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Do, 11:40 Uhr
28.02.2013

Stéphane Hessel ist tot

In der Nacht zum Mittwoch starb in Paris der Widerstandskämpfer, Autor und Diplomat Stéphane Hessel mit 95 Jahren. In letzter Zeit machte er noch einmal mit den zwei Streitschriften „Empört euch!“ und „Engagiert Euch!“auf sich aufmerksam. Anmerkungen in der nnz von Heidelore Kneffel...


Wer ihn kennenlernte, wird diese Persönlichkeit nicht vergessen, er gehört zu den Zeugen der Weltgeschichte. Am 23. September 2000 begegnete ich ihm gemeinsam mit anderen in der Aula des Herdergymnasiums.

Hessel in Nordhausen (Foto: Archiv Kneffel) Neugierig auf ihn hatte mich Karin Kisker gemacht, die ihn in Paris besucht hatte und von der Begegnung bewegt war. Seine Stimme mit der unvergleichlichen Melodik, seine einprägsame Gestik, seine humanistische Anschauung von der Welt, die er mit großer Überzeugung darstellte, hatten sich ihr tief eingeprägt.

Hessel war nach Nordhausen als Mitglied einer französischen Delegation gekommen. Sie begleitete den französischen Autor André Sellier, Jahrgang 1920, der in der Wiedigsburg sein Werk: „Zwangsarbeit im Raketentunnel. Geschichte des Lager Dora“ vorstellte. Er wurde als Mitglied der Resistance 1943 von der Gestapo verhaftet und von Februar 1944 bis April 1945 war er Häftling im KZ Mittelbau-Dora. Bei ihm fügt es sich, dass er Zeitzeuge war und gleichzeitig Historiker, so dass sein Werk höchsten Ansprüchen an historische Forschung genügt. Durch die Veranstaltung führte Stéphane Hessel. Unvergesslich sind mir seine Worte geblieben, mit denen er den jeweiligen Sprecher nach vorn rief: „Ich rufe jetzt zum Wort ...“, „So rufe ich jetzt zum Pult ...“, „Ich rufe jetzt Herrn W. aus Weimar - ist er vorhanden?“

Autograph (Foto: Archiv Kneffel)
Nach der Veranstaltung war er mit großer Liebenswürdigkeit zu einem kleinen Gespräch bereit und gab Frau Kisker und mir ein Autogramm.

Beim Signieren (Foto: Archiv Kneffel)
1917 kam Stefan Hessel in Berlin zur Welt und hat sich trotz seines langen Lebens in Paris als ein Kind dieser deutschen Stadt gesehen. Er war der Sohn von Franz und Helen Hessel. Sein Vater war Lektor im Rowohlt-Verlag und Schriftsteller, seine Mutter Malerin und Modejournalistin. 1924 zog die Familie in die französische Hauptstadt. Das Leben der Eltern war Vorbild für den Filmklassiker „Jules und Jim“ von Truffaut nach dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Henri-Pierre Roché. Als Autor wurde Hessel bekannt durch sein Erinnerungsbuch „Tanz mit dem Jahrhundert“.

Es enthält auch die Schilderung seiner Deportation von Paris nach Deutschland, seine Ankunft in Buchenwald am 16. August 1944. Unter dramatischen Umständen entgeht er dort der Hinrichtung und kommt unter dem Namen Michel Boitel nach Schönebeck an der Elbe. Am 4. November 1944 wird er von dort nach Rottleberode (Zweigstelle von Junkers und Außenlager des KZ Buchenwald) gebracht, wo in der Gipssteinhöhe Heimkehle eine Fabrik eingerichtet worden war, die Flugzeugfahrwerke herstellte. Hessel flieht am 1. Februar 1945, wird gefasst und kommt ins KZ Mittelbau-Dora, wo man ihn in den Bunker steckt.

Da er ja aus Deutschland stammt, spricht er perfekt deutsch und kann sich dadurch vor dem Tod retten, weil er dolmetschen kann. Dass er sich immer wieder deutsche Gedichte ins Gedächtnis ruft, besonders Hölderlin, stärkt seinen Überlebenswillen. Er kommt ins Strafkommando. In dem Buch „Gesprungene Liebe, die wahre Geschichte zu ‚Jules und Jim’“ von Manfred Flügge steht auch ein Kapitel, dass Hessel verfasst hat. Darin beschreibt er relativ ausführlich, wie er das Bombardement auf Nordhausen von Dora aus erlebt hat.

„... Der Luftangriff war jetzt genau über Nordhausen, man hörte es pfeifen und schreien und brüllen und heulen, dieser Himmel und dieses grüne Tal! Und wir saßen da und schauten. Zehn Meilen entfernt schlugen Flammen auf aus der Stadt wie in einer romantischen Inszenierung, stiegen auf bis übers Tal hinaus. Die Geräusche und das Feuer waren so nah und doch außer Reichweite. Der Gedanke an den Piloten, frei, mächtig, bedroht, an den so nahen Sieg, symbolisch deutlich, blieb doch ganz faßlich für uns. Die Sonne und der Hügel, unsere sonderbare Muße, unser ungewisses Schicksal und unser noch ungewisseres Überleben, all das ist jetzt, in meiner Erinnerung, zusammengeflossen in ein Bild der Hoffnung. Warum Hoffnung und nicht Verzweifelung? Dafür gibt es keine Erklärung ...“

Beim Herannahen der Amerikaner werden auch die Häftlinge von Dora evakuiert, viele von ihnen nach Bergen-Belsen. Hessel gelingt dabei die Flucht in der Nähe von Lüneburg. Er schlägt sich bis nach Hannover durch und kommt am 12. April dort an, als auch die Amerikaner eintreffen. Am 8. Mai 1945 trifft er in Paris ein. Von 1946 bis1951 arbeitete er bei der UNO, danach war er im französischen Außenministerium in Paris tätig. Im April 2005 war Stéphane Hessel wieder in unserer Region und hielt eine Ansprache in der Heimkehle bei Uftrungen.
Heidelore Kneffel
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