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Mo, 06:00 Uhr
20.04.2015

Schnaps, Schweiß, Katzen und der Mensch

Mit dieser Überschrift können Sie nichts anfangen? Macht nichts, Sie sollten trotzdem weiterlesen. Kleiner Hinweis: es geht um den ersten Nordhäuser "Science Slam", der am Wochenende an der Hochschule stattfand. Die nnz mit einem komplett subjektiv gefärbten Bericht...

Erster Nordhäuser Science Slam (Foto: Angelo Glashagel) Erster Nordhäuser Science Slam (Foto: Angelo Glashagel)

Am Wochenende wehte doch tatsächlich ein Hauch von studentischem Leben durch Nordhausen. Denn, seien wir mal ehrlich, wenn man nicht gerade am Weinberg wohnt bekommt man im Nordhäuser Alltag trotz gut 2500 eifriger Studenten nicht viel von dem geboten, was das Leben in einer "Hochschulstadt" so ausmacht.

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In den größeren Hochschul- und Universitätsstädten gehört zum Beispiel der "Poetry Slam" zum festen Bestandteil des Veranstaltungskalenders: zumeist junge Menschen präsentieren in lockerer Atmosphäre selbstgeschriebene Gedichte, Kurzgeschichten, satirische Einlagen und Lieder. Das Publikum entscheidet dann, wer als Sieger aus dem Dichterwettstreit hervorgeht.

Seit einiger Zeit nun erfreut sich auch die Abwandlung dieser Idee, der "Science Slam", steigender Beliebtheit. Dabei versuchen Wissenschaftler ihre eigenen Arbeiten dem Publikum in zehnminütigen, meist humorigen Vorträgen zu erläutern.

Am Samstag feierte das Format auch in Nordhausen Premiere. Und da allein die Ankündigung das Herz dieses Alumnus höher schlagen ließ, wollen wir jetzt die üblichen Pfade unserer, nach bestem Wissen und Gewissen höchst objektiven Berichterstattung verlassen, liebe Leser, und ein Hohelied auf die Slam-Kultur anstimmen.

Science Slam Nordhausen, die Erste

Und, soviel vorweg, hoffentlich nicht die letzte. Das Audimax war schon einmal gut gefüllt, sehr schön. Da saßen viele Studenten. Mit der Parentalgeneration im Schlepptau waren aber vor allem auch solche gekommen, die es vielleicht einmal werden wollen, schließlich war Informationstag an der Hochschule. Etwa doppelt so viele Studenten in spe wie im vergangenen Jahr sollen sich am Samstag für die Nordhäuser Hochschule interessiert haben, sagte Präsident Wagner. Nun aber gut, Zahlen wird es ja bei einem Science Slam noch genug geben. Vorhang auf.

Moderator Tobias Glufke sprüht nur so vor Energie, springt von der Empore, steht mitten im Publikum und heizt selbiges schon einmal an. Die Abstimmung wird über Applaus laufen, von verhalten bis ekstatisch, und das Publikum besteht den ersten Test bravurös.

Zur Wissensschlacht treten an: Philip Bracker, Germanist aus Potsdam (ein Bruder im Geiste, stelle mich mental schon auf frenetischen Jubel ein) und Reinhard Remfort, Physiker aus Duisburg, Sieger des Bundeswettbewerbs 2013. Außerdem angereist: Janina Otto, Humanbiologin aus Marburg und eine "seltene Spezies", wie Moderator Glufke anmerkt. Frauenquote gibts beim Slam anscheinend nicht. Zu guter letzt: Benedikt Dercks, Verfahrenstechniker aus Bochum.

Graphen leicht erklären mit Benedickt Dercks: unten links ist stocknüchtern, oben rechts knallts voll rein (Foto: Angelo Glashagel) Graphen leicht erklären mit Benedickt Dercks: unten links ist stocknüchtern, oben rechts knallts voll rein (Foto: Angelo Glashagel)

Graphen leicht erklärt mit Benedickt Dercks - unten links: stocknüchtern, oben rechts: knallt voll rein

Er eröffnet den Abend mit dem Thema: Mikro-Destillation. Sprich mit Schnaps. Drei mal dürfen sie raten wie das beim Nordhäuser Publikum ankam. Damit aus körnigem Getreide hochprozentiger Klarer wird bedient man sich eines thermischen Trennverfahrens, erklärt Derck. Durch einfaches erhitzen kann aus aufgeweichtem Ausgangsmaterial, sagen wir mal Korn, ein Gemisch mit
gut 40% Alkoholanteil gewonnen werden.

Das Verfahren wird aber nicht nur zum herstellen von Schnaps, sondern vor allem in der Chemie eingesetzt und verlangt im industriellen Maßstab nach großen, sehr komplexen Anlagen. Wer jetzt an die Leunawerke bei Halle denkt, der liegt Goldrichtig. Heutzutage komme es aber nicht mehr auf die Größe an, meint Dercks. Mikro-Destillationsanlagen seien viel praktischer und erläutert seine These anhand einer Foto-Lovestory. Zuerst die alte Technik: sie ist groß, passt nicht in den Fahrstuhl, nicht ins Auto, nicht ins Bett und neigt zum "Kotzen".*

Eine Mikro-Destillationsanlage hingegen passt überall hinein, kotzt nicht und man kann sich mit ihrer Hilfe, zumindest theoretisch, schon auf dem Weg zur Kneipe selbst ein Schnäpschen brennen, erläutert Dercks. Frage mich ob der das schon ausprobiert hat. Da bekommt der Begriff Vorglühen eine ganz neue Bedeutung.

In den kleinst-Anlagen liegt die Zukunft, erläutert der Feststoffverfahrenstechniker. Durch Kombination könne man modulare Fabriken bauen die vielseitiger und vor allem kleiner sind, was nicht nur der komplizierter gewordenen Nachfrage gerecht werden würde, sondern auch die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen könnte. Ende, ordentlicher Applaus, ich fühle micht gut unterhalten und ein wenig schlauer.

Wahrnehmungsprobleme, Todesmaschinen und eine Katze

"Es winkt zurück" - was passiert wenn Physiker mit Lasern spielen dürfen erklärte Reinhard Remfort  (Foto: Angelo Glashagel) "Es winkt zurück" - was passiert wenn Physiker mit Lasern spielen dürfen erklärte Reinhard Remfort (Foto: Angelo Glashagel) Der Mann auf dem Bild ist Physiker (gemeint ist der Herr auf der rechten Seite). Reinhard Remfort befasst sich mit, und jetzt bitte einmal alle kollektiv Luft holen: der "Epitaxie hochreiner Diamantschichten zur Untersuchung oberflächennaher NV-Störstellen".

Sie lesen noch weiter? Gut. Remfort untersuchte in seiner Doktorarbeit "Fehlstellen" in perfekten Diamantkristallen. Seine Problemlösungsstrategie erklärt der Physiker folgendermaßen: man nimmt den größten Laser den man finden kann und brät solange auf dem Untersuchungsobjekt herum, bis was passiert.

Was dann passiert wird für aufgeregte Diskussionen an ihrem Physiker Stammtisch sorgen: es leuchtet. Um zu verstehen, warum das so bedeutsam ist gibt Remfort den Publikum einen Crashkurs in Quantentheorie. Man nehme einmal Max Planck, der mit dem Plankschen Strahlungsgesetz und der Planck-Skala die Grenze für die Anwendbarkeit der bekannten physikalischen Gesetze aufgezeigt hat, indem er schwarze Hohlräume untersucht hat. Mit den Worten Remforts: "Planck hat jahrelang in einen Ofen gestarrt und festgestellt das Energie in festen Paketen auftritt".

Als nächstes nehme man die Heisenbergsche Unschärferelation: Messungen sind nur mit bestimmter Verteilung möglich. Man kann entweder feststellen wo etwas ist, oder aber wie schnell etwas ist. Mit Heisenberg, erklärt Remfort, könne man auch einmal veruschen bei der nächsten Geschwindigkeitskontrolle zu argumentieren - "Entweder ich war in der Tempo 30 Zone oder ich bin 120 gefahren". Ach ja, Physiker müsste man sein.

Letzter Teil des Crashkurses: Schroedingers berühmte Katze. Man nehme eine Katze und packe sie in eine Kiste in der man auch eine Mordmaschine installiert hat. Die löst mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% eine tödliche Falle aus, die das Kätzchen umbringt. Dabei handelt es sich, liebe Tierfreunde, um ein Gedankenexperiment.

Solange man nicht nachsieht, ob die Maschine ausgelöst hat sind also zwei Zustände, beziehungsweise ein "überlagerter Zustand" möglich: tote Katze und lebendige Katze.

Trotz eines sehr anschaulichen Vortrages überstieg alles was nun folgte leider die Auffassungsgabe dieses armen Geisteswissenschaftlers. Es läuft daraus hinaus das es wohl sehr viele dieser "Überlagerten Zustände" gibt und Herr Remfort mit seinem Laser vielleicht einen Weg gefunden hat bestimmte Verfahren, wie sie etwa in der "Magnetresonsanztomographie" (MRT) eingesetzt werden, entscheidend zu verbessern. Anhaltender Applaus, das Publikum der Hochschule hat offensichtlich mehr verstanden als ich. Sollen sie sich nur feiern, mein Geisteswissenschaftler kommt ja noch.

Lass mich mal riechen

Als nächstes tritt Janina Otto auf die Bühne. Frau Otto beschäftigt sich von Berufswegen mit etwas, das man im Alltag möglichst zu vermeiden sucht: Transpiration, im Volksmund als "schwitzen" bekannt. Die Humanbiologin muss (unter anderem) so aufregende Dinge tun wie an Menschen riechen, die gerade einen Fallschirmsprung hinter sich haben.

Gehört zur "seltenen Spezies" der weiblichen Science Slammer - Janina Otto (Foto: Angelo Glashagel) Gehört zur "seltenen Spezies" der weiblichen Science Slammer - Janina Otto (Foto: Angelo Glashagel)

Janina Otto weiß die guten Seiten des schwitzens zu schätzen. Denn Schweiß dient nicht nur der Regulierung der Körpertemperatur sondern ist auch ein wunderbares, non-verbales Kommunikationsmittel - ob man nun einen Raum betritt in dem gerade die alles entscheidende Abschlussarbeit geschrieben wird (Angst) oder sich in den Laken vergnügt, also Lust oder, etwas unpoetischer, Kopulationsbereitschaft verströmt.

Und Janina Otto hat praktische Tipps für den Alltag. Denn all das Wissen um den Schweiß wird vor allem in der Kosmetik genutzt, um Deodorants herzustellen. Die haben drei wichitge Bestandteile: Antitranspirante, Antibakterielle Wirkstoffe und natürlich Duftstoffe.

Letztere sind meist das wichtigste Kriterium für den Kauf, wissenschaftliche betrachtet aber das schwächste Glied der Kette. Sie überdecken, im besten Fall, lediglich den Schweißgeruch. Antitranspirante verstopfen hingegen die Drüsen zu einem gewissen Grad.

Am wichtigsten sind eigentlich die antibakteriellen Wirkstoffe. Denn der Schweiß an sich, auch der an den Achseln oder weiter südlich, riecht eigentlich nicht. Wenn es ordentlich stinkt, erklärt Otto, feiern die Bakterien auf unserer Haut Party. Und da diese Bakterienkulturen von Person zu Person unterschiedlich sind, gibt es auch kein Universaldeo. Man muss ausprobieren, was am besten hilft. Schöne praktische Hinweise, ordentlicher Applaus. Kleine Information noch am Rande: Studien haben gezeigt das Männer, die sich vegetarisch ernähren, für Frauen besser riechen.

Deutsch, Türkisch, Deutsch-Türkisch

Zu guter letzt betritt Philip Bracker die Bühne. Ein Germanist, ein Geisteswissenschaftler, jemand der versucht über Sprache, Kunst und Literatur zum Wesen der menschlichen Existenz vorzudringen! Mein Freund im Geiste will über die Entstehung von ethnischer Identität sprechen, Leib- und Magenthema an Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Fakultäten Landauf, Landab. Zufrieden jauchzt mein Herz, die Hände schwitzen in freudiger Erwartung des Jubels der Massen.

Bracker arbeitet in Berlin am Zentrum "Sprache, Variation, Migration" und untersucht, wie Menschen ihre Identität für sich selbst und in der Gruppe konstruieren. Im konkreten Fall hat er mit Deutschen (oder Türken) gesprochen, die eigentlich auch mal Türken (oder Deutsche) waren und heute irgendwie beides sind. Klingt schwierig? Ist es auch. Zumindest schwieriger als Sarrazinsche Thesen á la "alles ist angeboren". Die sind, so Bracker, "rassenideologischer Schwachsinn", (anhaltender Applaus, Herz du darfst noch etwas mehr jauchzen).

Menschen sind verschieden - Germanist Philip Bracker kann das wissenschatlich nachweisen (Foto: Angelo Glashagel) Menschen sind verschieden - Germanist Philip Bracker kann das wissenschatlich nachweisen (Foto: Angelo Glashagel) Die Personen, mit denen Bracker über ihr Leben gesprochen hat, haben alle unterschiedliche Phasen erlebt in denen sie sich mal mehr als Deutsche, mal mehr als Türken gesehen haben und die inzwischen in der Öffentlichkeit mit dem Label "Deutsch-Türken" bedacht werden, ob sie das nun selbst so sehen oder nicht. Der Grad an Selbst- und Fremdbestimmung der Vorstellung von der eigenen Person schwankt dabei in den verschiedenen Lebensphasen und unter verschiedenen Umständen.

Alles sehr interessant. Und dann passiert das, was in der Geisteswissenschaft unausweichlich scheint und was ich schon fast vergessen hatte: man nimmt ein spannendes Thema, seziert und zerlegt es bis zur Unkenntlichkeit, packt alles in eine Theorie und kann am Ende mit hübsch wissenschaftlich klingenden Worten eine einfache und allgemein bekannte Wahrheit postulieren: Menschen sind unterschiedlich. Jetzt weiß ich wieder, oh jauchzend Herz, warum ich lieber diese Zeilen schreibe anstatt über Chaucer und Chomsky zu brüten.

Sieger des Abends wurde, zu Recht, Physiker Reinhard Remfort, der das Publikum trotz Graphen, Formeln und eines veritablen Wissensbombardements für sich gewinnen konnte.

Es war ein schöner und ein kurzweiliger Abend. Und ich muss trotz mäßigem Abschneidens der germanistischen Profession nicht mit gebrochenem Herzen den Heimweg antreten. Im Gegenteil. Liebe Hochschule: bitte mehr davon.
Angelo Glashagel

*Wir haben das überprüft. Der Terminus wird unter Chemikern tatsächlich benutzt um das Überlaufen einer Apparatur während der Destillation zu bezeichnen. Was das über Humor und Kreativität von Chemikern aussagt ist ihrem Urteil überlassen.
Autor: red

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