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Do, 10:00 Uhr
08.03.2018
Was ist das "Dark Web"?

In den dunklen Ecken des Netzes

"Dark Web", das dunkle Netz, schon der Begriff beschwört Bilder dunkler Gassen irgendwo im Großstadtdschungel und im dunkeln lauert das Böse, Räuber, Drogendealer, Pädophile, Betrüger, Fälscher und andere Schwerverbrecher. Worum es sich beim "Dunklen Netz" tatsächlich handelt, das wurde gestern im Landratsamt betrachtet...

Was ist das "Dark Web"? (Foto: Pixabay.com) Was ist das Dark Web? Foto: pixabay.com

Völlig aus der Luft gegriffen ist die Analogie nicht, in den Bereichen des Netzes, die man nicht einfach über eine Googlesuche findet wird tatsächlich viel kriminelle Energie freigesetzt. Ein halbes Gramm Heroin? Nur 100 US-Dollar. Eine Handfeuerwaffe oder lieber gleich ein Sturmgewehr? Gefälschte Papiere? Falschgeld? Wer will findet all das und mehr im Netz? Wenn man denn weiß wo und wie man suchen muss.

Der Weg in die Dunkelheit steht theoretisch jedem offen, der Zugang zum Internet hat, auch Kindern und Jugendlichen. Aus diesem Grund lud die Jugendschutzbeauftragte des Landkreises, Manja Bernsdorf, gestern in den großen Plenarsaal um über die Gefahren des "Dark Web" aufzuklären. Das nötige Hintergrundwissen brachte Ingo Weidenkaff von der LAG Kinder- und Jugendschutz mit, der sich vor allem mit neuen Medien und Anonymität im Netz befasst.

Der Experte gab zunächst erst einmal Entwarnung. Zwar würden Eltern heute ihren Sprösslingen vielfach bereitwillig den ungehinderten Zugang zum Netz ermöglichen, dass sich der Nachwuchs aber im "Dark Web" wiederfindet und mit Drogen eindeckt sei eher unwahrscheinlich. Über Suchmaschinen wie Google oder Yahoo sind die Dunklen Ecken des Netzes gar nicht zu erreichen, wer hinein will müsse "punktgenau" vorstoßen, sprich eine bestimmte Web-Adresse eingeben. Die sind aber häufig nicht statisch sondern verändern sich, verschwinden manchmal schon nach kurzer Zeit wieder. Häufig ist der Zugang zudem mit Passwörtern versehen. Ohne Insiderwissen geht es da nicht einfach weiter.

Ingo Weidenkaff führte in die Tiefen des Internets (Foto: Angelo Glashagel)

Im Datenozean

Aber was ist nun eigentlich das "Dark Web"? Allgemein unterscheidet man drei Bereiche des Netzes. Das "Surface Web", also die für jeden sichtbare Oberfläche die von den meisten Menschen Tagtäglich genutzt wird: Google, Amazon, ihre regionale Nachrichtenseite. Dieser Bereich ist der Anteilig kleinste Teil des Netzes. Weitaus größer ist das "Deep Web", das "tiefe Netz". Gemeint sind Netzwerkstrukturen großer Institutionen oder Verbünde wie Universitäten, Bibliotheken, Unternehmen oder auch Regierungen. Ein Teil des Internets den Otto-Normal Nutzer so gut wie nie zu Gesicht bekommt.

Und schließlich das "Dark Net". Über die Analogie von der dunklen Gasse geht das Wissen der meisten Menschen und auch die alltägliche Berichterstattung in den Medien nicht hinaus. "Natürlich ist es spannend in die Abgründe zu schauen", erklärt Weidenkaff, im Vordergrund des "Dark Web" stehe aber eigentlich die Anonymität im Netz. Die lockt Kriminelle an. Aber eben nicht nur. In ihrem Land wurde der Zugang zu Facebook verboten weil es dem Regime nicht gefällt das sich potentielle Oppositionelle miteinander verknüpfen? Kein Problem, über den "Tor-Browser" kann sich auch der politisch verfolgte Dissident vergleichsweise problemlos und anonym vernetzen. "Die kriminelle Ecken sind deutlich unterrepräsentiert", sagt der Jugendschützer, die meisten Nutzer würden nach freien Informationen suchen und kämen aus Ländern in denen das nicht möglich sei.

Die Anonymität die das Netz mit ein paar einfachen Kniffen bieten kann nutzen auch andere gerne, Freidenker, "Whistleblower" und auch Geheimdienste. Digital affines Volk mit einem Hang zum Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen.

Anonym im Netz

Die bekannteste Möglichkeit das zu tun ist das Tor-Netzwerk. "Tor" steht für "The Onion Router", der "Zwiebel-Verteiler". Wie eine Zwiebel durch mehrere Schichten geschützt ist stellt das Tor Netzwerk sicher, dass die eigenen Daten über mehrere Kanäle rund um den Globus geschickt werden und so faktisch fast nicht mehr zurückzuverfolgen sind. Fast. Hinzu kommen kryptischere und wenig bekanntere Möglichkeiten wie das "FreeNet", "ZeroNet" oder "I2P". Was man dann findet sieht dem "normalen" Netz recht ähnlich. Es gibt Online-Shops, Diskussionsforen, Wikis und auch Suchmaschinen.

An der Oberfläche des "Dark Web" ließe sich recht leicht "Hot Stuff", heiße Ware, kaufen. Ob die tatsächlich illegal ist liegt an der Rechtslage im entsprechenden Land, ein Waffenshop der in den USA völlig legal Waffen vertreiben könnte wäre nach deutschem Recht illegal. Die Anonymität bringt es zudem mit sich, das unbedarfte Nutzer buchstäblich die "Katze im Sack" kaufen. Wenn das bestellte Falschgeld dann doch von minderer Qualität ist kann man schlecht zur Verbraucherzentrale rennen, sagt Weidenkaff.

Für Jugendliche, die es tatsächlich bis in die "dunklen Ecken" geschafft haben sei es "faktisch nicht möglich größere Geschäfte zu machen", es sei denn die Eltern haben den lieben Kleinen den Zugang zu ihren eigenen Kreditkartendaten gewährt, sagt der Weidenkaff, für die Jugendschützer sei das "Dark Web" deswegen auch eine vergleichsweise kleine Baustelle.

Aber Aufklärung kann nicht schaden. Auch der Spuk um "Bitcoin", die Kryptowährung sollte einem hier keine größeren Sorgen machen. Der Preis der virtuellen Währungen ist inzwischen derart hoch, dass sich kaum ein Jugendlicher in der Lage sehen wird mit Bitcoin oder anderem Digitalgeld zu bezahlen. Das virtuelle Geld ist zur Zeit eher die Spielwiese risikofreudiger Investoren.

Und zu guter letzt sind auch Ermittlungsbehörden im "Dark Web" unterwegs. Der Shop auf dem man sich gerade mit Drogen eindecken möchte, kann gut und gerne auch eine "Fake-Seite" der Polizei sein. Ein Köder für kleine Fische. Geht eine illegale Seite "hoch", dann haben die Behörden womöglich auch Zugriff auf die Nutzerdaten der Kunden. Das gehe inzwischen soweit, dass konspirative Gruppen wie Pädophilenringe oder auch Geheimdienste wieder vermehrt auf analoge Kommunikationswege zurückgreifen würden, meinte Weidenkaff. Verbote brächten indes wenig, werden illegale Webseiten ausgehoben tauchen sie meist wenig später an anderer Stelle wieder auf.

Außerhalb der Grauzone

Anonymität und Datensparsamkeit im Netz sind nicht per se schlecht. Wer sich im "Dark Web" bewegen oder Möglichkeiten wie den Tor Browser nutzen wolle der müsste kein schlechtes Gewissen haben, meint Weidenkaff. Entscheidend ist nicht das man in den anonymen Bereichen des Netzes unterwegs ist, sondern was man dort tut. Und: einen hundertprozentigen Schutz vor Entdeckung gibt es nicht. Der Gründer der Plattform "Silk Road" etwa, gestartet als Forum für Freidenker und in der Folge zum internationalen Drogenumschlagplatz mutiert, sitzt heute lebenslänglich hinter Gittern, weil er seine persönlichen Daten in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit kenntlich gemacht hatte.

Das es kriminelle Energie im Netz gibt ist unbestreitbar. Ganz so dunkel wie allgemein angenommen ist es im "Dark Web" aber dann doch nicht. Für die meisten Jugendlichen dürften die Gefahren noch immer eher im analogen Alltag oder dem "hellen" Netz liegen. Drogen kann man auch in der "echten" Welt kaufen und auch der unbedarfte Streifzug im Glasgewand gängiger Browser und Messenger zwischen Google, Youtube, Amazon und WhatsApp birgt seine ganz eigenen Nachteile.
Angelo Glashagel
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