Mi, 13:08 Uhr
28.03.2001
Das aktuelle nnz-Interview: Michael Schindhelm
nnz: Mit welchen Gefühlen kommen Sie denn nun am Freitag nach Nordhausen?
Schindhelm: Mit sentimentalen Gefühlen vor allem, denn Nordhausen ist für mich ja ein ganz wichtiger Ort in meiner Biographie gewesen, da ich zu DDR-Zeiten, aber auch während und nach der Wende dort wichtige und intensive - wenn auch unterschiedlich gefärbte - Jahre verbracht habe. Es gibt auch in Nordhausen eine ganze Reihe von Menschen, die mir im Herzen sehr nahe stehen. Da ist aber auch eine gewisse Irritation, die in dieser doch sehr herben brieflichen Ausladung seitens dieses Kulturbürgermeisters und Aufsichtsratsvorsitzenden vor einigen Wochen ihren Grund hat. Das hat meine Gefühlswelt für Nordhausen und die bevorstehende Lesung nicht durcheinandergebracht, aber dieser Umstand spielt immer noch eine gewisse Rolle.
nnz: Nach der Lesung aus Ihren Büchern wollen Sie sich auch dem Thema Stasi stellen. Wie schwer belastet Sie dieses Thema derzeit?
Schindhelm: Mich persönlich hat eigentlich mehr die Art und Weise belastet, wie damit in der Öffentlichkeit umgegangen worden ist und weniger der Umstand an sich. Diesen Umstand habe ich in erster Linie mit Menschen aus meiner beruflichen und persönlichen Umgebung auszumachen. Und da kann ich nur sagen, daß die - soweit das überhaupt möglich war - nicht überrascht waren von diesen Nachrichten, weil sie es ja längst gewußt hatten. In Bezug auf den öffentlichen Umgang möchte ich sagen, ich gehöre nicht zu den Typen, die sich einfach mal schütteln oder ein Wohlfühlprogramm einschalten, wenn man so wochenlang angegriffen wird. Vor allem die Undifferenziertheit und auch die Brutalität in diesem Umgehen, ohne daß man im Detail überhaupt wußte, wovon man redet, hat mich zwar nicht überrascht, aber das eine ist die Ahnung und das andere ist das Erlebnis. Das allerdings war schon sehr schmerzlich.
nnz: Ist diese unsägliche Ausladung durch den Aufsichtsrat der Theater GmbH ein Indiz dafür, daß das Thema Stasi in Nordhausen zu sensibel behandelt wird, oder war das für Sie eher eine Überreaktion? Will man verhindern, daß Schindhelm in Nordhausen Station machen kann?
Schindhelm: Das war eigentlich keine Nordhausen-typische Reaktion. Vor allem die Medien haben diese Stasi-Geschichte hochgekocht, und es gibt immer noch keinen Tag seit dem 11. Januar, an dem nicht in irgendeiner Zeitung irgendein Kommentar darüber drinsteht. Hier hat es eine gewisse Hysterisierung der veröffentlichten Meinung gegeben und daß sich davon Leute haben anstecken lassen, das ist nicht nur ein Spezialfall von Nordhausen. Kein Print- oder elektronisches Medium hat es sich entgehen lassen, mal seinen Senf dazu zu geben, aber als es zum Beispiel möglich war, bei der Gauck-Behörde diese Akte anzufordern und einzuschauen, haben sich nur drei oder vier Journalisten dafür wirklich interessiert.
nnz: Haben Sie vielleicht auch aus Furcht vor diesem oftmals undifferenzierten Umgang mit den Akten ihre Kontakte zum MfS nicht schon eher preisgegeben?
Schindhelm: Da muß ich Ihnen zum einen Teil recht geben, denn zu einem politischen Umbruch, wie er 1989 in der DDR stattgefunden hat, gehören auch emotionale Begleiterscheinungen. Die Forderung nach Auflösung der Staatssicherheit oder nach der Freigabe der Akten - das sind alles Forderungen, die auch ich damals geteilt habe und auch im Jahre 2001 für gerechtfertigt halte. In Einzelfällen wurde jedoch das nicht immer differenziert getan, wahrscheinlich wäre das auch in meinem Fall so gewesen. Damals hätte ich damit rechnen müssen, während heute Leute, die die Akte kennen wie zum Beispiel Lutz Rathenow, ganz klar sagen, Schindhelm ist ja eigentlich gar kein IM, das ist ja eigentlich keine Täterakte, sondern das ist ja ein typischer Fall einer Instrumentalisierung, die man genau lesen muß, weil Schindhelm selbst bespitzelt worden ist und damit auch zum Opfer wurde. Diese Differenzierung ist erst heute möglich, weil erst seit dem Herbst des vergangenen Jahres eine Akte auf dem Tisch liegt, die man bewerten kann und zu der man eine Meinung äußern kann.
nnz: Mit "Die Stadt" ist in Nordhausen ein Stück von Ihnen aufgeführt worden. Hätten Sie wieder mal Lust, als Gast Theater in Nordhausen zu machen?
Schindhelm: Ach, ich wüßte gar nicht in welcher Form. Ich bin ja weder Regisseur noch Musiker. Mein Job ist seit langem eine organisatorische Aufgabe. Ich bin eigentlich derjenige, der im Theater den Künstlern die Bedingungen verschafft, unter denen sie möglichst hohe Qualitätsarbeit abliefern können. Künstlerisch bin ich nur als Schriftsteller tätig, das ist meine Ausdrucksform. Außerdem kann ich auch nicht mehr beurteilen, was in Nordhausen für Theater gemacht wird. Ich habe übrigens auch aus der Zeit von Christoph Nix, das muß ich mal fairerweise sagen, immer wieder Positives gehört. Ich weiß auch, unter welch schwierigen Bedingungen man in einem kleinen Haus Theater machen muß. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals in Nordhausen gesessen habe und mit einer gewissen Wut die Arroganz der Macher in den großen Theatern wahrgenommen habe. Aber gerade die Leute in den kleinen Theatern wie Nordhausen haben natürlich immer gekämpft und wollten letztlich damit sichtbar machen, wie unverzichtbar ein Theater in einer kleineren Stadt ist. Und das ist sicherlich auch der Glaube, der die Theaterleute in Nordhausen heute noch beseelt.
nnz: Was erwarten Sie vom Freitagabend in Nordhausen?
Schindhelm: Ich wünsche mir vor allem ein interessiertes Lesepublikum. Ich merke, daß insbesondere "Zauber des Westens" erfreulicherweise Leser findet, die sich auch schon vorher mit "Roberts Reise" beschäftigt haben. Das ist auch für mich eine neue Erfahrung, wenn man merkt, man hat jetzt seine Leserschaft. Und das sind gerade im Osten Deutschlands Leute, die spüren, daß aus diesem Buch sich eine Stimme formuliert, die den Versuch unternimmt - nicht mit Nostalgie - sondern mit einer gewissen ersten Annäherung die Verhältnisse der 90er Jahre im Osten Deutschlands zu beschreiben: Was hat es für uns bedeutet, diesen Umbruch zu vollziehen, die Reise zu machen in eine neue Gesellschaft mit allen Widerständen, mit allen Hoffnungen und auch Enttäuschungen? Diese Fragen will ich stellen und vielleicht den Versuch unternehmen, sie zu beantworten. Ich wünsche mir, daß in Nordhausen nach der Lesung über die beiden Bücher diskutiert wird, daß natürlich auch über meine Arbeit in Nordhausen, meine Erfahrungen, die Erinnerungen daran geredet werden kann. Und da will ich auch das Thema Stasi nicht ausklammern. Schließlich wünsche ich mir an diesem Freitagabend viele Leute, die an all diesen Themen und natürlich auch an meinen Büchern Interesse haben.
nnz: Herr Schindhelm, wir danken für dieses Interview.
Autor: nnzSchindhelm: Mit sentimentalen Gefühlen vor allem, denn Nordhausen ist für mich ja ein ganz wichtiger Ort in meiner Biographie gewesen, da ich zu DDR-Zeiten, aber auch während und nach der Wende dort wichtige und intensive - wenn auch unterschiedlich gefärbte - Jahre verbracht habe. Es gibt auch in Nordhausen eine ganze Reihe von Menschen, die mir im Herzen sehr nahe stehen. Da ist aber auch eine gewisse Irritation, die in dieser doch sehr herben brieflichen Ausladung seitens dieses Kulturbürgermeisters und Aufsichtsratsvorsitzenden vor einigen Wochen ihren Grund hat. Das hat meine Gefühlswelt für Nordhausen und die bevorstehende Lesung nicht durcheinandergebracht, aber dieser Umstand spielt immer noch eine gewisse Rolle.
nnz: Nach der Lesung aus Ihren Büchern wollen Sie sich auch dem Thema Stasi stellen. Wie schwer belastet Sie dieses Thema derzeit?
Schindhelm: Mich persönlich hat eigentlich mehr die Art und Weise belastet, wie damit in der Öffentlichkeit umgegangen worden ist und weniger der Umstand an sich. Diesen Umstand habe ich in erster Linie mit Menschen aus meiner beruflichen und persönlichen Umgebung auszumachen. Und da kann ich nur sagen, daß die - soweit das überhaupt möglich war - nicht überrascht waren von diesen Nachrichten, weil sie es ja längst gewußt hatten. In Bezug auf den öffentlichen Umgang möchte ich sagen, ich gehöre nicht zu den Typen, die sich einfach mal schütteln oder ein Wohlfühlprogramm einschalten, wenn man so wochenlang angegriffen wird. Vor allem die Undifferenziertheit und auch die Brutalität in diesem Umgehen, ohne daß man im Detail überhaupt wußte, wovon man redet, hat mich zwar nicht überrascht, aber das eine ist die Ahnung und das andere ist das Erlebnis. Das allerdings war schon sehr schmerzlich.
nnz: Ist diese unsägliche Ausladung durch den Aufsichtsrat der Theater GmbH ein Indiz dafür, daß das Thema Stasi in Nordhausen zu sensibel behandelt wird, oder war das für Sie eher eine Überreaktion? Will man verhindern, daß Schindhelm in Nordhausen Station machen kann?
Schindhelm: Das war eigentlich keine Nordhausen-typische Reaktion. Vor allem die Medien haben diese Stasi-Geschichte hochgekocht, und es gibt immer noch keinen Tag seit dem 11. Januar, an dem nicht in irgendeiner Zeitung irgendein Kommentar darüber drinsteht. Hier hat es eine gewisse Hysterisierung der veröffentlichten Meinung gegeben und daß sich davon Leute haben anstecken lassen, das ist nicht nur ein Spezialfall von Nordhausen. Kein Print- oder elektronisches Medium hat es sich entgehen lassen, mal seinen Senf dazu zu geben, aber als es zum Beispiel möglich war, bei der Gauck-Behörde diese Akte anzufordern und einzuschauen, haben sich nur drei oder vier Journalisten dafür wirklich interessiert.
nnz: Haben Sie vielleicht auch aus Furcht vor diesem oftmals undifferenzierten Umgang mit den Akten ihre Kontakte zum MfS nicht schon eher preisgegeben?
Schindhelm: Da muß ich Ihnen zum einen Teil recht geben, denn zu einem politischen Umbruch, wie er 1989 in der DDR stattgefunden hat, gehören auch emotionale Begleiterscheinungen. Die Forderung nach Auflösung der Staatssicherheit oder nach der Freigabe der Akten - das sind alles Forderungen, die auch ich damals geteilt habe und auch im Jahre 2001 für gerechtfertigt halte. In Einzelfällen wurde jedoch das nicht immer differenziert getan, wahrscheinlich wäre das auch in meinem Fall so gewesen. Damals hätte ich damit rechnen müssen, während heute Leute, die die Akte kennen wie zum Beispiel Lutz Rathenow, ganz klar sagen, Schindhelm ist ja eigentlich gar kein IM, das ist ja eigentlich keine Täterakte, sondern das ist ja ein typischer Fall einer Instrumentalisierung, die man genau lesen muß, weil Schindhelm selbst bespitzelt worden ist und damit auch zum Opfer wurde. Diese Differenzierung ist erst heute möglich, weil erst seit dem Herbst des vergangenen Jahres eine Akte auf dem Tisch liegt, die man bewerten kann und zu der man eine Meinung äußern kann.
nnz: Mit "Die Stadt" ist in Nordhausen ein Stück von Ihnen aufgeführt worden. Hätten Sie wieder mal Lust, als Gast Theater in Nordhausen zu machen?
Schindhelm: Ach, ich wüßte gar nicht in welcher Form. Ich bin ja weder Regisseur noch Musiker. Mein Job ist seit langem eine organisatorische Aufgabe. Ich bin eigentlich derjenige, der im Theater den Künstlern die Bedingungen verschafft, unter denen sie möglichst hohe Qualitätsarbeit abliefern können. Künstlerisch bin ich nur als Schriftsteller tätig, das ist meine Ausdrucksform. Außerdem kann ich auch nicht mehr beurteilen, was in Nordhausen für Theater gemacht wird. Ich habe übrigens auch aus der Zeit von Christoph Nix, das muß ich mal fairerweise sagen, immer wieder Positives gehört. Ich weiß auch, unter welch schwierigen Bedingungen man in einem kleinen Haus Theater machen muß. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals in Nordhausen gesessen habe und mit einer gewissen Wut die Arroganz der Macher in den großen Theatern wahrgenommen habe. Aber gerade die Leute in den kleinen Theatern wie Nordhausen haben natürlich immer gekämpft und wollten letztlich damit sichtbar machen, wie unverzichtbar ein Theater in einer kleineren Stadt ist. Und das ist sicherlich auch der Glaube, der die Theaterleute in Nordhausen heute noch beseelt.
nnz: Was erwarten Sie vom Freitagabend in Nordhausen?
Schindhelm: Ich wünsche mir vor allem ein interessiertes Lesepublikum. Ich merke, daß insbesondere "Zauber des Westens" erfreulicherweise Leser findet, die sich auch schon vorher mit "Roberts Reise" beschäftigt haben. Das ist auch für mich eine neue Erfahrung, wenn man merkt, man hat jetzt seine Leserschaft. Und das sind gerade im Osten Deutschlands Leute, die spüren, daß aus diesem Buch sich eine Stimme formuliert, die den Versuch unternimmt - nicht mit Nostalgie - sondern mit einer gewissen ersten Annäherung die Verhältnisse der 90er Jahre im Osten Deutschlands zu beschreiben: Was hat es für uns bedeutet, diesen Umbruch zu vollziehen, die Reise zu machen in eine neue Gesellschaft mit allen Widerständen, mit allen Hoffnungen und auch Enttäuschungen? Diese Fragen will ich stellen und vielleicht den Versuch unternehmen, sie zu beantworten. Ich wünsche mir, daß in Nordhausen nach der Lesung über die beiden Bücher diskutiert wird, daß natürlich auch über meine Arbeit in Nordhausen, meine Erfahrungen, die Erinnerungen daran geredet werden kann. Und da will ich auch das Thema Stasi nicht ausklammern. Schließlich wünsche ich mir an diesem Freitagabend viele Leute, die an all diesen Themen und natürlich auch an meinen Büchern Interesse haben.
nnz: Herr Schindhelm, wir danken für dieses Interview.


