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Mi, 12:15 Uhr
12.04.2017
In Nordhausen offenbar nicht möglich

Öffentliche Diskussion über Erinnerungskultur

Rund um den 72. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora führte der Verein Jugend für Dora ein eigenes Projekt durch: Rund 40 Aufkleber verteilten die Mitglieder im Stadtgebiet Nordhausen, jeweils vier weitere in Osterode und Bad Lauterberg, um eine Diskussion zur Erinnerungskultur anzuregen...


Kaum zwei Tage später sind die meisten Aufkleber geklaut und zerstört. Der 72. Jahrestag der Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora war auch für den Verein Jugend für Dora Anlass, ein eigenes Projekt auf den Weg zu bringen. Anschließend an die wichtigen Diskussionen um die Zukunft des Gedenkens und der Erinnerungskultur, wollte der Verein eine Diskussion in der Stadt Nordhausen anstoßen.

Zu diesem Zweck wurden von den Mitgliedern in der Nacht von Sonntag auf Montag rund 40 Bodenaufkleber an belebten Orten in der Stadt Nordhausen verteilt. Auf den Aufklebern sind Statements aufgedruckt, die eine Diskussion über die zukünftige Erinnerungskultur und aktuelle politische Debatten anregen sollen. Dazu wurde eigens ein Blog angelegt, auf welchem offen diskutiert werden sollte und zu welchem man über einen Link auf den Aufklebern gelangen kann.

Bereits ein Tag nach Beginn des Projektes sind aber fast alle Aufkleber in Nordhausen gestohlen oder zerstört worden. Dies teils unter den Augen von Mitgliedern des Vereins und der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. „Es ist erschreckend, wie selbstbewusst hier Straftaten begangen werden, um eine Debatte über Erinnerungskultur zu verhindern“, sagt Carmen Hause, die Vorsitzende von Jugend für Dora. Mittlerweile hat der Verein Strafanzeige gestellt.

„Der erhebliche finanzielle Schaden ist für uns nicht der zentrale Punkt, vielmehr sind wir erschrocken darüber, dass es in Nordhausen nicht möglich ist, eine offene Diskussion über Erinnerungskultur anzustoßen, ohne dass Menschen versuchen, dies zu verhindern“, so Carmen Hause weiter. Für den Verein war das diesjährige Projekt rund um den Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte ein offenes Experiment, bei dem es zu einem Dialog mit Nordhäuserinnen und Nordhäusern kommen sollte.

Dass das Projekt nun durch Sachbeschädigungen und Diebstahl zu einem vorzeitigen Ende gekommen ist, bietet sicher eine ebenfalls spannende Diskussion über den Umgang mit offenen und demokratischen Diskussionsprojekten in Nordhausen.

Das Kommentieren und Diskutieren der Statements und Ereignisse wird aber wie geplant bis zum Sonntag, den 16. April, möglich sein. Die Seite ist unter dem Link jfd72.wordpress.com zu erreichen sein.
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Kommentare

12.04.2017, 12.35 Uhr
ReneM
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema
12.04.2017, 14.48 Uhr
Leser X | Tja, was soll man dazu sagen...
... das ist halt Deutschland im Jahre 2017... Nur wenn die Barberei der Vergangenheit vergessen wird, kann die neue gedeihen.
12.04.2017, 15.59 Uhr
Joerg B. | Mein Diskussionsbeitrag:
Ich beziehe mich auf: jfd72.wordpress.com

Zu: „Erinnern. Was hat das mit mir zu tun?“

Bezüglich „72. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora“ ist die Erinnerung für fast alle im Südharz Lebenden aus biologischen Gründen keine persönliche Erinnerung. „Kollektive Erinnerung“ ist heute „Erinnerung aus zweiter Hand“. Wer wie ich sein halbes Leben in der „DDR“ verbracht hat und seine persönlichen Erinnerungen mit den offiziellen Fernsehdokumentationen vergleicht, weiß wie subjektiv gefärbt bis verfälscht so etwas sein kann.

„Erinnern“ ist meist nur „die halbe Miete“. Erinnerungen sind für die Katz, wenn man daraus für die Gegenwart keine oder die falschen Schlüsse zieht. Außerdem hat das Grauen des 2. Weltkriegs eine lange Vorgeschichte.

Zu: „Es ist passiert. Es kann wieder passieren.“

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich! Ich schätze, das war schon vor Mark Twain bekannt. Ich hatte schon bezüglich der Muster-Wiedererkennung darüber geschrieben (z.B. Erdogan-Türkei)

Zu: „Angst schafft Grenzen. Angst kann töten“

Wenn ich mal in den Zoo gehe, bin ich meistens ganz froh über die Hindernisse zwischen mir und dem „Raub“-tiergehege. Hätten wir fürsorgliche Götter als Betreiber des globalen Menschenzoos, wären blutige Konflikte viel seltener. (Bezugnehmend auf Karfreitag: Der Gott der Christen wird scheinbar bis heute als abschreckendes Beispiel demonstriert „zur Schau gestellt“!)

Es gibt nun mal antagonistische Gegensätze zwischen uns „Mörderaffen“ (K. Lorenz). Diese sind leider nicht von Heute auf Morgen aus der Welt zu schaffen vor allem nicht, wenn der gute Wille fehlt.

Zu: „Solidarität mit Freunden, mit Fremden. Mit Menschen.“

Mal etwas flapsig: Bis heute wird über die Gründe für das Aussterben der Neandertaler gerätselt. Wer mich mit einem bestimmten NACHDRUCK von seinem Glauben überzeugen will, der wird mir immer ein wenig fremd bleiben!)
13.04.2017, 01.58 Uhr
Andreas Dittmar | Ja zur Errinnerungskultur
Ich finde es absolut richtig, das man sich auch mit diesen 12 Jahren unserer Vergangenheit beschäftigt und diese aufarbeitet. Sehr wertvoll ist hier auch das Mitwirken der letzten wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Meine große Anerkennung geht auch an die Schüler, die hier Stück für Stück die Informationen zusammentragen und so dazu beitragen die Gedenkstätten am Leben zu erhalten. Das ist wichtig, damit sich jeder für sich ein Bild von dieser Zeit machen kann und sich seine Meinung darüber bildet.
Genau hier kommt aber die Errinerungskultur ins Spiel. Hier versuchen eben einige selbsternannte Moralapostel, die vielleicht noch nicht einmal diese Zeit selbst erlebt haben diese Geschichte für einen Fingerzeig und besonders für einen Appell an das Gewissen der Menschen auszunutzen. Hier werden permanent Parrallelen aus der Vergangenheit in die heutige Zeit gezogen und Menschen mit Opfern und Tätern von damals gleichgestellt. Wir sind Deutsche und tragen eine Schuld für die Verbrechen die damals geschehen sind. Sogar Gedenkveranstaltungen vor den Gräbern der Opfer des Krieges werden dazu missbraucht, Vertreter der politischen Gegenseite in die Täterecke zu stellen und ihnen unmissverständlich klar zumachen, das ihr Weg wieder in diese Zeit zurück führt. Das hat mit Gedenken und Vergangenheitsbewältigung wenig zu tun.
Ja wir sind Deutsche und wir tragen eine Verantwortung, die Vergangenheit aufzuarbeiten, die Täter zur Verantwortung zu ziehen und denen würdig zu gedenken, die durch diesen Krieg ihr Leben verloren, in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, durch Kriegsverbrechen, Bombenangriffe, Flucht und Vertreibung.

Diese Aufkleber zu zerstören ist natürlich keinesfalls in Ordnung. Da steckt viel Arbeit drin und darüber sollte man auch reden. Warum bringt man diese in der Nacht an belebten Orten an ? Warum keine Infostände wo man miteinander redet ? Ich bin mir sicher wenn man diese an den Orten des Gedenkens geteilt hätte, dann wäre ihre Botschaft auch richtig angekommen.
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