damit wir auch mal irgendwann damit fertig sind! Aber für die Feuerwehr fehlt überall die Kohle... Irgendwie scheint auch die Verwaltung etwas ausgedünnt und bewerben wollte sich wohl letztlich auch niemand auf eine Ausschreibung. Ehrlich, an anderer Stelle prügelt man sich fast um Hausmeisterposten und zwar von Leuten, die einen Abschluss der mittleren Verwaltung haben. Warum ist das wohl so....
22.03.2018, 14.36 Uhr
dicker | Kernstadt außen vor
2,3 Millionen Euro fließen in 2 Jahren in einen knapp 1000-Seelen-Ort. Dorfentwicklung ja, aber in Maßen. Die Straße zwischen Werna und Ellrich ist jetzt kommunal, die zwischen Ellrich und Sülzhayn wird es bald. Da werden auch wieder Unterhaltskosten für die Stadt anfallen. Und die Kernstadt bleibt außen vor.

Die Innenstadt verfällt weiter, die Gehwege sind teils nicht senioren- und behindertengerecht, das Schwanenteichareal bedarf dringend einer Frischkur. Und dann ist da noch der fehlende Breitbandausbau als Standortvorteil für Wirtschaftsansiedelungen.

Die Diskussionen zum Biosphärenreservat kann man zügig abarbeiten. Beschluss erarbeiten, Stadtrat abstimmen lassen, Ruhe. Bei einem "Nein" kann auch der teure Moderationsprozess im Grunde genommen schon beendet werden. Das Biosphärenreservat ist einzig und allein ein Orden für das Umweltministerium und die Landesregierung. An den tatsächlichen Problemen unserer Region geht dieses Thema vollkommen vorbei. Da sollte der Bürgermeister klare Kante zeigen und es seinem Herausforderer gleich tun.

Solange 30 Jahre nach der Wende Menschen über Dreckwege auf ihren gepflasterten Hof fahren müssen, gilt es Prioritäten zu setzen.

Die Kommunalpolitik bewegt sich momentan so weit von den eigentlichen Problemen der Menschen weg, sodass es kein Wunder ist, dass die Politikverdrossenheit weiter auf dem Vormarsch ist. Klüngelüngelüng haben die Leute satt...
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