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Do, 15:44 Uhr
14.03.2013

nnz-Forum: Forum Nicolai?

Langsam aber sicher geht auch der Bau der Kulturbibliothek seinem Ende entgegen. Der Bau spaltet die Nordhäuser. An dieser Stelle das Statement einer Frau, die sich an maßgeblicher Stelle für diesen Bau und dessen Form eingesetzt hatte...


Ende dieses Jahres geht der Gebäudekomplex hinter dem Rathaus seiner Fertigstellung und Inbetriebnahme entgegen. Grund genug, noch einmal die Geschichte des für unsere Stadt so bedeutenden Ortes in Erinnerung zu rufen. Er symbolisiert auf kleinem Raum die Geschichte unserer Stadt von Gründung, Zerstörung und Wiederaufbau, vom frühen Mittelalter bis heute.

Es war die Idee, mit der Wiederbebauung dieses Ortes an die Geschichte anzuknüpfen, natürlich unter den Gegebenheiten unserer Zeit. „Beati Nicolai in foro“ so lautete ursprünglich der Name, der 1220 erwähnten Kirche am Markt. Als Kirche am Markt war sie dem heiligen Nikolaus gewidmet, dem Schutzpatron der Kaufleute. 1220 ist auch das Geburtsjahr der Freien und Reichsstadt Nordhausen, wie es in der Urkunde vom 27. Juli 1220 durch kaiserlichen Spruch bestimmt ist. Das war die erste Trennung von Kirche und Gemeinwesen. Quasi als Tauschgeschäft für die Erlangung der städtischen Freiheit mussten die Einkünfte aus der Nicolaikirche an das Domherrenstift abgetreten werden.

Ihre Baugeschichte ist dramatisch, gekennzeichnet von Feuersbrünsten, Verwüstung und Wiederaufbau. 1268 wurde die Stadt von einem Erdbeben heimgesucht. Inwieweit das ursprüngliche Kirchengebäude betroffen war, ist nicht überliefert.

Allerdings wurde zwischen 1360 und 1395 ein Stadtbild prägender Neubau mit den weithin sichtbaren schönsten Türmen der Stadt errichtet. Eine Kapelle, die später als Sakristei genutzt wurde, stifteten der Kaufmann Heinrich Wilde und Bürgermeister Jonas (der Vater von Justus Jonas, dem engen Freund Martin Luthers), was aus einem Ablassbrief von 1491 hervorgeht.

In dieser Kapelle wurde der Kirchenschatz aufbewahrt. 1522 wird in der Nicolaikirche die Reformation durch Pfarrer Heinrich Siemrodt eingeführt. Von da an war sie die protestantische Hauptkirche unserer Stadt. Dem reformatorischen Bildungsanspruch gerecht werdend, gründete Prediger Antonius Otto hier die erste Kirchenbibliothek. Eine Besonderheit von seltenem Wert stellte die kunstreiche Turmuhr dar, die leider beim Stadtbrand von 1710 mit samt den beiden Türmen zerstört wurde.

Eine kupferne Kugel unter dem Zeiger im Zifferblatt zeigte das Ab- und Zunehmen des Mondes. Unter der Kugel war ein Kopf, über dem ein goldener Apfel hing. Jedesmal wenn die Uhr schlug, schnappte der Kopf nach dem Apfel und der Apfel fuhr zurück. Zur Rechten der Kugel stand ein Engel mit einer Sanduhr, die er nach jeder Stunde umdrehte und zur Linken ein Engel, der mit einem Zepter sooft auf das Zifferblatt schlug, wie die Uhr Stunden anzeigte.

Bei diesem Brand wurden auch die fünf großen Glocken zerstört, die später durch nur zwei neue ersetzt wurden. Nach dem Wiederaufbau des Kirchenschiffes kam 1732 der ehemalige Kruzianer Christian Gottlieb Schröter als Kantor an Nicolai. Er war der Erfinder des Pianoforte. Eine Tafel an seinem Wohnhaus in der Dr.-Külz-Straße weist noch heute darauf hin.

Besonders zu erwähnen ist, dass in der Nicolaikirche die Eltern von Justus Jonas begraben wurden, sowie der langjährige Bürgermeister und Gelehrte Dr. Conrad Fromann. Als leitender Geistlicher der Stadt hat Pastor Primarius an dieser Kirche
gewirkt, an den noch heute der Primariusgraben erinnert. Entwürfe zum Wiederaufbau der Türme hat es mehrfach gegeben, zuletzt vor der Tausendjahrfeier unserer Stadt. Realisiert wurden sie nicht.

Als der Bombenangriff am 3. und 4. April 1945 den Großteil unserer Innenstadt zerstörte, fiel auch die Nicolaikirche dem Bombenhagel zum Opfer und mit ihr Hunderte von Schutzsuchenden. Dass sich in diesem Gebäude die Mitglieder der Bekennenden Kirche trafen, hatte eine besondere Tragik. Nach dem Krieg verzichtet der Parochialverband namens der Kirchengemeinde auf das Grundstück. Die Ruine blieb bis zur Enttrümmerung 1956 stehen. Später entstand dort ein Parkplatz mit Hinterhofcharakter, womit die bedeutende Historie dieses Platzes „versiegelt“ schien.

Wenn nun in wenigen Monaten das neue Gebäude – Nicolaiforum oder Forum Nicolai – neues Leben entfalten kann, dort wieder Bibliotheken einziehen, wo sie einst begründet wurden, wenn Versammlungen und Feiern stattfinden können und das Gemeinwesen ein neues öffentliches Forum erhält, wird die Geschichte dieses Ortes dem Vergessen entrissen und Neues kann entstehen.
Barbara Rinke, Nordhausen
Autor: red

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Retupmoc
14.03.2013, 16:11 Uhr
Vergessen
Nein, Frau Rinke - das unsere Heimatstadt an zwei Tagen der dunkelsten Geschichte zerstört wurde, das wird nicht vergessen. Dazu hätte es nicht eines Prunkbaus wie der Kulturbibliothek gebraucht. Dieser architektonische Unsinn hat der Stadt Unsummen an Geld gekostet und wird es bei der Betreibung auch weiterhin tun. In ihrem Beitrag vermisse ich übrigens den Hinweis auf die hunderten Sangerhäuser die die KB zu ihrer Heimstatt machen werden. Für mich müßte der Bau Forum Protz heißen.
lumpi22
14.03.2013, 17:42 Uhr
Vergessen Sie es Frau Rinke!
Dieser Protz von Bau paßt nicht in diese Stadt und ich stimme dem Vorschreiber bei! Er hat nur riesige Summen von Geld gekostet, hat die Schulden der Stadt wie eine Rakete nach oben geschossen und nun wollen Sie auch noch, dass die Bürger dieses Gebäude nicht nur als Bibliothek nutzen, sondern sie sollen darin auch noch Feiern? Ach nee, ich verzichte gern, denn ich will Ihnen nicht teures Geld vor die Füße werfen, damit mal irgendjemand meint, dass die Nebenkosten sich dadurch gedeckt haben.

Ach ja, ich spare lieber meine paar Kröten, damit ich mir was für mich leisten kann! Urlaub in reiner Natur in den Bergen, beim Wandern kann man so toll abschalten und nicht an so viel Unsinn denken, was Sie und die Stadtväter hier täglich verbrocken!
I.H.
14.03.2013, 17:53 Uhr
Ach so, Ersatz für Nicolai
Ich dachte schon das Ding soll eine Bibliothek werden. Ersatz für eine Kirche geht natürlich auch. Wenn ich mal einen Namen für dieses beeindruckende Monumentalbauwerk vorschlagen darf: "Ersatzkirche Heilige St. Barbara".
Fleischi
14.03.2013, 21:25 Uhr
Alles gut, Frau Rinke!
Es ist doch unglaublich wie gewisse Leute an allem und jedem nur rumzumeckern haben. Haben sie sich die bisherige Bibliothek mal angeschaut? Eine neue Bibliothek war schon längst überfällig. Und die "Unsummen" werden durch einen großen Teil aus Förderungen gestemmt. Vielen Dank, Frau Rinke für den historischen Abriss.
-----7
15.03.2013, 01:26 Uhr
Schade Frau Rinke,
dass Sie sich in der Stadtgeschichte etwas oberflächlich auf kirchlicher Ebene äußern.

Ich habe Nordhausen als Wohnsitz, bin gebürtiger Eichsfelder, habe aber 10 Jahre in Baden Württemberg gewohnt. Mit der Kirche habe ich allerdings nicht viel am Hut - bin eher Verweigerer der Kirche. Mich hat zum Beispiel das Läuten der Glocken öfter genervt, obwohl ich den Klang von Glocken mag (Tubular Bells - Mike Oldfield). Hier bin ich weitestgehend verschont, dachte schon, Nordhausen hat keine Glocken - jedenfalls höre ich sie zum Glück nicht.

Die interessante Geschichte von Nordhausen habe ich anders (nicht so oberflächlich) gelesen. Dabei habe ich mehr Informationen bekommen, als in Ihrer Geschichte.

An die "echten" Nordhäuser: Bitte beschwert Euch doch nicht, wenn die Stadt Euch ein neues Monument bietet. Stadtschulden hin oder her - wie viele Häuslebauer (entschuldigt mein schwäbisch) haben einen Kredit für ihr Haus aufgenommen?

Ich selbst habe in einer reichen Stadt mitbekommen, wie systematisch Gelder verschwendet wurden, nur weil diese Stadt ohne Schulden sonst keine Gelder vom Bund bekommen hätte. Manchmal wurden unsinnige Baustellen im November begonnen, nur um die Förderungen vom Staat zu bekommen und nichts aus dem Stadtsäckel zu löhnen. Die Schwaben sparen halt wo sie können, aber trotzdem sollte das nicht das Vorbild für Nordhausen sein.

Manche nennen es Prunkbau - so mag es vielleicht sein. Aber wäre der Bau nicht entstanden, hätten vielleicht wieder einige moniert, dass Nordhausen nichts zu bieten hat. Mit dem Bau macht es Nordhausen anfangs vielleicht ärmer, aber für die Zukunft macht er die Stadt reicher. Vielleicht nicht finanziell, aber monumental.

Man merkt - mein Kommentar ist wieder mal zwiespältig und in der einen oder anderen Hinsicht widersprüchlich. Aber das ist so gewollt.
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