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Di, 08:00 Uhr
03.02.2015

Wir wollen den Runden Tisch

Am Alten Stolberg hinter Rottleberode baut die Firma Knauf Deutsche Gipswerke KG seit 1990/91 Gips ab. André Materlik, Werkleiter, und Lars Kothe, hauptamtlicher Förster der Firma, haben mit der nnz über Gips und Anhydrit, die DDR, Renaturierung und natürlich über den Streit um den Südharzer Gips gesprochen...

Die nnz zum Gespräch bei Knauf in Rottleberode (Foto: Angelo Glashagel) Die nnz zum Gespräch bei Knauf in Rottleberode (Foto: Angelo Glashagel)

Die Stimmung ist aufgeheizt, wieder einmal. Nach Probebohrungen Ende des vergangenen Jahres, Klagen gegen Naturschutzgebiete und Nutzungspläne sowie dem geplanten Ankauf von Grundstücken mobilisieren besorgte Anwohner wieder alle Kräfte, um gegen den Gipsabbau im Südharz zu demonstrieren. Unterstützung finden sie bei Naturschutzverbänden und der Politik.

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Die Gipsindustrie in der Region, das sind die Unternehmen Casea, Saint Gobain und Knauf, scheinen das Argumentieren aufgegeben zu haben und versuchen ihre Interessen mit rechtlichen Mitteln zu wahren. Zumindest sind ihre Argumente in der öffentlichen Debatte kaum wahrzunehmen. Die nnz hat sich bei der Firma Knauf in Rottleberode einmal angehört, wie sich der Gipskonflikt auf der Seite der Abbaubefürworter darstellt.

Gips, Anhydrit und die DDR

Eines der Hauptargumente der Abbaugegner ist die Überzeugung, dass die vorhandenen Rohstoffe ausreichen, den Bedarf zu decken. Die Industrie sieht das anders. “Die meisten Menschen schätzen den Bedarf an Gips falsch ein“, sagte André Materlik, „als Baustoff ist Gips nicht mehr wegzudenken. Aber auch in anderen Bereichen wird Gips verwendet“. In Backpulver zum Beispiel, in Aspirin und anderen Präparaten oder in Kosmetikprodukten.

Da könne man aber nicht irgendeinen Gips verwenden. Zwischen Naturgips, Gips der aus Recycling gewonnen wurde oder auch dem REA-Gips, der als Abfallprodukt in Kohlekraftwerken entsteht, gibt es qualitative Unterschiede, die sie für manche Aufgaben mehr und für andere weniger geeignet machen.

Am Alten Stolberg haben die Gipsvorkommen eine Mächtigkeit von 10 bis 20 Metern, danach stößt man auf Anhydrit – ein Gipsgestein ohne Wasseranteile und Vorstufe des begehrten Naturgipses, der sich in geologischen Zeiträumen gebildet hat. In Rottleberode ist man deswegen in der glücklichen Lage, tatsächlich auf Jahrzehnte hinaus mit ausreichenden Rohstoffvorkommen versorgt zu sein. Beim Kohnstein in Niedersachswerfen handelt es sich jedoch zum aller größten Teil um einen reinen Anhydritbruch. In den Brüchen bei Ellrich sei nur noch wenig brauchbarer Gips vorhanden, der vielleicht nur noch für fünf bis sieben Jahre die Produktion absichere, der Rest ist Anhydrit, hieß es bei den Gipsproduzenten, aus diesem könne man jedoch keine Gipsprodukte wie etwa Putze oder Bauplatten herstellen.

Die Wand am Krebsbach nahe Rottleberode im Jahr 1992 (Foto: Knauf Deutsche Gipswerke KG) Die Wand am Krebsbach nahe Rottleberode im Jahr 1992 (Foto: Knauf Deutsche Gipswerke KG)

Die Wand am Krebsbach nahe Rottleberode im Jahr 1992

Auf dem Alten Stolberg stehen Knauf 315 Hektar zur Verfügung, auf denen die Firma Gips abbauen kann. Die entsprechenden Pläne dazu stammen noch aus der DDR Zeit. Wie auch einiges anderes. „Etwa 100 ha wurden noch zu DDR Zeiten entwaldet. Hier sah es damals so aus wie die Wand am Kohnstein jetzt. Das haben wir dank besserer technischer Verfahren heute gar nicht mehr nötig. Seit den 90er Jahren haben wir gerade einmal 12 Hektar neu verritzt und im gleichen Zeitraum 30 Hektar geschlossen“, berichtete Lars Kothe, der für die Renaturierung der Flächen zuständig ist.

Natur und Wirtschaft

Im Idealfall erschließt Knauf von seinen 315 Hektar pro Jahr nur ein bis zwei Hektar, um Gips abzubauen, erläuterte Kothe. Mit allem, was zum Abbau dazugehört, kommt man auf etwa fünf Hektar. Sind diese ausgesteint, nimmt man die nächste Fläche in Angriff, renaturiert aber die Fläche, die man hinter sich gelassen hat, erläuterte Kothe. „Dazu sind wir gesetzlich verpflichtet. Das wird in Abstimmung mit den Behörden geplant und überprüft und daran halten wir uns“.

12 ha neu verritzt, 30 ha geschlossen - die Renaturierung der Abbauflächen wird vom Gesetz verlangt (Foto: Knauf Deutsche Gipswerke KG) 12 ha neu verritzt, 30 ha geschlossen - die Renaturierung der Abbauflächen wird vom Gesetz verlangt (Foto: Knauf Deutsche Gipswerke KG)

12 ha neu verritzt, 30 ha geschlossen - die Renaturierung der Abbauflächen wird vom Gesetz verlangt

Rottleberode verfügt über den größten zusammenhängend genehmigten Gipstagebau in Deutschland. Die Mitbewerber in der Region fördern weniger, sodass die Flächen, die sie nutzen, entsprechend kleiner wären. „Der durchschnittliche Flächenbedarf für eine Gewinnung von rund 200.000 Tonnen im Jahr, das entspricht einem mittelgroßen Gipswerk, beträgt gut 1 ha. Das ist nicht viel mehr als ein Fußballfeld“, sagte Materlik, „die Gipsindustrie nimmt zweifelsohne die Natur in Anspruch und verursacht für eine gewisse Zeit Schäden. Aber wir hinterlassen keine Mondlandschaften. So etwas wie die Wand in Niedersachswerfen lässt das Gesetz heute gar nicht mehr zu und so etwas will auch keiner“, sagte der Leiter der Knauf-Niederlassung. „Wenn der Gipsabbau am Alten Stolberg einmal zu Ende gehen sollte, dann wird der Berg in etwa so aussehen, wie er einst war, nur eben gute zwanzig Meter niedriger.“

Alternativen zum Abbau von Naturgips, wie sie auch von den Gegnern des Abbaus immer wieder gefordert werden, sind der sogenannte REA Gips und Recycling-Maßnahmen. Die Natur wird in Ruhe gelassen, die Industrie bekommt ihren Rohstoff. Nur so leicht ist es aus industrieller Sicht nicht. REA Gips entsteht als Nebenprodukt in Braunkohlekraftwerken. Ganz im Sinne des Natur- und Umweltschutzes gibt es aber den breiten Konsens, dass keine neuen Kohlekraftwerke ans Netz gehen sollen und die bestehenden in den nächsten 30 Jahren vom Netz gehen. Das bedeutet, dass immer weniger REA Gips zur Verfügung stehen würde. „Der REA Gips, der mit den vorhandenen Kapazitäten hergestellt wird, ist zum Großteil vertraglich gebunden“, erklärte der Werksleiter. Zurzeit werden 60% des Gipsbedarfes in Deutschland über REA Gips gedeckt und der anfallende REA Gips wird zum größten Teil zeitnah verarbeitet.“ Hinzu kommt, das der REA Gips Aufgrund seiner Beschaffenheit, alle Gipskristalle sind gleich groß, nicht für alle Produkte einsetzbar sei, erklärte Materlik.

Gips-Recycling, vor allem aus Bauschutt, steckt derweil noch in den Kinderschuhen. Die Ausbeute beträgt magere 15 bis 20%, rechnet Materlik vor, zusammen mit dem sukzessiven Ausstieg aus der Braunkohle sieht er in Zukunft eine Lücke in der Versorgung, die auch langfristig nicht durch das Recycling allein gedeckt werden könne.

Der Südharz und der Gips

Mit dem aktuellen Konflikt um Gebietskäufe und Klagen rund um die Rüdigsdorfer Schweiz hat Knauf an sich wenig zu tun. Das betrifft eher die Mitbewerber in der Region, Saint Gobain und Casea. Angesichts der plötzlichen Probebohrungen, den Klagen gegen Naturschutzgebiete und den Verkaufsgesprächen, die mehr oder minder im Stillen in die Wege geleitet wurden, müssen sich die Unternehmen im Mindesten den Vorwurf des schlechten Stils gefallen lassen. Die letzten Wochen geben wenig Anlass, den Unternehmen zu vertrauen, geschweige denn ihnen Wohlwollen entgegen zu bringen.

Materlik reklamiert für Knauf indes Ehrlichkeit. „Wir haben uns nie versteckt, immer offen informiert und Ideen für den Alten Stolberg vorgestellt, von denen eigentlich alle profitieren könnten. Inzwischen sind die Fronten in der gesamten Region aber verhärtet.“, sagte Materlik der nnz und betrachtet auch die Informationspolitik der Gipsindustrie kritisch.
„Die Versorgung der Gipsindustrie mit den für jeden Einsatzbereich unterschiedlichen Natur- und REA-Gipsen ist ein komplexes Thema. Insofern ist es notwendig, dass alle Unternehmen noch einmal glaubhafte und für alle Beteiligten nachvollziehbare Argumente zur Verfügung stellen. An dieser Stelle gibt es sicherlich noch Verbesserungspotential.“

Dies könne jedoch nur zum Erfolg führen, wenn sowohl Befürworter als auch Gegner zur grundsätzlichen Wertschöpfung durch die Gipsindustrie in der Region stünden und konstruktiv und fair miteinander umgingen. „Es ist nicht abzustreiten, dass Rohstoffgewinnung eine Beeinträchtigung für die betroffene Region und deren Anwohner ist. Mit den heute zur Verfügung stehenden planerischen und technischen Möglichkeiten, lässt sich dies aber auf ein Minimum reduzieren.“, so Materlik.

Als Ministerpräsident Ramelow zum Neujahrsempfang in Nordhausen weilte, da überraschte er die geladene High Society der Region mit der Ankündigung, dass in Sachen Gips eine Kompromisslösung gefunden werden müsse. Überraschend kam das vor allem für die politischen Vertreter, die sich zuletzt geschlossen hinter die Abbaugegner gestellt hatten. Materlik begrüßte die Ankündigung: „Wir wollen weg von der Polemik und die Streitigkeiten bewältigen, ohne das eine Seite Schaden nimmt. Wir wollen den Runden Tisch. Was den Alten Stolberg angeht, sind wir jederzeit bereit zu reden und würden in den anderen Konfliktfällen als Vermittler auftreten, so wir denn gefragt werden. Wir werden aber nicht mit Personen reden, die auf Radikalpositionen verharren. Der Rohstoff steht am Anfang der Wertschöpfungskette und die soll in der Region bleiben. Wer den Gipsabbau als solchen rundheraus ablehnt und nicht bereit ist, über Kompromisslösungen zu sprechen, mit dem wird es schwer zu diskutieren.“
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Paulinchen
03.02.2015, 10:29 Uhr
Müssen wir Deutschen…
…denn die ganze Welt mit unserem Gips versorgen? Mich würde da mal interessieren, wie viel Gips wird denn in dieser, so hohen Qualität wie die aus Rottleberode, für UNSEREN Bedarf generell benötigt? Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass hier auf Gnade und Verderb, die pure Gewinnsucht der Hauptgrund ist, dass man die Landschaft dort für sehr viele Jahre verunstalten will und die Natur dabei keine Berücksichtigung finden.

Gern hätte ich auch die Frage beantwortet bekommen, was macht Knauf, wenn der Gipsvorrat dort erschöpft ist? Stirbt damit das Werk/die Firma? Wohl kaum, denn in Ungarn und in England hat dieses Unternehmen doch auch noch Betriebsteile! Spielt hier die Fa. Knauf wirklich mit so offenen Karten, wie im Artikel beschrieben? Ich glaube, dass wir so viel Aspirin nur allein in Deutschland, gar nicht schlucken können. Und für die Herstellung von Baumaterialien, müssen entweder Alternativen oder minderwertigere Gipssorten her. Das Erdöl, die Kohle und das Erdgas werden knapp, darauf sollen wir Menschen uns einstellen und was ist, wenn der Gips knapp wird??

Schon heute stelle ich mir vor, wie die einstigen Mitarbeiter der Fa. Knauf, welche dann von einer Auffanggesellschaft beschäftigt/erniedrigt werden, mit Hacke und Spaten, in der Gipswand umherklettern und versuchen Bäume in den „Boden“ zu pflanzen. Und die Fa. Knauf hat längst neue „Quellen“ für sich gefunden.

Liebe Rottleberöder, schon vor mindest drei Jahren, habe ich in dieser Zeitung schon einmal darauf hingewiesen, dass die Fa. Knauf den Alten Stolberg auf den „Kopf“ stellen möchte. Der NABU hat inzwischen dort schon drei- bis viermal eine besondere Fledermausart zählen lassen. Doch leider ist das Ergebnis so ausgefallen, dass die Anzahl dieser Fledermausart nicht so groß ist, dass es zu einem Abbaustop reichen würde. Außerdem hat es mich verwundert, dass keiner der dort Ansässigen auch nur den Ansatz eines Protestes zeigte. Wie immer in solchen Fällen, habe ich leider den Verdacht, dass Sie nun mit Ihren Protesten auf der Strecke bleiben werden, weil das Genehmigungsverfahren schon in einem Stadium sein wird, dass die Verantwortlichen der Fa. Knauf bereits ruhig schlafen lässt.

Ob Sie aber in Zukunft noch ruhig schlafen können und Ihre Häuser keinen Schaden durch die Sprengungen erleiden, dass wage ich zu bezweifeln. Dennoch wünsche ich Ihnen, von ganzem Herzen, viel Erfolg bei Ihrer Protestaktion!!

Möge die Vernunft vor dem Kapital einmal (!) gewinnen.
Peppone
03.02.2015, 11:05 Uhr
Wasch mich, aber mach mich nicht naß
Das Problem in unserem Land sind die Ansprüche einiger Wohlstandsmaden, die ständig mit ausgestreckten, mahnenden Zeigefinger durch die Gegend laufen und die keinen Bezug zur Realität, ob zu wirtschaftlichen - oder sozialen Themen, mehr haben. Das besonders Schlimme ist, dass die Rohstoffe in Ungarn oder am besten bei den Schwarzen im Busch abgebaut werden sollen, bloß nicht hier bei uns. An Verlogenheit ist das nicht mehr zu überbieten.
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